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Regisseurin Doris Dörrie: "Der Tod kann sehr lebendig machen"

Irgendwann ist immer das erste Mal: Doris Dörrie gibt mit dem Alters-Drama "Kirschblüten-Hanami" ein spätes Debüt auf der Berlinale. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt sie, warum die demografische Katastrophe für das Kino keine sein muss und warum der Tod im Nacken gut tut.

SPIEGEL ONLINE: Frau Dörrie, immer mehr deutsche Regisseure zieht es nach Westen, nach Hollywood. Warum gehen Sie mit Filmen wie "Erleuchtung garantiert", "Der Fischer und seine Frau" und nun mit ihrem Berlinale-Beitrag "Kirschblüten-Hanami" in eine andere Richtung, nach Japan? Dörrie: Ich war schon mit meinem ersten Film "Mitten ins Herz" zum Festival nach Tokio eingeladen und von Japan überwältigt. Zu Hollywood hatte ich dagegen immer ein sehr nüchternes Verhältnis, für mich war es nie ein mythischer Ort. Ich bin mit 18 zum Studium in die USA gegangen und habe damals oft Freunde in Los Angeles besucht. Nach dem großen Erfolg von "Männer" kehrte ich dorthin zurück, und die Studios machten mit mir eine richtige Schmusetour durch die Traumfabrik. Das war schon toll, jeder lobt einen, jeder will mit einem arbeiten - davon ist jeder geplättet! Wenig später habe ich dann dort meinen ersten amerikanischen Film "Ich und er" gedreht, aber recht bald gemerkt, dass das nicht meine Welt ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht? In Ihrem vor einem Jahr erschienenen Roman "Und was wird aus mir?" beschreiben Sie Hollywood als einen von Angst und Neurosen geprägten Ort. Sind sie von dort geflüchtet?

Dörrie: Nein, ich mochte es nur nicht, ständig gute Laune haben zu müssen. Das war mir zuviel, ich habe mich manchmal richtig vor meinen Agenten versteckt. Mir hat auch meine Sprache gefehlt, in der ich meine Geschichten schreibe. Vor allem habe ich in Hollywood vermisst, in Ruhe in einem Café zu sitzen und Menschen beobachten zu können. Das ist für mein Schreiben wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Und diese meditative Ruhe finden Sie in Japan?

Dörrie: Ja, aber nicht nur deshalb drehe ich so gerne dort. Ich erzähle von Menschen, die es aus verschiedenen Gründen nach Japan zieht. Sie suchen dort etwas, was sie in Deutschland nicht finden, haben aber auch allerlei Klischees von Japan im Kopf. Rudi, die Hauptfigur in "Hanami", will das Kirschblütenfest erleben und den Fuji sehen. Ich fahre nun seit über 20 Jahren nach Japan, habe aber beides immer verpasst. Entweder war die Kirschblüte vorbei, oder der Fuji war im Nebel. Das musste ich mir dann also mal anschauen.

SPIEGEL ONLINE: "Hanami" erzählt von einem Mann, der nach dem Tod seiner Frau nach Japan aufbricht ? ein Land, das sie sehr geliebt, aber nie besucht hat. In diesem Fall ist Trauer ein sehr produktives Gefühl.

Dörrie: Zunächst einmal will jeder Mensch Schmerzen vermeiden, auch seelische. Wenn man ihnen dann nicht mehr entfliehen kann, können sie Auslöser sein, das eigene Leben zu verändern. Zudem gibt es wohl kaum ein Gefühl, dass Menschen so stark verbindet wie Trauer. Man hat einen geliebten Menschen verloren und spürt gerade dann, dass man damit nicht allein ist. Ja, ich finde, der Tod kann sehr lebendig machen.

SPIEGEL ONLINE: Verdrängen wir ihn zu sehr?

Dörrie: Ja. Aber wir kommen - zum Glück - auch meist sehr spät erst mit ihm in Berührung. Verlieren deshalb aber vielleicht auch an Lebenslust. In ärmeren Ländern haben die Menschen die Allgegenwart des Todes eher vor Augen, genießen das Leben dafür aber umso mehr. Sie sagen sich: Er sitzt mir schon im Nacken, also tanze ich noch mal auf dem Tisch. In Deutschland haben wir dagegen eine Lebensversicherungsmentalität. Wir verschieben vieles in die Zukunft. Doch ich wollte einen Film machen, der zeigt, dass wir mit voller Wucht lieben sollten, dass wir nicht sparen sollten, vor allem nicht mit Gefühlen.

SPIEGEL ONLINE: Zurzeit laufen einige Filme über betagte Paare, etwa das britische Melodram "An ihrer Seite" oder die französische Komödie "Wir verstehen uns wunderbar". Entdeckt das Kino gerade die Liebe im Alter?

Dörrie: Bevor man vergeht, kann man noch mal richtig aufblühen, davon bin ich überzeugt. Es mag sein, dass den Filmemachern unsere Alterspyramide mehr und mehr bewusst wird. Die demografische Veränderung unserer Bevölkerung kann gravierende Auswirkungen auf das Kino haben.

SPIEGEL ONLINE: Muss sich das Kino zukünftig in Ermangelung jugendlicher Zuschauer nicht ohnehin dem älteren Publikum zuwenden?

Dörrie: Ich habe zum Glück noch beide Eltern und bin Mutter einer Tochter. Ich habe also die Älteren und die Jungen gleichzeitig im Blick. Wenn ich in "Hanami" beschreibe, welche Schwierigkeiten die von Birgit Minichmayr gespielte Tochter mit ihrer Mutter hat, dann kenne ich diesen Konflikt von beiden Seiten. Vielleicht sollten wir Filme machen, die die Generationen zusammenbringen.

SPIEGEL ONLINE: "Hanami" wirkt nie betulich oder elegisch, sondern ist ein sehr schneller Film. Wollten Sie im Tempo der Jugend vom Alter erzählen?

Dörrie: Der Film soll pulsieren! Ich will, dass man spürt, wie da jemand mit allen Sinnen eine neue Welt erkundet. Und zugleich wollte ich immer wieder frische Luft in den Film lassen, die Realität in die Geschichte eindringen lassen. Dafür musste ich oft von meinem Plan abweichen. Aber das ist ja eine zentrale Lehre des Buddhismus: Ein Konzept darf man zwar haben, muss aber jederzeit bereit sein, es über den Haufen zu werfen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Japan Ihre Art, Filme zu machen, verändert?

Dörrie: Der Buddhismus rät, die Welt auf uns wirken zu lassen, statt ihr unsere Sicht der Dinge aufzuzwingen. Für mich als Regisseurin bedeutet das, nicht strikt vom Blatt zu filmen, sondern offen zu sein, zu improvisieren. Als wir eine Sequenz am Meer gedreht haben, war das Wetter nicht trübe und grau, wie das Drehbuch wollte. Es herrschte strahlender Sonnenschein. Also haben alle im Team ruckzuck umdisponiert und überlegt, wie wir die Situation für uns nutzen können. So entstand in der Sequenz ein wunderbarer Kontrast zwischen unseren Schauspielern im Trauerflor und den ganz normalen Touristen, die sich ganz unbekümmert in ihren bunten Badesachen am Strand tummeln. Da arbeitet man wie beim Dokumentarfilm. Früher hätte ich mich das nicht getraut.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren mit Ihren Filmen schon mehrfach auf dem Festival von Venedig, bislang aber nie im Wettbewerb der Berlinale. Angst vor der Hauptstadt?

Dörrie: Nee, gar nicht. Der Grund, warum ich so oft in Venedig war und nicht in Berlin, ist ganz einfach: Ich bin eine gute Mutter. Ich habe mir immer Oster- und Sommerferien freigehalten, um sie mit meiner Tochter zu verbringen, und konnte deshalb frühestens im Herbst drehen. So konnte ich nie pünktlich für Berlin fertig sein.

Das Interview führte Lars-Olav Beier

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