"Road to Guantanamo" Gefangene des guten Glaubens

Die Camps von Guantanamo sind zum Symbol für Menschenrechtsverletzungen geworden. In seinem neuen Film erzählt Michael Winterbottom das Drama von vier Gefangenen nach - und sperrt seine Geschichte in Vorurteile ein.

Von Cristina Moles Kaupp


Täter oder Opfer? Für die meisten Häftlinge in Guantanamo stellen sich andere Fragen. 758 Menschen wurden vor viereinhalb Jahren in Afghanistan und Pakistan inhaftiert, als extrem gefährliche Talibankämpfer eingestuft und ohne Rechtsbeistand in das US-amerikanische Hochsicherheitsgefängnis im Südosten Kubas transportiert. Unter Folter sollten sie sich endlich jenes Geständnis abringen, das die Existenz der Internierungs-Camps X-Ray und Delta rechtfertigt: Ja, ich bin ein Taliban-Kämpfer! Ja, ich kämpfe für Al-Qaida! Noch heute halten die USA 450 Insassen aus 40 Ländern fest. Als feindliche Kämpfer und nicht als Kriegsgefangene deklariert, gelten für sie nicht die Rechte der Genfer Konvention. Der kürzlich nach Bremen entlassene Murat Kurnaz war der 311. Fall, der zwar politisch, allerdings nicht juristisch ad acta gelegt wurde.

Schon zuvor, im Frühjahr 2004, konnten drei junge Männer endlich die Heimreise nach Großbritannien antreten: Shafiq Rasul, Ruhel Ahmed und Asif Iqbal, drei pakistanischstämmige Freunde aus Tipton, einer Arbeiterstadt nahe Birmingham. Mehr als zwei Jahre lang litten sie in Guantanamo. Wie gelangten sie dorthin? Wie waren die Bedingungen? Wie haben sie überlebt? Ein hochbrisanter Stoff, ideal für den mit Filmgenres experimentierenden Regisseur Michael Winterbottom.

Engagement in Schwarzweiß

Dokumentation und Spielszenen, vermischt zu einer aufwühlenden Anklage - das Schicksal der "Tipton Three" verlangte geradezu danach. Wochenlang geführte Interviews füllten schließlich 650 Seiten, passende Laiendarsteller waren bereit, sich in das Leben der Ex-Häftlinge hinzuversetzen, gedreht wurde in Iran. Kaum fertig geschnitten, lief "Road to Guantanamo" im Wettbewerb der letzten Berlinale und wurde als "politischster Film" mit den Silbernen Bären veredelt. Gewagt, denn "Road to Guantanamo" setzt trotz seiner peniblen Re-Inszenierung der Ereignisse auf Schwarzweiß-Malerei und lässt viele Fragen offen.

Ohne Umschweife zoomt sich "Road to Guantanamo" an Shafiq Rasul, Ruhel Ahmed und Asif Iqbal heran, zeigt sie als moderne Jungs, die ihre Raps besser kennen als den Koran. Asif ist 19, als ihm seine Mutter von einer Braut in Pakistan berichtet. Er besucht die mögliche Zukünftige; rasch steht der Hochzeitstermin, die Freunde Shafiq, 23, Ruhel, 19, und Monir, 22, werden zur Feier eingeladen. Die Vier treffen sich Anfang Oktober in Karachi, keiner denkt an Politik, an eingestürzte Twin-Towers und oder Bushs weltweiten Feldzug gegen den Terror.

Am 11. Oktober besuchen die Freunde eine Moschee, in der ein Iman um Hilfe für Afghanistan bittet. Was er nun genau sagt, wird im Film nicht deutlich, ebenso wenig wie die Beweggründe der jungen Männer, die bereits am nächsten Tag im Bus nach Kandahar sitzen und wenig später in der Taliban-Hochburg Kundus landen, während die US-Armee die Stadt bombardiert. Waffenruhe ermöglicht die Flucht per Lastwagen, dabei geht Monir verloren; bis heute gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Asif, Shafiq und Ruhel fallen Truppen der Nordallianz in die Hände, werden vom Roten Kreuz entdeckt, das die britische Botschaft informiert. Doch US-Soldaten kommen den Briten zuvor, verschleppen das Trio letztlich nach Guantanamo. Willkommen in der Hölle.

Opfer ohne Profil

Rasant geschnitten, mit eingeblendeten Ort- und Datumsanzeigen, eingestreutem Nachrichtenmaterial und kurzen Interviewsequenzen der echten "Tipton Three" zur Ergänzung der nachgespielten Szenen - detailliert folgt Winterbottom ihrem atemlosen Horrortrip. Angekommen in Guantanamo verlangsamt sich sein Erzähltempo, die Zeit dehnt sich zur grausamen Routine.

Eingepfercht in die kleinen Gitterkäfige des inzwischen geschlossenen "Camp X-Ray" werden die Zustände in Guantanamo detailliert öffentlich: Die Häftlinge dürfen nicht reden, den Soldaten nicht ins Gesicht sehen. Gefesselt, mit Säcken über dem Kopf, schleift man sie von Verhör zu Verhör. Drohungen, Schläge, Einzelhaft: Immer brutaler werden die Methoden - erstaunlich, wie die Männer den psychischen und körperlichen Verletzungen standhalten und sich an ihre Unschuld klammern. Die ließe sich sogar beweisen, und es ist umso entsetzlicher, wie lange die Überprüfung der Fakten dauert.

Das Demütigungs- und Gewaltszenario schockiert - doch die ehemaligen Gefangenen bleiben letztlich anonym. Wie die uniformierten Menschen jenseits des Drahtzauns sind sie Chiffren eines (Unrechts-)Systems, dessen Folgen für den einzelnen nicht mehr geklärt werden. Genau dies aber wäre wichtig gewesen, um den gesichtslosen Opfern ein Profil, eine differenzierte Geschichte zu geben.

Mag die Kritik an Bush noch so berechtigt sein, was Winterbottom hier mit seinen unschuldig ins Mahlwerk der Weltpolitik geratenen Jungs zeigt, ist billiger Populismus. Ohne Gegenrecherche verlässt er sich auf die Berichte der "Tipton Three" und führt sie gutgläubig am Ende als geläuterte, bessere Menschen vor. Wie das geschehen konnte? Davon weiß "Road to Guantanamo" nichts zu erzählen.



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