"Resident Evil": Milla im Monsterland

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An der Verfilmung eines erfolgreichen Computerspiels ist schon so mancher gescheitert. Mit der in Deutschland produzierten Kinoversion des Zombie-Shooters "Resident Evil" gelang jedoch ein spannender Horror-Thriller, der dem Genre sogar neue Impulse gibt.

Jovovich in "Resident Evil": Alice im Zombieland
CONSTANTIN

Jovovich in "Resident Evil": Alice im Zombieland

Das vergangene Jahr brachte zwei Filme hervor, die man lieber nicht gesehen hätte. Sowohl "Tomb Raider" als auch "Final Fantasy" konnten nicht halten, was lautstarke Marketing-Kampagnen vollmundig versprochen hatten. Beide Verfilmungen erfolgreicher Computerspiele scheiterten an der Ambition ihrer Macher, mehr aus dem vorhandenen Stoff machen zu wollen und hinterließen reihenweise enttäuschte Film- und Spielefans, die sich über hanebüchene oder dümmliche Story- und Plotergänzungen ärgern durften.

Ein Computergame, zumal ein Actionspiel, bei dem es zumeist darum geht, möglichst ungeschoren die größtmögliche Anzahl Gegner abzuballern, ist nun einmal simpel gestrickt, und dabei sollte man es auch belassen. Zwar gibt es auch im Game-Megaseller "Resident Evil" der japanischen Spielefirma Capcom einen notdürftigen Verschwörungs-Plot, der die Helden in jene Situationen bringt, aus denen sie sich unter Einsatz ihrer Lebenspunkte und Munition freischießen und - schlachten müssen, doch traditionsgemäß ist dieser inhaltliche Rahmen für all jene im Booklet des Spiels nachzulesen, die müßig genug sind, sich nicht sofort blutgierig und bis an die Zähne bewaffnet in die dunklen und bedrohlichen Labyrinthe zu klicken.

Für Filmemacher ist das natürlich ein großes Problem. Jeder Film braucht eine starke und interessante Story, denn der Endkonsument kann im Kino nicht selbst um Ecken schleichen, sondern ist zum bloßen Zuschauen verdammt. Gleichzeitig bieten viele Actionspiele aber nahezu perfekte atmosphärische Vorlagen für spannende Kinoereignisse, die noch dazu schon über feste Fan-Klientel verfügen. Eine vermeintlich viel versprechende Investition also.

Arbeiter zu Untoten: Das "Hive"-Personal wird zur hungrigen Horde
CONSTANTIN

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Ähnliches muss sich auch Bernd Eichinger gedacht haben, nachdem er einige Mitarbeiter seiner erfolgreichen Firma Constantin Films beim Spielen von "Resident Evil" ertappt hatte. Der erfolgreiche deutsche Produzent ("Der bewegte Mann"), der zu Beginn seiner Karriere dafür sorgte, dass George A. Romeros Untoten-Massaker "Night Of The Living Dead" in deutsche Kinos gelangen konnte, wollte schon lange einen "richtig gruseligen Film" machen und begeisterte sich für den erfolgreichen Zombie-Shooter, in dem er eine passende Blaupause für sein 40 Millionen Euro teures Vorhaben sah.

In Paul Anderson fand sich ein Regisseur, der mit "Mortal Kombat" die bisher wohl respektabelste Kinoversion eines Computerspiels vorgelegt hatte, sich zudem als beinharter "Resident Evil"-Fan erwies und auch gleich noch das Drehbuch übernahm. Als Hauptdarstellerin bot sich das burschikose Supermodel Milla Jovovich ("Das fünfte Element", "Johanna von Orléans") an, die das Spiel von ihrem kleinen Bruder kannte und sich mehr als aufgeschlossen gegenüber einer reinen Actionrolle zeigte.

Kampf gegen die Zombies: Soldatin Rain (Michelle Rodriguez) findet die Untoten gar nicht nett
CONSTANTIN

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Auch unter diesen guten Voraussetzungen hätte noch alles schief gehen können, doch retteten Eichinger und Anderson ihren Film mit einigen guten Ideen vor dem Absturz auf "Tomb Raider"-Niveau. Die Story ist dennoch schnell erzählt: In naher Zukunft werden Politik, Wirtschaft und Alltagsleben von der weltumspannenden Umbrella Corporation beherrscht, die unter dem Deckmäntelchen ihrer allgemeinverträglichen Wohlfahrt militärische Forschung und haarsträubende Gen-Experimente betreibt. Diese finden statt in einem gigantischen unterirdischen Laborkomplex namens "Hive" (Bienenstock), wo Hunderte emsiger Mitarbeiter des Konzerns ihrer täglichen Beschäftigung nachgehen. Als ein experimenteller Virus ins Klimasystem des "Hive" gelangt, wird der gesamte Komplex systematisch vom allgegenwärtigen Zentralcomputer "Red Queen" versiegelt - ohne Rücksicht auf das Leben des Personals.

Schnitt. Stille. Nach dieser actionreichen Anfangssequenz befinden wir uns plötzlich in einem luxuriösen Landhaus, wo Alice (Milla Jovovich) in der Dusche aus einer Ohnmacht erwacht. Schlaftrunken stellt sie fest, dass sie sich an nichts erinnern kann, doch ehe sich ihr Geist klären kann, bricht mit einem militärischen Einsatzteam auch die Action in das Haus ein und kurz darauf wissen wir, dass das Landhaus ein verdeckter Noteingang in den "Hive" ist, durch den das Team - mitsamt Alice und ihrem ebenfalls gedächtnislosen Ehemann Spence (James Purefoy) - in den Laborkomplex eindringen will, um herauszufinden, was dort geschehen ist.

Zentralcomputer: Das Sicherheitssystem der "Red Queen" hat seine Tücken
CONSTANTIN

Zentralcomputer: Das Sicherheitssystem der "Red Queen" hat seine Tücken

Schnell stellt sich heraus, dass der entwichene Virus Tote zum Leben erweckt, die nur noch ein Ziel haben: Nahrungsaufnahme, am liebsten vom noch lebenden Objekt. Da der "Hive" mit einer Zeitschaltung in die Luft gesprengt werden soll, müssen sich die Soldaten in einem Wettlauf gegen die Zeit durch die ehemals eifrigen, jetzt aber unansehnlich untoten Arbeiter kämpfen - und verlieren dabei Kameraden um Kameraden. Das könnte schnell langweilig werden, doch Anderson sorgte mit dem Kunstgriff der Amnesie für einen zweiten, gegenläufigen Handlungsfaden: Je länger sich das Team durch die hungrigen Horden prügelt, desto schneller kehren die Erinnerungen zu Alice und Spence zurück, und mit ihnen auch ein gut durchdachtes Handlungsgerüst, dass sich erst am Ende des Films gänzlich klärt.

Dazu kommt, dass sich Milla Jovovich als perfekte Besetzung entpuppt: Im Cocktailkleid streift sie zu Anfang des Films somnambul durch die düsteren Gänge des Labor-Labyrinths - ein dunkelroter Farbtupfer, der die spätere Amazone zunächst als verletzliche Frau darstellt und die gräuliche Atmosphäre der nüchternen, artifiziellen Umgebung noch bedrohlicher macht. Nicht umsonst heißt Millas Charakter Alice: Regisseur Anderson, nicht nur Spiele-Fan, sondern auch Bewunderer der Werke von Lewis Carroll, sah Parallelen zwischen Game-Plot und den Abenteuern von Alice im Wunderland - eine Heldin taucht ein in eine phantastische Welt und erlebt übernatürliche Dinge. Auch beim Design des Zentralcomputers und dessen schachbrettartigem Sicherheitsmechanismus tauchen Motive aus dem Literaturklassiker auf. Ein Kniff, der dem Film - zusammen mit exzellenten Masken, soliden, sparsam eingesetzten Effekten und beeindruckendem Set-Design - einen unschätzbaren Mehrwert verleiht.

Erste internationale Rolle: Auch Heike Makatsch darf in "Resident Evil" mitspielen
CONSTANTIN

Erste internationale Rolle: Auch Heike Makatsch darf in "Resident Evil" mitspielen

So ist im Adlershofer "Studio Berlin" ein deutscher Action/Fantasy-Film entstanden, der ohne große Stars und lautes Marketing auskommt, dafür aber solide Spannungsmomente, glaubwürdige Charaktere und Monster bietet, die sich in geschmackvoller und angemessen ungemütlicher Ausstattung durch eine Handlung spielen, die sich nicht nur von Action-Episode zu Schauwert-Spektakel hangelt. Ein bisschen mehr Kunstblut hier und dort hätte sicher nicht geschadet - immerhin befindet man sich im ersten Zombie-Film der Neuzeit - doch schielte man wohl zu Recht auf die Altersfreigabe ab 16. Dafür hat immerhin Heike Makatsch ihre erste kleine, aber feine Rolle in einer internationalen Produktion abbekommen. Sieht aus, als hätte Bernd Eichinger sein Ziel erreicht: "Resident Evil" ist ein richtig gruseliger Film geworden. Und das ist schon viel.

"Resident Evil". Deutschland 2002. Regie: Paul Anderson; Buch: Paul Anderson; Darsteller: Milla Jovovich, James Purefoy, Michelle Rodriguez, Eric Mabius, Colin Salmon, Heike Makatsch; Produktion: Constantin Films, Impact Films, Davis Films, New Legacy; Verleih: Constantin; Länge: 100 Min.; Start: 21. März 2002

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