"Der Fall Wilhelm Reich": Der Orgasmus-Esoteriker

Von Jenni Zylka

Genialer Libido-Theoretiker, Phantast oder schlicht nicht ganz bei Trost? Im Biopic "Der Fall Wilhelm Reich" spielt Klaus Maria Brandauer den umstrittensten Sexualpsychologen des 20. Jahrhunderts.

Am Ende von Antonin Svobodas Film "Der Fall Wilhelm Reich" richtet der Wissenschaftler (Klaus Maria Brandauer), die skurrile, mit ihren Metallrohren einer Mischung aus Teleskop und Panzer gleichende "Wolkenbrecher"-Maschine gen Himmel, um das Wetter zu beeinflussen und den ersehnten Regen zu machen. Kurz darauf kommen Männer in grauen Anzügen in Autos angefahren, um Reich wegen des Transports seines Apparats über die Bundesgrenze Floridas festzunehmen.

Obwohl es natürlich um etwas ganz anderes ging: Der 1897 in Österreich geborene Forscher war der Ausländerbehörde schon vorher jahrelang ein Dorn im Auge, wegen der damals zuhauf vermuteten "kommunistischen Umtriebe" - Reich war 1931 in Berlin Mitglied der KPD gewesen. Die "FDA" ("Food and Drug Administration") beobachtete ihn zudem misstrauisch wegen Radium-Experimenten, die Öffentlichkeit aufgrund seiner skandalträchtiger Behandlungsmethoden.

Alles ist Orgonenergie

Reich, der in Wien Medizin studiert und bei Sigmund Freud bereits als 23-Jähriger das Seminar für psychoanalytische Therapie geleitet hatte, entwickelte Freuds Theorie vom Trieb weiter: Alles, was der Mensch an psychischen Problemen und Traumata erlebe, sei auf eine Störung des Orgons, einer Art Libido, zurückzuführen. Jene von den Worten Orgasmus und Organismus abgeleitete Orgonenergie sei extrem wichtig für das sexuelle, und damit das ganzheitliche Wohlbefinden. Reich glaubte sogar, sie sichtbar machen zu können. Und als logische Konsequenz würde eine Behandlung dieser Energie, vorzugsweise in dem von ihm ersonnenen "Orgonakkumulator", der wie ein toilettenhäuschengroßes Holzkabuff aussah, Hemmungen, Blockaden und "Charakterpanzerungen" abbauen: Psychotherapeutische Körperarbeit war es, was Reich erst in Österreich, und nach mehreren Stationen auf der Flucht vor den Nazis in Europa ab 1939 auch in den USA praktizierte.

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"Der Fall Wilhelm Reich": In die Wolken geschossen
In Maine, Florida hatte Reich 1942 ein großes Grundstück gekauft, und gemeinsam mit Gleichgesinnten im eigenen Labor Forschungen betrieben, bis hin zu Experimenten, um mit der von der restlichen Wissenschaft nie anerkannten Orgontherapie Krebs zu heilen.

Svoboda hat versucht, aus den erstaunlichen Theorien Reichs einen auf Fakten basierenden Film zu knüpfen. Viele wichtige Punkte in Reichs Leben hat er dabei solide und filmisch recht brav abgehakt: Den gescheiterten Versuch, sich über die Untersuchung seines "Orgonakkumulators" durch Einstein wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zu sichern - Einstein fand bei der Analyse allerdings keine Orgonenergie, sondern führte einige von Reich beschriebenen Phänomene auf bekannte naturwissenschaftliche Quellen zurück, und brach danach den Kontakt zu Reich ab. Die Überwachung und Ausspionierung Reichs durch die US-Regierung, die gar seine Bücher verbrennen ließ. Der Erfolg, den der Forscher mit der Behandlung einiger kinderloser Amerikaner erzielte, und der ihn in der verklemmten US-Gesellschaft als "Sexdoktor" etablierte. Seine Beziehungen. Und seine am Ende stetig weniger nachvollziehbaren Gedankengänge.

Allzu freundlich dargestellt

Gespielt wird das Biopic von Brandauer mit passendem Akzent, aber etwas auf Abstand, vom restlichen Cast anständig, aber zuweilen hölzern, was durch künstlich wirkende Nachsynchronisation und aufgesagte Dialoge verstärkt wird. Reichianer könnten dennoch, wenn sie gnädig sind (was selten der Fall ist), mit diesem Film zufrieden sein: Der außergewöhnliche Mann wirkt bei Svoboda, der 2009 bereits einen Dokumentarfilm über ihn gedreht hat, wie ein emsiger, politisch linker Freidenker, der psychologisch ge- und verstörte oder krebskranke Menschen heilen will, und dabei an Engstirnigkeit und Fremdenhass einer mächtigen, korrupten Regierung scheitert. Reich starb 1957 im Gefängnis, angeblich an Herzversagen - es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, ob sein Leichnam obduziert wurde, was Anhänger und Gegner seiner Theorien bis heute wild weiterspekulieren lässt.

Doch einige von Reichs zweifelhafteren Theorien hat Svoboda unter den Tisch fallen lassen, obwohl sie erklären, wieso der Mann noch immer dermaßen starke Reaktionen hervorruft: Reichs skurrile Thesen zu Homosexuellen, denen er wegen ihrer "unterdrückten Sexualität" eine stärkere Anfälligkeit für Gewalt oder totalitäre Strukturen attestierte, haben sein Ansehen nachhaltig getrübt. Und seine bei Svoboda nur leise anklingende zunehmende Verschrobenheit, seine stärker werdende, diffus "kosmologische" Ausrichtung, bei der alles mit allem zusammenhängt, wird im Film viel zu vorsichtig in die Charakterzeichnung gemischt. Dabei hätte Reich sich selbst bestimmt gern von allen möglichen Seiten beleuchtet gesehen. Selbst, wenn dabei herauskäme, dass er schlichtweg eine Schraube locker hatte.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Der Zusammenhang ist ein anderer:
rick1979 06.09.2013
"Reichs skurrile Thesen zu Homosexuellen, denen er wegen ihrer "unterdrückten Sexualität" eine stärkere Anfälligkeit für Gewalt oder totalitäre Strukturen attestierte, haben sein Ansehen nachhaltig getrübt." Gemeint ist jede unterdrückte Sexualität, nicht Homophilie. Zwanghaft unterdrückte sexuelle Bedürfnisse aller Art, können Menschen auf längere Sicht zu extremen Verhaltensweisen treiben. In Reichs Zeit wurde Homosexualität in vielen Fällen ein Leben lang unterdrückt. Daher kommt der Zusammenhang.
2. Gute Sache
Europa! 06.09.2013
Zitat von sysopMovienetGenialer Libido-Theoretiker, Phantast oder schlicht nicht ganz bei Trost? Im Biopic "Der Fall Wilhelm Reich" spielt Klaus Maria Brandauer den umstrittensten Sexualpsychologen des 20. Jahrhunderts. http://www.spiegel.de/kultur/kino/rezension-der-fall-wilhelm-reich-mit-klaus-maria-brandauer-a-920205.html
Biopics über Leute, die kreative Ideen hatten, finde ich gut. Den Wilhelm-Reich-Film werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Die Verbindung von Idee und Person überzeugt oft mehr als die nackten Texte. Besonders natürlich wenn der unvergleichliche Klaus Maria Brandauer die Hauptrolle spielt.
3. Großer
blowup 06.09.2013
Zitat von Europa!Biopics über Leute, die kreative Ideen hatten, finde ich gut. Den Wilhelm-Reich-Film werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Die Verbindung von Idee und Person überzeugt oft mehr als die nackten Texte. Besonders natürlich wenn der unvergleichliche Klaus Maria Brandauer die Hauptrolle spielt.
Auch wenn Reich nicht vielleicht mit allem recht hatte, ist erv für mich einer der ganz großen. Und seine "Massenpsychologie des Faschismus" erklärt mir vieles besser, als andere Modelle. Der Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität und totalitären Strukturen ist für mich komplett nachvollziehbar. Und wer schon mal erlebt hat, wie sich die Sexualentwicklung in bestimmten - religiös geprägten - Staaten gestaltet (um es mal gaaanz vorsichtig zu formulieren), den wundern bestimmte Erreignisse nicht mehr wirklich.
4. Grenzwissenschaft
W. Robert 06.09.2013
Wir haben es bei Reich mit zwei verschiedenen Epochen zu tun. Das ist der junge Psychoanalytiker, der Freuds Thesen radikalisiet und sich in den Wirren der späten Weimarer Republik den Kommunisten zuwendet, die ihn instrumentalisieren und später skeptisch überwachen und diffamieren. Enttäuscht wandert Reich in die USA aus, wo er in fragwürdige Mind-Control-Experimente verstrickt wird und eine Psycho-Organisation nach dem Muster der Psychoanlytischen Gesellschaft Freuds gründet. Um 1940 entwickelt er das „Orgon“-Konzept und driftet zunehmend in okkult-esoterische Sphären ab. Seine Orgon-Therapie wird von Einstein als Humbug entlarvt und Reich wittert eine Verschwörung gegen seine „Erkenntnisse“, die zunehmend absurd werden. Im Verlauf der UFO-Hysterie wollte Reich die Außerirdischen bekämpfen, die das Orgonfeld der Erde zerstören, weil sie angeblich das Orgon zum Antrieb ihrer Raumschiffe benutzen. Er bittet die US-Regierung um Hilfe bei der Bekämpfung der Außerirdischen und gerät zunehmend in Verdacht, nicht alle Rassen im Schrank zu haben. Aber seine Mind-Control Psycho-Experimente scheinen im kalten Krieg trotzdem noch willkommen zu sein, da die Geheimdienste an ähnlichen Projekten arbeiten und dabei auch Massenexperimente mit Drogen durchführen. Genau betrachtet hat Reich offensichtlich selbst zu viel mit Drogen experimentiert und ist dabei ausgeflippt. Das stellte ein echtes Problem dar, da seine „Orgon-Therapie“ inzwischen viele Anhänger in Psychologen-Kreisen hatte. Zudem wurde Reich wegen seiner frühen „revolutionären“ Schriften noch immer kritisch beäugt, unter anderem von Hoover, der immerhin der Drahtzieher hinter McCarthys Hexenjagd auf „kommunistische Unterwanderung“ gesehen werden muss. Der „UFO-Glaube“ war offensichtlich anfangs durchaus willkommen im Rahmen der psychologischen Kriegsführung, wurde später aber zunehmend bekämpft und ridikulisiert. Die Funktion des UFO-Gurus und Mind-Control-Freaks hat damals ein gewisser Ron Hubbard übernommen, den man offensichtlich besser steuern konnte, und der auch keine kommunistische Vergangenheit hatte. Reich wurde inhaftiert und seine Apparate wurden verboten, seine Schriften ebenfalls. Reich starb unter mysteriösen Umständen in der Haft, eine Obduktion fand nicht statt. Meiner Ansicht nach war Reich tief in die fragwürdigen Mind-Control-Experimente der CIA verstrickt, erwies sich aber als zu unzuverlässig und wurde wegen seine psychischen Störungen und auch seiner frühen Schriften zur Gefahr. Heute gibt es unzählige „Esoteriker“, die Reichs wirre Ufologie und wirren Orgon-Thesen vertreten und kommerzialisieren. Eine gehörige Portion Skepsis kann bei der Bewertung dieses Phänomens gewiss nicht schaden.
5. Einsteins Assistent
ls451 06.09.2013
Genaugenommen hat Einstein das nicht selbst untersucht aber immerhin seinen Assistenten damit beauftragt. Eine weitere Beschäftigung oder weitere persönliche Treffen hat Einstein dann abgelehnt. Reich blieb unbelehrbar. Eine Schande der amerikanischen Justiz und Psychiatrie bleibt, dass man Reich ins Gefängnis gesteckt hat. Über seine Paranoia kann man bei seinem gutem Freund und Patienten A.S. Neill nachlesen, die leider auch seinen Sohn, der in Summerhill war, "infizierte".
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Der Fall Wilhelm Reich

A 2012

Regie: Antonin Svoboda

Darsteller: Klaus Maria Brandauer, Julia Jentsch, Jeanette Hain

Produktion: Novotny und Novotny Filmproduktion, Coop99 Filmproduktion, Lotus Film

Verleih: movienet

Länge: 110 Minuten

Start: 5. September 2013