Filmporträt über DJs "Am Wochenende die Sau rauslassen - am Montag wieder in die Bank"

In der Techno-Doku "Denk ich an Deutschland in der Nacht" sprechen fünf DJs über das Profane und das Heilige beim Auflegen. Regisseur Romuald Karmakar erklärt, warum die Dreharbeiten im Klub problematisch waren.

Ein Interview von Dennis Vetter


Romuald Karmakar ("Der Totmacher", "Hamburger Lektionen") betrachtet in seinen Filmen Störfälle und Massenphänomene der deutschen Gegenwart und Geschichte. Seit Jahren beschäftigt er sich auch mit Techno. "Denk ich an Deutschland in der Nacht" ist sein vierter Dokumentarfilm zum Thema und startet an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos.

Mit Interviews hält sich der 52-Jährige zurück, offensichtlich ist er sehr beschäftigt: Karmakar dreht gerade unter Zeitdruck Auftragsarbeiten für die 14. documenta und reist für die laufende Ausstellung zwischen Berlin und Athen umher. Hier macht er eine Ausnahme. Trotz dringlicher Baustellen ist ihm im Gespräch keinerlei Hektik anzumerken - ebenso wenig wie seinem Film.

Karmakar scheint sich alle Zeit der Welt zu nehmen, wenn ihn etwas interessiert. Als er in den frühen Neunzigerjahren zum ersten Mal den legendären Berliner Technoklub Exit betritt, fasziniert ihn sofort die Szene der elektronischen Musik. Doch erst zehn Jahre später entsteht "196 BPM", seine erste Techno-Doku. Zentral ist darin eine Einstellung, die fast eine Stunde dauert: Die Kamera betrachtet DJ Hell ununterbrochen beim Auflegen während der Love Parade.

15 Jahre und zwei weitere Filme später hat Karmakar noch immer offene Fragen, die er diesmal an fünf besonders eloquente Wegbereiterinnen der Szene stellt: Ricardo Villalobos, Roman Flügel, ATA, Sonja Moonear und David Moufang alias Move D erzählen, worin der Kitzel des Auflegens besteht, wo die Routinen, die Poetik und manchmal das Kalkül einsetzen. Fast beiläufig schlüsselt der Film die Logik des Berufs DJ auf, erzählt von Philosophie und künstlerischen Karrieren entlang des elektronischen Komponierens.

SPIEGEL ONLINE: Herr Karmakar, der Titel Ihres neuen Films ist dem Gedicht "Nachtgedanken" von Heinrich Heine entnommen. Welchen Zusammenhang gibt es für Sie zwischen dem Romantiker Heine und den DJs, die Sie interviewt haben?

Karmakar: Man würde, wenn man an Heinrich Heine denkt, nicht sofort an einen DJ wie Roman Flügel oder an elektronische Musik in Deutschland denken. Heines Arbeiten waren in Deutschland aber immer wieder verboten. Ich dachte mir: Er wäre sicherlich ganz glücklich gewesen, hätte er mitbekommen, wie jetzt solche Künstler aus Deutschland weltweit rezipiert werden. Der könnte heute sagen: In diesem Land hat sich irgendetwas verändert, offenbar zum Guten. Und das ist es, was Roman dann beschreibt, wenn er am Ende des Films von Techno als der besten Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten spricht. Der Wiedervereinigungsprozess in der elektronischen Musik ist meiner Meinung nach eine Erfolgsgeschichte. Das ist zwar nicht die primäre Erzählung unseres Films, aber sekundär ist sie da.

SPIEGEL ONLINE: Und daraus sind faszinierende, globale Karrieren entstanden. Sehen Sie eine Verbindung zwischen Ihrer Karriere und diesen Leuten?

Karmakar: Roman beschreibt es ganz gut. Er muss jedes Wochenende raus zum Auflegen, damit er unter der Woche seine künstlerische Freiheit ausleben kann. Damit erfasst er kurz und prägnant allgemeine künstlerische Prozesse. Das gilt in der bildenden Kunst wie in der Schriftstellerei. Jeder kennt das: Was muss man tun, damit man möglichst frei seinen Sachen nachgehen kann? Für mich ist diese Frage etwas, das seit dem Moment 1991, als ich entschieden habe, Filmemacher zu werden, immer Bestandteil meines Alltags war.

SPIEGEL ONLINE: Die Leute, die Sie zeigen, sind seit Beginn der Technobewegung dabei, haben sie mit aufgebaut. Man nimmt aber auch wahr, dass es sie Kraft gekostet hat, ihre Karrieren über so eine lange Zeit aufrechtzuerhalten.

Karmakar: Absolut. Man muss wahnsinnig viel Energie aufbringen, um zum Beispiel als Regisseur Filme machen zu können, ohne nebenher noch Werbung oder Industriefilme drehen zu müssen. Meine ersten drei Musikfilme aus den Zweitausenderjahren sind komplett alleine von mir produziert worden. Das ist jetzt der erste Film zum Thema mit Förderung und Senderbeteiligung. Viele Leute haben die Produktionsbedingungen meiner Filme gar nicht so richtig registriert.

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"Denk ich an Deutschland in der Nacht": Um den Schlaf gebracht

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich entschieden, in Klubs zu filmen, wo Kameras oft verboten sind. Wie sind Sie mit diesen Bedingungen umgegangen?

Karmakar: Je weiter man sich von Berlin entfernt, desto einfacher ist es, in einem Klub zu filmen. Wenn man in Berlin filmen will, ist das problematisch. Wir hatten das Glück, dass die Leute im about:blank [Berliner Klub, Anm.d.R.] es uns schließlich doch erlaubten. Das ist eine Kommune, und es gibt sechs gleichberechtigte Verantwortliche. Es gab dort viele Diskussionen. Gleichzeitig sind die Leute froh, so mein Eindruck, dass sie Teil dieser Erzählung sind. Bei einem Dreh mit Move D im Garten stellte sich dann noch die Frage nach der Position des Mikrofons, der Kamera und so weiter. Das Publikum sollte uns nicht wahrnehmen und sich nicht gestört fühlen. Damit muss man umgehen, es beeinträchtigt das Ergebnis der Arbeit definitiv.

SPIEGEL ONLINE: Viele haben Ihnen letztlich vertraut, nicht nur die DJs.

Karmakar: Es gibt, was den Umgang mit Bildern angeht, eine merkwürdige Diskrepanz. Einerseits gibt es wahnsinnig viele Bilder auf YouTube. Diese Kultur funktioniert ja nicht nur, weil immer alle etwas über Techno lesen, die Bewegtbilder sind auch Teil von Techno. Und dann werden die Bilder von der Szene sozusagen "exmatrikuliert", einfach ausgewiesen aus dem Zentrum des Geschehens. In der Punkzeit war die Anwesenheit von Kameras nie ein Thema. Deswegen gibt's auch viel mehr Filme dazu. Ich glaube, ein Hauptunterschied zur Punkzeit ist, dass man nicht nur am Wochenende Punk war. Man war einfach Punk aus Überzeugung. Montag bis Montag. Und nicht nur Freitag, Samstag und Sonntag. Man hat dazu gestanden. Und in der Technoszene möchte man eben am Wochenende die Sau rauslassen und dann am Montag wieder bei der Bank arbeiten. Filme und Fotos passen da nicht immer dazu.

SPIEGEL ONLINE: Sie erlauben dem Publikum nur einen beschränken Blick darauf, was unter Techno verstanden werden kann. Die Politisierung der Technoszene ist zum Beispiel nicht Teil Ihres Films.

Karmakar: Weil es nicht mein Anliegen ist, alle Aspekte dieser Kultur abzudecken. Sondern der Film erzählt durch diese fünf KünstlerInnen von Teilen der Kultur. Da müssen andere Regisseurinnen und Regisseure die 100 anderen Facetten erzählen, die es noch gibt.

SPIEGEL ONLINE: Ata und Move D sprechen im Film davon, dass Techno immer weitergeht, sich quasi nicht mehr stoppen lässt. In welchem Verhältnis steht diese Dynamik zum Kino?

Karmakar: Im Kino hat Techno noch nicht einmal begonnen. Das ist ja das Irritierende.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich das in absehbarer Zeit ändern?

Karmakar: Das weiß ich nicht. Vielleicht kommt jetzt mal eine neue Generation von Leuten, die die Technobewegung filmisch angemessen aufarbeitet. Ich habe für meine Website gerade nochmal Interviews und Inhaltsangaben zu den alten Musikfilmen gelesen. Die Situation seit dem ersten Film in den Zweitausenderjahren hat sich überhaupt nicht verändert. Man kann auch heute noch nicht im Goethe-Institut Paris eine ganze Woche mit Filmen zu unserer Musikkultur zeigen. Man kann natürlich irgendwelche Dokus zu Kraftwerk raussuchen und vielleicht noch etwas zu Oskar Sala machen. Selbstverständlich gibt es Videoclips der Künstler zu ihrer Musik oder Features bei Arte Tracks oder Interviews bei "Intro" und "Spex" und wie sie alle heißen. Aber Filme, die einfach ein anderes Narrativ probieren oder kultivieren: null!

Im Video: Der Trailer zu "Denk ich an Deutschland in der Nacht"


"Denk ich an Deutschland in der Nacht" startet am 11. Mai in den Kinos

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