Musiker-Drama mit Meryl Streep Kein Sex, kaum Drogen, zu wenig Rock'n'Roll

Wer würde nicht gerne Meryl Streep als Rocksängerin und Mutter mit Schuldgefühlen inszenieren? Für Regisseur Jonathan Demme wurde der Traum wahr. Leider fehlt seiner braven Ballade "Ricki - Wie Familie so ist" der Rock'n'Roll.


Jungejunge! Mit Mitte 60 rockt und röhrt Ricki (Meryl Streep) immer noch amtlich das Haus. Auch wenn jenes Haus, das "Salt Well", eine eher abgetakelte, mau besuchte kleine Rockkneipe in Los Angeles ist, und Ricki mit ihrer Begleitband The Flash ausschließlich Coverversionen von erfolgreicheren Bands spielt. Auch wenn das Publikum größtenteils aus bierseligen, gutmütig wippenden Senioren besteht - und die Gage kaum für einen Flug nach Indianapolis reicht.

Die Prämisse, die Regie-Veteran Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer", "Philadelphia") aus dem Drehbuch von Diablo Cody ("Juno") generierte, ist eigentlich bezaubernd: Die Best-Ager-Rockmusikerin Ricki, konsequent mit Achtzigerjahre-Flechtzöpfchen und schwarzen Rockerbraut-Boots, hat sich vor Jahren gegen das Leben als Hausfrau und Mutter und für die schwankende Karriere entschieden. Ihrem Ex-Mann Pete (Kevin Kline) oblag es, drei gemeinsame Kinder zu vernünftigen Erwachsenen zu erziehen.

Als die älteste Tochter Julie (Streeps leibliche Tochter Mamie Gummer) das Ende ihrer Ehe nicht verkraftet, fährt Ricki nach Indianapolis, wo die Familie in einer schnieken Villa samt Vorgarten und sauber gefülltem Doppelkühlschrank lebt, und versucht, ihre jahrelange Abwesenheit durch ein bisschen mütterliches Verständnis und Rockstar-Toleranz wettzumachen.

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"Ricki - Wie Familie so ist": Die Mutti-Muckerin
Das, versteht sich von selbst, klappt nicht besonders gut. Als Ricki beinahe zufällig erfährt, dass ihr älterer Sohn sich verlobt hat und eine bis zur Briefmarkenauswahl ökologisch nachhaltige Hochzeit plant, und dann noch Petes umtriebige, effektive zweite Ehefrau wieder nach Hause kommt, flüchtet sie verschnupft zu ihrer wahren Familie: Der Band, ihrer Musik und ihrem Leadgitarristen Greg (Achtziger-Schmuserocker Rick Springfield), mit dem sie schon lange eine gereifte On-und-Off-Beziehung führt. Doch dann steckt doch noch die Hochzeitseinladung im Briefkasten, natürlich auf abbaubarem Papier...

Überzeugende Outlaw-Figur

Demmes und Codys Frauenporträt bearbeitet ein ewiges Thema: Wieso fühlen Frauen sich schuldiger als Männer, wenn sie ihre Karriere irgendwann über das Familienleben stellen? Zumal die Karriere in diesem Fall ein überschaubares, rumpeliges Spelunkendasein mit viel Kajal und Springsteen-Songs bedeutet. Die Umgebung, die heruntergekommene Bar mit all ihren Gestalten und die wunderbare Band mit echten, würdevoll ramponierten Rockgesichtern, zeichnet Demme, Regisseur zahlreicher Musikvideos und Rock-Dokus, liebevoll und kundig, zuweilen gar mit jugendlich zappeliger Handkamera: So zu leben, ist glaubhaft - und Ricki damit eine überzeugende Outlaw-Frauenfigur im Fach über 50, das im klassischen Hollywood-Studiofilm normalerweise zickige Schwiegermütter besetzen, die jeden Streit perfekt onduliert überstehen.

Allein die Story löst sich leider nach der Hälfte des Films in vorhersehbares Wohlgefallen auf. So fixiert ist das Drehbuch auf das Happy End, dass aus Versehen sogar ein Kardinalfehler in Rickis Verhalten als Versöhnungsangebot inszeniert wird: Sie schenkt ihrem Sohn zur Hochzeit einen Gig ihrer Band. Dass sie damit auch einen wichtigen Tag ihres Kindes, das sie eh selten gesehen hat, zur Ricki-Show macht, wäre in einem anderen, nachdenklicheren Film die herrlichste Breitseite für den wirklichen Konflikt gewesen: der schwierigen Balance zwischen Selbstverwirklichung und Schuld. Bei Demme und Cody gerät diese Klimax zum süßlichen Schunkelhöhepunkt, nur dass statt Schlager Mainstreamrock läuft.

Die sehr langen Live-Bühnenszenen, immer wieder Kino-Muse Streep und Pop-Veteran Springfield, die ihre Gesichter mit gebotoxten Wangen unter weisen, faltigen Augen zusammenstecken und glückselig irgendeinen Evergreen grölen, dazu Streeps leidenschaftliches, durchaus kompetentes Röhren - das alles deutet darauf hin, wie wichtig die Musik und deren authentische Inszenierung Darstellern und Regie war.

Erstaunlich ist dennoch, wie - bis auf einen minimalen Marihuana-Ausrutscher und ein paarmal Schlürfen am Margherita während der Performance - enorm drogenfrei und gesund sowohl die Rocker als auch die Spießer leben! Entweder wollten Regisseur und Drehbuchautorin mutwillig nicht in das Klischee von Sex, Drugs und Rock'n'Roll bedienen, oder jemand hatte Angst davor, als Schauspieler/in dann doch zu abgefuckt zu wirken.

Dabei hätten ein paar Takte wahres Drama und echter Gossengeruch diese dürftige Midtempo-Ballade bestimmt in Richtung Rockhymne frisieren können.

Filmtrailer zu "Ricki - Wie Familie so ist":

Ricki - Wie Familie so ist

    USA 2015

    Originaltitel: Ricky and the Flash

    Regie: Jonathan Demme

    Drehbuch: Diablo Cody

    Darsteller: Meryl Streep, Kevin Kline, Mamie Gummer

    Verleih: Sony Pictures Germany

    Länge: 101 Minuten

    FSK: ohne

    Start: 3. September 2015

  • Offizielle Webseite zum Film

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
moneysac123 01.09.2015
1.
Einer der schlechtesten Filme, die ich je gesehen habe, eine Ansammlung abgetakelter Hollywoodschauspieler mit Ekelfaktor, wenn Ü50 miteinander rummachen. Die Story ist auch eher mau.
freddykrüger 01.09.2015
2. Gähn
scheinbar ein öder Film und auch die falsche Besetzung. Statt Meryl Streep wäre Katey Sagal wohl die bessere Wahl gewesen. Ed O'Neill als Ex Mann und Ted Nugent an stelle von Rick Springfield. Wo ich schon dabei bin, Regie Quentin Tarantino. Zumindest hätte der Film dann "Sex & Drugs & Rock 'n' Roll' und natürlich politisch unkorrekt. Unter diesen Vorraussetzungen würde ich mir den Fim angucken.
calinda.b 01.09.2015
3. Langweilig
Wenn Sie alternde Rockstars mögen, ich hab mir auch gestern die ganze erste Staffel von Sex&Drugs&Rock'n Roll von und mit Dennis Leary angesehen. Ist hundert mal lustiger und interessanter.
freddykrüger 01.09.2015
4. @calinda.b
Dennis Leary? Kenn ich nicht. Wo läuft das?
dianaberlin 01.09.2015
5. viel wichtiger...
...und leider nicht erwähnt ist die Tatsache, dass in dem Film Carmen Carrera ihr Kino-Debut hat. Sie ist eine der wenigen Transsexuellen, die einach eine "normale" Frau spielen darf. Schade, dass der Film offenbar sch**** ist. Zu dem völlig geschmacklosen und dummen Kommentar von @moneysac123 sagen wir mal nix.
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