Regisseurin Marjane Satrapi "Iran ist meine DNS"

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2. Teil: "Schwarze Haare, Dritte Welt, alles klar"


SPIEGEL ONLINE: Nun leben Sie seit 17 Jahren in Paris. Wieviele Exil-Iraner gibt es dort?

Satrapi: In ganz Frankreich mehrere zehntausend, davon vielleicht die Hälfte in Paris. Früher waren es viel mehr, aber inzwischen können sie sich die Mieten nicht mehr leisten.

SPIEGEL ONLINE: Das gilt doch für alle Pariser.

Satrapi: Ja, aber Iraner brauchen besonders viel Platz. Die Wohnung meiner Eltern in Teheran ist 300 Quadratmeter groß, und meine Mutter beschwert sich darüber, dass sie nicht genug Platz hat. Ich kann mich noch erinnern, wie ich von meinem schönen 120-Quadratmeter-Apartment in Teheran in meine Studentenbude nach Straßburg kam. Was für ein Schock: Ich hatte ein Land verlassen, in dem ich nicht frei war, und stand in einer Zelle!

SPIEGEL ONLINE: Brauchen die Menschen in Iran deshalb so große Wohnungen, weil das Leben vor allem in den eigenen vier Wänden stattfindet?

Satrapi: Klar, in der Öffentlichkeit ist doch alles verboten. Deine Wohnung ist dein Gefängnis, es sollte möglichst geräumig sein. Wo sonst soll man Partys feiern? Tanzen ist verboten! In Paris gehen die Leute viel aus, die Wohnungen können klein sein, weil man sich ohnehin kaum in ihnen aufhält.

SPIEGEL ONLINE: Wie war das, als Sie in Paris zum ersten Mal ausgingen?

Satrapi: Traurig! Ich ging auf eine Party und war so schrill angezogen wie ein Transvestit. Ich kam in einen Raum, da saßen alle brav um einen Tisch herum, aßen Paté und sprachen über Politik. Ich dachte: Scheiße, was ist das denn für eine Veranstaltung? Warum springt ihr nicht über die Sofas, warum tanzt ihr nicht, warum seid ihr nicht wild?

SPIEGEL ONLINE: Treffen Sie sich in Paris öfter mit anderen Iranern?

Satrapi: Nein, ist nicht so meine Sache. Ich amüsiere mich eher darüber, wer sich in Paris mit wem zusammentut. In Iran wären diese Leute niemals Freunde! Ich bin nicht Teil einer Community. Sehen wir das Ganze mal mathematisch: Die Wahrscheinlichkeit, in Paris einen Nicht-Iraner kennen zu lernen, ist tausendmal höher. Und die Arschloch-Quote ist unter Iranern auch nicht niedriger.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind so etwas wie die Fürsprecherin des "guten Iran". Gefällt Ihnen diese Rolle?

Satrapi: Oh nein, auf keinen Fall! Es wäre leicht für mich, die Bannerträgerin der Freiheit zu spielen. Ich bekäme sicher viel Applaus. Aber ich will das nicht. Das Spiel mache ich nicht mit.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch sicher viele, die das von Ihnen erwarten?

Satrapi: Allerdings. Ich bin dann auf einmal für alles zuständig, was in der "muslimischen Welt" passiert. Was soll das bitteschön sein, die muslimische Welt? Letztens wurde ich gebeten, an einer Diskussion über die Rolle muslimischer Frauen nordafrikanischer Herkunft in den Pariser Vorstädten teilzunehmen. Also zunächst einmal war ich noch nie in einer Vorstadt. Dann komme nicht ich aus Nordafrika, und ich bin auch keine Araberin. Ich habe geantwortet: Ihr Franzosen habt mit diesen Leuten viel mehr zu tun als ich, immerhin habt ihr sie als Kolonialmacht viele Jahre ausgebeutet!

SPIEGEL ONLINE: Der Westen schaut also nicht genau hin?

Satrapi: Es gibt viele Vorurteile. Hier in Europa werde ich schnell einsortiert, schwarzes Haar, dritte Welt, alles klar. Manchmal werde ich gebeten, CD-Cover zu entwerfen. Dann heißt es oft: "Oh, wir haben hier diese wunderbare mystische Musik aus dem Orient ..." Ich hasse diese Musik! Selbst in Iran habe ich Rock gehört. Das ist eine sehr europäische Sichtweise, in den USA ist das ganz anders. Wenn mich Iggy Pop fragt, ob ich ein Cover für sein neues Album entwerfe, ist das okay. Er kennt meine Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie 2004 in die USA gereist sind, um die Graphic Novel "Persepolis" zu promoten, haben Sie sich vorgestellt mit den Worten: "Hier bin ich: die Achse des Bösen."

Satrapi: Stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Leute reagiert?

Satrapi: Sie haben gelächelt und angefangen, sich Fragen zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Auch an der Militärakademie in Westpoint, wo Sie einen Vortrag gehalten haben?

Satrapi: Das war kurz nach Beginn des Irak-Kriegs. Da saßen junge Männer vor mir, alle Anfang 20. Denen hatte man eingetrichtert, dass das ein guter und wichtiger Krieg wäre, denn wenn man mit Anfang 20 stirbt, will man nicht für irgendwelchen Mist sterben. Ich habe ihnen gesagt: Dieser Krieg ist aber nun mal Mist. Am Ende haben sie mir applaudiert. Glauben Sie, während des Algerien-Krieges hätte ein Algerier in der französischen Militärakademie von Saint-Cyr sagen können: Euer Krieg ist Mist?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie inzwischen einen französischen Pass?

Satrapi: Ja, seit 2006. Ich besitze die doppelte Staatsangehörigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Reist es sich als Französin leichter?

Satrapi: Wenn ich in die USA fliege, kriegen die über meinen Fingerabdruck sofort raus, dass ich auch einen iranischen Pass habe. Ich werde rausgewunken, komme in einen Nebenraum, das Gepäck wird durchsucht, ich muss dumme Fragen beantworten. Das ist jedes Mal so, das war auch so, als ich 2008 zur Oscar-Verleihung gereist bin. Ich bin und bleibe nun mal Iranerin. Da komme ich nicht raus. Da will ich auch gar nicht raus.

Das Interview führte Lars-Olav Beier



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