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Thriller-Sensation "Prisoners": Der Folterknecht in dir

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Wenn in Hollywood Talent, Timing und pures Glück zusammenspielen, entstehen ungewöhnliche, großartige Filme wie der Kidnapping-Thriller "Prisoners": Das US-Debüt des frankokanadischen Regisseurs Denis Villeneuve hat intensive Darsteller, beunruhigende Bilder - und eine abgründige Story.

"Dieser Film hätte ein Alptraum werden können, ich hatte große Angst", sagt Denis Villeneuve SPIEGEL ONLINE. Doch der frankokanadische Regisseur kann sich freuen: Seine erste große Studioproduktion geriet nicht in Hollywoods große Kompromiss-Mühle, und er selbst ist keiner jener vielversprechenden Filmemacher, die den Verlockungen der Traumfabrik gefolgt und erlegen sind.

Sein ganz und gar nicht konventioneller Thriller "Prisoners" wurde nicht nur beim Filmfestival in Toronto einhellig bejubelt, er schnitt auch beim nordamerikanischen Publikum gut ab: Rund 50 Millionen Dollar spielte der rund zweieinhalb Stunden lange Film seit Ende September in den USA ein, das ist viel für einen Krimi, dessen Erfolgsrevier seit langer Zeit eher das Fernsehen als das Kino ist. Am Donnerstag läuft "Prisoners" auch in Deutschland an.

Erzählt wird die Geschichte einer Entführung: Schauplatz ist ein Örtchen in New England. Es könnte idyllisch sein, aber ständiger Nieselregen und herbstliche Diesigkeit sorgen für eine Atmosphäre des Zwielichts und Verfalls. Zwei nachbarschaftlich verbandelte Paare treffen sich mit ihren Kindern zum traditionellen Truthahn-Gelage an Thanksgiving. Den beiden kleinen Töchtern ist langweilig, sie gehen draußen spielen. Kein Problem, die ruhige Straße ist gesäumt von jenen Sicherheit suggerierenden Einfamilienhäusern mit Vorgarten und Carport, die man aus Dutzenden amerikanischen Filmen und Serien kennt.

Ein Störfaktor ist jedoch das schäbige Wohnmobil, das ohne ersichtlichen Grund und ohne bekannten Besitzer am Straßenrand parkt. Wenig später sind die Mädchen verschwunden. Der ultimative Elternhorror entfaltet sich, je hektischer die beiden Familien ihren Heimatort durchsuchen. Als es Nacht wird, ist klar: Kein Streich, kein Versteckspiel, die Kids wurden gekidnappt.

Grausame Selbstjustiz

Wie unterschiedlich Eltern auf das Entsetzen reagieren, zu welchen Handlungen labile Charaktere in Extremsituationen getrieben werden und wie sie diese vor sich selbst und ihrer Umwelt rechtfertigen, das ist das eigentliche, beunruhigende Thema von "Prisoners". Hugh Jackman spielt einen der beiden Väter: Keller Dover ist ein physisch beeindruckender Mann, ein Handwerker, der sein Leben im Griff zu haben scheint. Im Untergeschoss seines Hauses hortet er Vorräte für den Katastrophenfall. Er ist für alles gerüstet, glaubt er, umso mehr treibt ihn die Ohnmacht, die er angesichts der Entführung empfindet, an den Rand des Wahnsinns.

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Thriller "Prisoners": Vom Ausloten der Angst
Zwar wird der Fahrer des Wohnmobils schnell ausfindig gemacht und verhaftet. Der junge Alex Jones (Paul Dano) ist jedoch geistig behindert und zu keiner zusammenhängenden Aussage fähig. Der mit dem Fall betraute Detective Loki (Jake Gyllenhaal) muss den mutmaßlichen Täter ziehen lassen. Keller tobt, die Zeit läuft davon, die Mädchen könnten im Sterben liegen, wo immer sie versteckt wurden. In seiner Verzweiflung kidnappt er Jones, sperrt ihn in einer alten Werkstatt ein und foltert ihn brutal. Seiner depressiven Frau (Maria Bello) erzählt er nichts davon, wohl aber dem Nachbarspärchen (Terrence Howard und Viola Davis), die Keller zunächst bei seiner grausamen Selbstjustiz unterstützen, aber zurückschrecken, als die Gewalt außer Kontrolle gerät.

"Prisoners" ist ein düsterer Thriller, der in Ästhetik und Dramaturgie an die Psycho-Dramen David Finchers ("Sieben", "Zodiac") erinnert. Keine der handelnden Figuren scheint ohne Schuld, jeder verbirgt ein dunkles Geheimnis, und je mehr sich die Krimihandlung in mysteriöse, teils haarsträubende Horror-Details verästelt, desto mehr wird auch der Zuschauer in einen Abgrund wettstreitender Emotionen gezogen, in dem Moral keine Kategorie mehr ist.

Selbst der von Gyllenhaal mit grandios brütender Intensität und melancholischem Unheilsblick verkörperte Detective ist kein Held. Seine Tätowierungen, seine aus stoischer Ruhe plötzlich hervorblitzende Unbeherrschtheit deuten eine schwierige Vergangenheit an. Der verzweifelte Familienvater Keller, so wird angedeutet, substituierte einst ein schweres Alkoholproblem mit Gottesfurcht.

Durchbruch mit Nahost-Drama

Es sei ihm besonders wichtig gewesen, den Zuschauer über die Hintergründe der Figuren im Unklaren zu lassen, sagt Villeneuve. Sie seien nur Blaupausen, offen für die Imagination des Publikums. Er überließ es seinen Schauspielern, allen voran Jackman und Gyllenhaal, ihre Rollen aus sich selbst zu schöpfen und glaubhaft zu machen. "Es ist ein sehr starkes Skript, aber ich wusste, dass der Schlüssel zu einem guten Film vor allem bei den Darstellern lag: Sie brauchten Raum, um sich in ihre Charaktere einzufühlen und deren innere Konflikte zu erforschen."

Villeneuve, 1967 in Quebec geboren, ist seit Jahren eine feste Größe in der kanadischen Arthouse-Szene, seine Filme "Maelström" und "Polytechnique" (über das Studentenmassaker von Montreal im Jahre 1989) sind Aushängeschilder des kanadischen Autorenfilms. Mit seinem intensiven, im Nahen Osten angesiedelten Familiendrama "Die Frau, die singt" (Originaltitel: "Incendies") gelang ihm 2010 dank einer Nominierung für den Oscar als bester fremdsprachiger Film auch der internationale Durchbruch.

Das attraktive Angebot, "Prisoners" für ein großes Hollywood-Studio zu verfilmen, begriff Villeneuve nicht nur als Kompliment, sondern auch als Risiko: "Ich kenne die Geschichten, wie Hollywood die Regisseure, die es liebt, kaputtmacht, aber ich hatte großes Glück mit meinen Produzenten. Ich habe zu ihnen gesagt: Wenn ihr jemanden wollt, der nur das macht, was ihr sagt, dann bin ich nicht der Richtige. Dabei ging es mir nicht um mein Ego: Wenn ich mein Bestes geben soll, dann muss ich meine Identität als Filmemacher bewahren können."

So wurde "Prisoners" zu einem packenden und visuell beeindruckenden und furchtlosen Film über die Angst, der Hollywood-Talent mit einem ausdrucksstarken, europäisch geprägten Filmemacher zusammenbrachte. Hugh Jackman, erzählt Villeneuve, habe ihm gesagt, das Publikum müsse sich amüsieren, es müsse lachen können, wenn es ins Kino ginge. "Ich glaube aber, dass es auch eine kathartische Wirkung haben kann, wenn man sich im Dunkel des Kinosaals seinen größten Ängsten stellen muss." Wie schon in seinen vergangenen vier Filmen ging es dem Regisseur auch mit "Prisoners" vor allem darum, Gefühle auszuloten, über die man "auch als Erwachsener in bestimmten Situationen keine Kontrolle mehr hat. Ich finde das erschreckend."

"Wenn diese Männer reden, hören einfach alle zu"

Dass daraus kein auf billige Effekte oder reaktionäres Moralisieren zielender Thriller nach Hollywood-Formel geworden ist, ist gutem Timing, glücklicher Fügung und der prominenten Unterstützung zu verdanken, die Villeneuve bei seinem Einstieg in den Kino-Mainstream genoss: Zu Jake Gyllenhaal knüpfte er schon bei der Arbeit an seinem kurz vor "Prisoners" gedrehten Kunstfilm "Enemy" eine besondere Verbindung. Der US-Schauspieler sei in einem Prozess, nach mehr Wahrhaftigkeit in seiner Arbeit als Schauspieler zu suchen, "nachdem er sich in seinen letzten Studiofilmen wie eine Marionette gefühlt hat", sagt Villeneuve. Zwischen den beiden entstand eine kreative Freundschaft, die in "Prisoners" spürbar ist. Präsenter und intensiver hat man Gyllenhaal kaum je zuvor gesehen. Villeneuve selbst sagt, er sei durch Gyllenhaal zu einem besseren Regisseur geworden.

Vor allem aber waren es die Hollywood-Veteranen Roger Deakins (Stamm-Kameramann der Coen-Brüder) und Joel Cox (Clint Eastwoods Lieblings-Editor), die ihre schützenden Hände über Villeneuves Vision legten: "Wenn diese Männer reden, hören einfach alle zu. Sie haben unseren Film wie Löwen verteidigt." Ein Alptraum ist "Prisoners" dennoch geworden - aber einer, der sich ausschließlich auf der Leinwand abspielt und noch lange nachwirkt, wenn das Licht längst wieder an ist.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Sensationell gut
liedzeit 12.10.2013
Der beste "Krimi" seit Schweigen der Lämmer. Nach zwei Minuten fühlt man sich völlig sicher, dass egal in welche Richtung der Film geht - und man hat keine Ahnung, welche Wendung als nächstes kommt - der Regisseur nichts falsch machen wird. Jake definitiv Oscar-würdig.
2. Grandioser Film
oromoyo 13.10.2013
Und grandiose Schauspieler , von Anfang bis Ende weiß man irgendwie was passieren könnte , ist sich aber bis zum Schluss unsicher . Gyllenhall hat die Rolle Super gespielt , sein Blick, diese ständigen Zuckungen , sein Ausrasten , wie er jedes Mal aus seinem Auto gestiegen ist , immer der gleiche Gang. Wahnsinn
3. enttaeuscht
neo99999 05.11.2013
Die Story haette riesen Potenzial gehabt...haette. So wurde leider nur langwierig, schleppend und langatmig erzaehlt. Die Figur des Detektiven komplett flach, da half auch kein kuenstlicher Wutausbruch. Die Aufloesung vorhersehbar und beim Ende musste ich leider schallend lachen, weil die Titanic unterirdisch umgesetzt. Die Aufloesung nur irgendwie dahin gewischt und gerade die waere spannend gewesen. Ich war arg enttaeuscht.
4. Super!
jonas_ 28.03.2016
Ich finde den Film super! Vor allem das Ende lässt viele Spekulationen offen. Wer Lust hat über das Ende des Films zu diskutieren kann sich das hier mal anschauen: http://filmspekulanten.de/prisoners
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Prisoners

USA 2013

Regie: Denis Villeneuve

Buch: Aaron Guzikowski

Darsteller: Jake Gyllenhaal, Hugh Jackman, Paul Dano, Terrence Howard, Viola Davis, Maria Bello, Melissa Leo

Produktion: Alcon Entertainment, Madhouse Entertainment, 8:38 Productions

Verleih: Tobis

Länge: 154 Minuten

FSK: 16

Start: 10. Oktober 2013


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