Reisefilm "Chamissos Schatten" It's never boring around the Bering

Natur- und andere Schönheiten hat die Regisseurin Ulrike Ottinger auf Fahrten in die Beringsee filmisch festgehalten. Ihr Logbuch aus dem kargen Norden ist faszinierend opulent - und fast zwölf Stunden lang.

Von Jörg Schöning

Real Fiction

Wie eine abgeschossene Kanonenkugel fahre man über die Erde dahin, beklagte sich Adelbert von Chamisso noch Jahre nach seiner Weltumrundung. Der Dichter und Naturforscher war 1815 zu einer drei Jahre währenden Kreuzfahrt an Bord des russischen Kriegsschiffes "Rurik" aufgebrochen.

Die Suche nach einer Nordwestpassage, also nach einem Seeweg nördlich des amerikanischen Kontinents, führte ihn bis in die Südsee, von dort aber stracks in die nördlichen Breiten der Beringstraße, wo er im Sommer 1816 Kamtschatka, an der Ostküste Asiens, erreichte, um von dort aus ins damals russische Alaska überzusetzen.

Was aber würde Chamisso zu den Reisegeschwindigkeiten der Gegenwart sagen? Ulrike Ottinger, die in ihrem Film den nördlichen Routen des sich nach Entschleunigung sehnenden Weltenbummlers folgt, nahm am 1. Juli 2014 morgens in Berlin-Tegel den Flieger - und erreichte, mit LH183 (Economy Class) aus Frankfurt kommend, dank der zehnstündigen Zeitverschiebung, noch am selben Tage Anchorage.

Im Kinosaal sitzend reist es sich nun wesentlich entspannter. 718 Minuten dauert Ulrike Ottingers Film, also knapp zwölf Stunden. Und das Schöne daran ist: Er ist damit gerade "ausreichend lang", wie bei der Berlinale ein Besucher der Premieren-Vorführungen zutreffend befand. Aufgeteilt in vier Etappen tritt "Chamissos Schatten" seine Reise nun auch durch die Kinos an.

Über den Charakter seiner Seefahrt machte sich Chamisso keine Illusionen: Der Eigner der "Rurik", Nikolai Graf von Romanzoff, war neben der Zarenfamilie Hauptaktionär der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie (RAK), in deren Händen der nördliche Pelzhandel lag. Und damit Wohl und - mehr noch - Wehe der einheimischen Jäger, Sammler und Fischer.

Zwar schwärmt der romantisch gestimmte Autor von "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte" in seinen 20 Jahre später verfassten Reiseerinnerungen immer wieder von Naturschönheiten, doch die Unterdrückung und Versklavung der indigenen Völker lässt er darüber nicht außer acht.

"Seestücke" von unglaublicher Strahlkraft und Schönheit

Auch hierin folgt ihm Ottinger. "Chamissos Schatten" führt die großartigsten Landschaftspanoramen vor Augen, präsentiert "Seestücke" von unglaublicher Strahlkraft und Schönheit, rückt der Tierwelt am Polarkreis in der bezauberndsten Weise auf die Pelle - und gerät doch in keiner einzigen seiner insgesamt 43.000 und 80 Sekunden jemals in Gefahr, in die seichte Unverbindlichkeit eines einfach nur blendend fotografierten coffee table books zu verfallen.

Den Film durchziehen Texte unter anderem aus Chamissos "Reise um die Welt", deren Landschaftsbeschreibungen immer noch zutreffend sind. Angesichts dieser scheinbaren Unveränderlichkeit der Natur wirken die Kulturbrüche der letzten 200 Jahre nur noch umso härter. Am plastischsten treten diese auf einem Friedhof in Alaska zutage, wo die Gräber der christlich-orthodox missionierten Eskimos (wie ihre Nachfahren sich heute selber nennen) von Geisterhäusern überwölbt sind, wie es ihr animistischer Glaube verlangte. Auf der asiatischen Seite der Beringstraße findet man solche russisch-orthodoxen "Voodoo"-Zeugnisse nicht - sie sind infolge der Russischen Revolution verschwunden.

Bedeutender aber sind natürlich die Lebenden. Neben einer Fülle von beglückenden Sinneseindrücken vermittelt der Film auch Bekanntschaften - und räumt dabei den Menschen, die er zeigt, jenseits der üblichen Aufmerksamkeitsökonomie jede Menge Zeit ein. Sie nutzen sie für Erzählungen - über Eisbären, Rentiere, Fischfang früher und heute - wie auch für Lieder, Tänze oder Erläuterungen ihrer komplett undurchsichtigen Sprachen.

So leistet "Chamissos Schatten" genau das, was der Kritiker Willy Haas schon in den 1920er Jahren an "exotischen" Exkursionen des Kinos so schätzte: dass man hier etwas "zulernen" könne, "vor allem fremde Gefühle und fremde Gesten, was das Wichtigste ist".

Überhaupt nähert sich Ottingers Film einer ganz frühen Form des Kinos an, dem es darauf ankam, Dinge und Menschen einfach zu zeigen, und in dem es auch gestattet war, in die Kamera zu schauen. Außer solch persönlichem "Kontakt" gewährt "Chamissos Schatten" immer wieder lange Passagen einer teilnehmenden Beobachtung ihres Alltagslebens, etwa beim Fische ausnehmen oder bei der Rentierschlachtung. Es ist nicht zuletzt die Dauer dieser Kamerablicke, die das zunächst Fremde bald vertraut erscheinen lässt.

Ottingers Prinzip der filmischen Entschleunigung

"Wir sind gute Filmschauspieler", scherzt denn auch verschmitzt eine alte Frau in Tschukotka, Asiens äußerstem Nordosten, nachdem sie unterschiedlichsten Sorten von Trockenfisch vorgestellt hat. Die Jungen hier interessieren sich, wie überall auf der Welt, natürlich viel mehr für Streetball. Und wenn der Klimawandel die Nordost-, genau wie die Nordwestpassage freigelegt hat, werden auch sie sich von Fischstäbchen ernähren. Dass Tschuktschen tatsächlich ein Star-Potential haben, kann man in der Hafenstadt Anadyr sehen, wo an den Plattenbauten haushohe Darstellungen landschaftlicher wie indigener "Naturschönheiten" das Selbstwertgefühl der Einwohnerschaft stärken.

Im letzten Teil des Films, in Kamtschatka, wo die bis dahin andauernde Reisebewegung zum Erliegen kommt, geht dem ansonsten konsequenten "Motion Picture" ein bisschen die Luft aus. Dass die Aussicht auf die Bucht, in der Chamisso ankerte, neuerdings von dem "Business Tower" eines russischen Investors zugestellt wird, ist ein fatales Signal. Aber: Kamtschatka gibt visuell einfach nicht so viel her.

Auch Ottingers Prinzip der filmischen Entschleunigung gelangt damit an eine Grenze: Duldsam zeigt sie einen Elektriker, der sich mit Steigeisen an den Füßen an einem Strommast so langsam emporzieht, wie es wohl auch ein Faultier täte. Da sehnt man sich tatsächlich einmal nach jenen Siebenmeilenstiefeln, die Chamisso seinem Peter Schlemihl auf dessen Weltreise mitgegeben hatte.

Und trotzdem: Wenn der Film am Ende Überlandleitungen zeigt, deren parallele Stränge sich in der Ferne verlieren, um sich, jedenfalls theoretisch, in der Unendlichkeit zu treffen, dann wünscht man sich als Kinobesucher eben doch, "Chamissos Schatten" möge bis zu diesem Punkt dauern. Gern sogar darüber hinaus!


"Chamissos Schatten"

Kapitel 1: Alaska und die Aleutische Inseln, 193 Minuten. Kinostart: 24. März 2016

Kapitel 2 (Teil 1): Tschukotka, 192 Minuten. Kinostart: 14. April 2016

Kapitel 2 (Teil 2): Tschukotka und die Wrangelinsel, 156 Minuten. Kinostart 5. Mai 2016

Kapitel 3: Kamtschatka und die Beringinsel, 177 Minuten. Kinostart 26. Mai 2016

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