Requisitenmacher Simon Weisse Der Weltenbauer von Berlin

Wes Anderson hat die Idee, Simon Weisse die Kunstfertigkeit: In Berlin-Neukölln schafft der Requisitenmacher die hinreißenden Szenenbilder für "Grand Budapest Hotel" und jetzt "Ataris Reise". Ein Besuch.

20th Century Fox

Megasaki City ist die schillernde Dystopie einer Metropole: Autoritär regiert, aber anziehend schön. Am Horizont kratzen die bunt beleuchteten Hochhäuser den Nachthimmel, davor liegen die Überreste traditioneller, japanischer Baukunst - Holzhäuser mit Lampions zwischen Kirschblütenbäumen.

Die Fantasiestadt gehört zu den handgefertigten Szenenbildern, die Wes Andersons Stop-Motion-Film "Ataris Reise - Isle of Dogs" (Kinostart: 10. Mai), neben den ebenso handgefertigten Figuren, seine sehr spezielle Ausstrahlung verleihen. Und genau wie Filmprotagonist Atari haben auch Schauplätze wie die verlassene Raffinerie, der melancholische Autoschrottplatz und eben Megasaki eine kleine Odyssee hinter sich: Gebaut wurden die Miniatursets im Atelier von Simon Weisse in Berlin-Neukölln.

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"Ataris Reise - Isle of Dogs": Vierbeiner im Widerstand

Gemeinsam mit seinem Team war er für jene Szenenbilder im Film verantwortlich, die nicht mit Figuren bespielt werden. Die machen rund die Hälfte der gesamten Schauplätze aus. Gut zwei Jahre Arbeit stecken in Weisses Miniaturen, für Absprachen und Planung, Recherche, den eigentlichen Bau und Nachkorrekturen. In der heißen Phase schickte er jeden Abend eine E-Mail mit Bildern des aktuellen Status quo an den Regisseur. Die fertigen Kulissen wurden dann per Spedition nach London geliefert und mit den anderen Szenenbildern zusammengebracht.

Das Wort Modellbau mag Simon Weisse nicht. "Ich würde es vielleicht 'Bühnenbild für den Film' nennen - oft, aber nicht nur im Miniaturformat." "Prop Maker" lautet Weisses offizielle Bezeichnung, im Deutschen gäbe es das schöne Wort "Requisitenmacher" dafür. Aber die Arbeit funktioniert international, wie der 56-Jährige selbst: Aufgewachsen in einem zweisprachigen Elternhaus in Frankreich, gearbeitet in Großbritannien, Kooperationen mit US-amerikanischen Produktionen, ist er irgendwann in den Neunzigerjahren nach Berlin gezogen. Sein Vater war Set-Fotograf, über ihn landete Simon Weisse beim Film. Oder genauer: In einer sehr speziellen Nische davon.

Schrauben auch nach Feierabend

Nach dem Kunststudium hospitierte er im Special-Effects-Department des Fantasyfilms "Die Abenteuer des Baron von Münchhausen", Regie führte Monty-Python-Star Terry Gilliam. 1988 war das. "Ich habe alles durchlaufen, von der klassischen Requisite bis zur Arbeit mit Feuer und Explosionseffekten. Aber die Engländer haben zu mir gesagt: Miniaturen, damit solltest du weitermachen." Und das tat Simon Weisse dann auch. Der Rest war learning by doing.

In Weisses Werkstatt wird projektweise gearbeitet. Er hat Glück gehabt: Viele Hinterhöfe werden mittlerweile für üppiges Geld an Start-ups vermietet, die Mietpreisbremse funktioniert allenfalls für den Wohnsektor. Er selbst hat vor einigen Jahren ein Gemeinschaftsatelier in Neukölln bezogen, zu einem Spottpreis. Aktuell, meint der Wahlberliner, sei es dort eher kalt und ungemütlich.

Simon Weisse holt ein Tablet aus der Tasche, sein wichtigstes Anschauungsinstrument. Hier erscheinen die Kulissen für "Isle of Dogs", die bald überlebensgroß über die Kinoleinwand laufen, im Rohzustand. Auf einigen Fotos ist er selbst zu sehen, auf anderen baut, sägt, schweißt oder bemalt sein bunt zusammengewürfeltes Team Raffinerierohre, Hochhäuser und Autoschrottplätze.

Wer mit und für Simon Weisse arbeitet, muss beides beherrschen: Kreativität und Handwerk. Aber auch ein Gefühl fürs Gesamtbild. Einige Mitarbeiter haben bildende Kunst studiert oder Architektur, andere kommen aus dem Handwerk. Viele arbeiten seit Jahren in der Filmbranche. Und es gibt eine Handvoll echter Miniaturen-Geeks, die nach Feierabend noch komplizierte "Star Wars"-Raumschiffe zusammenbauen.

Immer benötigt: Bomben und Waffen

Manch versierte Architekturmodellbauer musste Weisse allerdings schon nach Hause schicken: zu perfektionistisch. "Eigentlich kann ich gar nicht genau sagen, was man haben muss, um in diesem Bereich zu arbeiten", meint der 56-Jährige. Vieles habe wohl auch mit dem Hereinfühlen in kleine Maßstäbe zu tun: "Man muss einfach wissen, was auf der großen Leinwand funktioniert."

Seit Weisse als Requisitenmacher arbeitet, hat er mehrere Dutzend Filme mit kleinen, aber oft entscheidenden Details ausgestattet. Meist zeichnet sich seine Arbeit gerade dadurch aus, dass sie nicht auffällt - oder allenfalls dem Kenner. Sein Spezialgebiet sind Bauten, die nicht unbedingt zum Tagesgeschäft der Requisite gehören: Miniaturen oder auch mal ein riesiges Forschungs-U-Boot, im Originalmaßstab nachgebaut.

Für "Cloud Atlas" von Tom Tykwer und den Wachowskis baute der Wahlberliner die knallbunten Science-Fiction-Gadgets. Für den "Medicus" mussten medizinische Instrumente aus dem Mittelalter rekonstruiert werden, und dann gibt es noch jede Menge Bomben in allen Variationen und als Spezialanfertigung wie für "Homeland": Bomben und Waffen, erklärt Weisse, würden im Film einfach immer benötigt.

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Kunst trifft Handwerk: Kleines für die große Leinwand

Selten erhalten seine Arbeiten größere Aufmerksamkeit. Manchmal aber doch: Kurz nachdem vor einigen Jahren die Anfrage für den Miniaturenbau in Wes Andersons "The Grand Budapest Hotel" kam, wurden Simon Weisses Bauten plötzlich zu Ikonen. Das zuckerbäckerfarbene Hotel, das die Filmplakate zierte und als Außenfassade fürs Geschehen diente, stammt ebenso aus seiner Werkstatt wie die Seilbahn-Szenerie oder das Observatorium.

Anderson, der sorgfältig über jedes Detail seiner Filme wacht, war begeistert von den handwerklich wie künstlerisch überzeugenden Arbeiten. Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit: "Das ist eben das Besondere an Wes", meint Simon Weisse, "er besteht darauf, dass alles so weit wie möglich per Hand gemacht wird." Heute könnte man den 56-Jährigen als ein Mitglied im Wes-Anderson-Universum bezeichnen, dem losen Verbund von Schauspielern und Szenenbildnern, Komponisten oder eben auch Miniaturenmachern, mit denen der Filmemacher immer wieder zusammenarbeitet.

Die Richtung für den typischen Filmlook gab bei ihrem neuen Film das Art Department vor, die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Abteilungen muss bei einem so kleinteiligen Film wie "Ataris Reise" noch enger funktionieren als ohnehin schon. Fast ehrfürchtig spricht Simon Weisse von Produktionsdesigner Adam Stockhausen und Animationschef Paul Harrod, beide Koryphäen auf ihrem Gebiet.

Doppelte Anziehungskraft

Im Vergleich zu manch anderer Filmproduktion genoss der Spezialrequisitenmacher hier einige Freiheiten: Die Skizzen für die Miniaturen waren vorgegeben, die Umsetzung wurde ihm anvertraut. Allein die Zeichnungen für die fantastische Megacity "hatten so viele Details: Das war der Wahnsinn!" Trotzdem muss er immer wieder selbst überlegen und recherchieren, wie seine Requisiten und Szenenbilder ausschauen könnten: Zur Bergbahn im "Grand Budapest Hotel" fand er historische Vorbilder im Internet, andere Requisiten haben ihr Vorbild auf dem Flohmarkt oder in Lexika. Wieder andere erfordern Weisses gestalterische Intuition - oder auch den Austausch mit spezialisierten Kollegen, Experten für Robotik oder Explosionen, zum Beispiel.

Heute, wo man dank CGI-Technik vieles täuschend echt simulieren kann, entwickeln Weisses Szenerien eine doppelte Anziehungskraft. Sicher auch weil sie gar nicht erst versuchen, die Lücke zwischen Film und Realität verschwinden zu lassen. "Es sieht natürlich nicht echt aus. Genau das macht aber ihren Charme aus. Es ist ein Handwerk, das seine ganz eigene Welt kreiert."

Simon Weisse ist kein CGI-Verächter; oft, meint er, könnten Kulissen und digitale Bearbeitung gut zusammenwirken. Wenn er sich etwas für die Filmbranche wünschen dürfte, dann wäre dies mehr Experimentierfreude, auch formal: Viele Filmemacher würden ihre gestalterischen Möglichkeiten womöglich gar nicht kennen. Wes Anderson, das zeigt nicht erst sein neuester Film, gehört ganz sicher nicht dazu.

Aktuell ist Weisses Werkstatt leer gefegt, doch er freut sich schon auf eine Kinderfilmproduktion: Dort weiß man die fantastischen Welten noch zu schätzen. Und wenn "Ataris Reise" angelaufen ist, kommen bald auch schon die nächsten Arbeiten aus seiner Werkstatt ins Kino: Für "Kursk", Thomas Vinterbergs Film über das gesunkene russische Militär-U-Boot, durfte Weisse die Gestaltung der Innenräume übernehmen. Und dabei, weil die genaue Ausstattung des U-Boots naturgemäß geheim war, auch ein wenig eigene künstlerische Interpretation einfließen lassen.


"Ataris Reise - Isle of Dogs" kommt am 10. Mai in die Kinos

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