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Senioren-WG-Filmstarts: Wenn schon alt werden, dann bitte so!

Von Anne Haeming

Das Leben ist mit der Rente nicht vorbei: Mit "Und wenn wir alle zusammenziehen?" und "The Best Exotic Marigold Hotel" kommen gleich zwei Filme über Senioren-WGs neu ins Kino. Sie zeigen, wie Franzosen und Briten mit Demenz, Gebrechlichkeit und schwindender Manneskraft umgehen.

Twentieth Century Fox

Wenn schon alt werden, dann bitte in Frankreich und nicht unter Briten. Alternde Franzosen trinken Champagner und guten Rotwein, sitzen mit Freunden um den Gartentisch und grillen, schmuggeln selbst ins Pflegeheim gut abgehangene Landsalami und fotografieren nacktes Jungfleisch. Sie demonstrieren mit Megafon gegen die Abschiebung von Asylbewerbern und graben kurzerhand den Gemüsegarten für einen kleinen Pool um. Und dann engagieren sie auch noch Daniel Brühl als Altenpfleger. Anders ist das Alter ja nicht zu ertragen! Dieses Bild zeichnet zumindest Drehbuchautor und Regisseur Stéphane Robelin, dessen Alten-WG-Film "Und wenn wir alle zusammenziehen?" Anfang April anläuft.

Offenbar stellt sich auch die Filmindustrie auf den demografischen Wandel ein: Denn schon diese Woche kommt mit dem britischen "The Best Exotic Marigold Hotel" von Regisseur John Madden ("Shakespeare in Love") noch ein Alten-Film ins Kino. Robelin wie Madden überlassen damit der Seniorenliga der Schauspieler die große Bühne. Ein Glück, denn es gibt noch genügend alte Darsteller, die arbeiten wollen, wie die phantastischen Ensembles beweisen: Maggie Smith und Jane Fonda sind dabei, Bill Nighy und Pierre Richard, Geraldine Chaplin und Tom Wilkinson. Ihnen beim Altsein zuzuschauen ist eine wahre Freude, auch wenn sich die Herren dafür eine Handvoll Viagra einwerfen.

Etwas besseres als den Tod findet man überall

Robelin ist mit seinem zweiten Feature-Film ein ebenso anrührendes wie heiteres Generationenporträt gelungen: Fünf alte Freunde merken, dass sie alleine nicht mehr klarkommen und ziehen zusammen. Man könnte meinen, die prominent besetzte Verfilmung der Autobiografie von Henning Scherf zu sehen. Der Bremer Ex-Regierungschef gründete bereits Ende der Achtziger eine Alten-WG und wirbt seitdem für diese Wohnform.

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5  Bilder
"Und wenn wir einfach alle zusammenziehen?": In der Alten-WG
Klar, Geraldine Chaplin in ihren türkisfarbenen Chucks und Jane Fonda im Jeanshemd leben eine Alternative jenseits der Altersklischees vor. Und ja, der Film zeigt, dass eine gewisse "joie de vivre" auch dann möglich ist, wenn vom Leben nicht mehr allzu viel übrig ist und dieser Rest von Demenz und Krebs zerfressen wird.

Doch Robelin hält eben auch dann drauf, wenn sich Claude (Claude Rich) mühsam die Treppenstufen hinter einer jungen Prostituierten hinaufquält, wenn Albert (der gänzlich unalberne Pierre Richard) sich nur anhand seines Tagebuchs erinnert, dass er heute schon mit dem Hund draußen war, oder Jeanne (Jane Fonda) mit den Worten "Ich suche etwas Fröhliches" ganz nüchtern einen Sarg bestellt. Daniel Brühl wird als junger Prototyp dazugestellt: Er ist Dirk, der Ethnologe, der seine Dissertation übers Altern in Europa schreiben will, kurzerhand ins Dachgeschoss der WG zieht und den Alten zur Hand geht.

Alterswohnsitz zahlungsschwacher Briten

Derart lebendig ist "The Best Exotic Marigold Hotel" nicht. Die Versuchsanordnung für Maggie Smith, Bill Nighy, Judi Dench und ihre Mitspieler ist so banal wie pessimistisch: Mit der Pensionierung ist das Leben nicht vorbei - wenn's schlimm kommt, hat man ja schließlich noch 20 Jahre vor sich. Und sowieso, etwas besseres als den Tod findet man überall. In Indien etwa billigere Hüftoperationen und eine erschwingliche, hotelähnliche Altenresidenz ohne Schwesternklingel im Zimmer.

Die Fremde wird hier zur aufmunternden Metapher für den Neuanfang: Evelyn (Judi Dench) fängt an zu bloggen, findet einen Job als Beraterin in einem indischen Callcenter und in Douglas (Bill Nighy) eine neue Liebe; der wiederum lässt seine mäkelnde Ehefrau (Penelope Wilton) allein nach England zurückreisen. Sogar Muriel (Maggie Smith), die ihre rassistische Überzeugung penetrant vor sich herträgt und nur englische Trockenkekse und Gurken isst, wird nach zwei Monaten milder.

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"The Best Exotic Marigold Hotel": Sieben Briten-Rentner in Jaipur
Dass die Damen und Herren in Jaipur sich öffnen und neu anfangen können, liegt natürlich auch daran, dass alles anders ist: warm und knallbunt, das Essen ungewohnt und Teile der Bevölkerung - huch! - sprechen nicht einmal Englisch. Doch dieses Setting bringt auch ein Problem mit sich: Dass Indien als Alterswohnsitz von zahlungsschwachen Briten erneut kolonisiert wird und die Inder mal wieder von den Briten gezeigt bekommen müssen, wie der Laden läuft, ja selbst der "Slumdog Millionaire"-Star Dev Patel als Hotelunternehmer Sonny im englischen Original mit dickem Akzent sprechen muss, zementiert eine Hierarchie, über die man längst hinweg sein müsste. Auch ein selbstironisches "Natürlich haben wir alle unseren Kipling gelesen" ändert daran nichts.

Selbstverständlich wird in beiden Filmen auch gestorben. Mal ein Herzinfarkt, mal reicht selbst Morphium nicht mehr gegen den Schmerz. Und plötzlich ist es eben vorbei mit dem Leben. Vielleicht taugt da am besten die entspannte Losung, die der junge Senioren-Hotelier Sonny ausgibt: "Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende."


"The Best Exotic Marigold Hotel", im Kino ab 15.3.
"Und wenn wir einfach alle zusammenziehen?", im Kino ab 5.4.

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1.
etiennen 15.03.2012
Blabla, immer das selbe. Würde SPON wohl aufhören Filme darauf zu analysieren ob sie politisch korrekt sind? Ach ja, haben die meisten Inder einen Akzent wenn sie Englisch sprechen? Ich denke schon. Und ist Indien im Vergleich zu England rückständig? Eigentlich auch, oder?
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Und wenn wir alle zusammenziehen?

Frankreich/Deutschland 2012

Regie: Stéphane Robelin

Drehbuch: Stéphane Robelin

Mit: Jane Fonda, Pierre Richard, Géraldine Chaplin, Guy Bedos, Daniel Brühl, Claude Rich, Gwendoline Hamon

Produktion: Les Films de la Butte

Verleih: Pandora

Länge: 96 Minuten

FSK: Ab 6 Jahre

Start: 05. April 2012


The Best Exotic Marigold Hotel

Großbritannien 2012

Regie: John Madden

Drehbuch: Ol Parker

Mit: Maggie Smith, Bill Nighy, Judi Dench, Tom Wilkinson, Dev Patel, Penelope Wilton, Celia Imrie, Ronald Pickup, Tena Desae, Diana Hardcastle, Ramona Marquez, Liza Tarbuck, Lillete Dubey, Russell Balogh

Produktion: Blueprint Pictures

Verleih: Twentieth Century Fox of Germany

Länge: 123 Minuten

FSK: Ohne Altersbeschränkung

Start: 15. März 2012


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