Roadmovie "Cheyenne" Grufti-Greis jagt Nazi-Schergen

Was für eine Irrwitz! In "Cheyenne - This Must Be the Place" spielt Sean Penn einen Gothic-Popstar im Vorruhestand, der nach einem KZ-Schergen fahndet, weil der einst seinen jüdischen Vater quälte. Ein Film voller amüsanter Pop-Ideen - und billiger Küchenpsychologie.

Von Andreas Banaski


Schon die ersten Szenen sind köstlich: Sean Penn, mit Vogelnestfrisur und Drag-Queen-Make-up, schlurft durch sein Designer-Herrenhaus in Dublin und schaut sich im Fernsehen eine Kochsendung mit Jamie Oliver an. In dem Riesenanwesen sitzt dieser Mann namens Cheyenne, Pop-Ikone und Exil-Amerikaner, seelenruhig und unberührt von der Krise der Musikindustrie seine Tantiemen und Finanzinvestments ab - 20 Jahre nachdem er sich aus dem Showgeschäft verabschiedet und sich aufs Altenteil zurückgezogen hat.

An seiner Seite ist Gattin Jane (Frances McDormand), eine patente Feuerwehrfrau, die sich offenbar gar nicht daran stört, dass ihr Mann ziemlich weggetreten scheint, aussieht wie eine Oma mit Lesebrille und im weinerlich-schleppenden Drogengeschädigten-Tonfall spricht.

Ausgedacht hat sich diese bizarre Ausgangskonstellation der Regisseur Paolo Sorrentino, der seit seiner "Cannes-Sensation" (O-Ton Presseheft) von 2008, der Groteske "Il Divo" über den politischen Strippenzieher und Ex-Premier Giulio Andreotti, auch hier ein Begriff ist. Im Ausland allerdings wurde der Regisseur schon länger als einer der originellsten neueren italienischen Filmemacher gehandelt und mit Fellini oder Bertolucci in eine Reihe gestellt.

In "Cheyenne - This Must Be the Place" wollte Sorrentino ursprünglich die Geschichte eines ganz anderen Ruhestands erzählen: Wie leben untergetauchte Nazi-Verbrecher, Jahrzehnte nach ihren Gräueltaten?

Sinnsprüche auf "Sesamstraßen"-Niveau

Als Spurensucher schickt Sorrentino einem von ihnen, dem KZ-Wächter Aloise Lange, nun nicht etwa einen professionellen Ermittler in die amerikanische Provinz hinterher, sondern einen abgetakelten Rockstar. Und besetzt den Depro-Waver nicht erwartungsgemäß mit Johnny Depp, der ja spätestens seit "Edward mit den Scherenhänden" auf derartige Rollen abonniert ist, sondern ausgerechnet mit dem durch unzählige Weltschmerzauftritte zerfurchten Sean Penn, der vom Glam-Rock ungefähr so weit entfernt ist wie Horst Schimanski.

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"Cheyenne" mit Sean Penn: Ein Popstar als Nazi-Jäger
Klingt nach einem tollen Kniff und lässt sich auch amüsant an. Cheyenne hat es sich mit kindlicher Renitenz in der Ereignislosigkeit gemütlich gemacht, parliert gelegentlich mit Sinnsprüchen auf "Sesamstraßen"-Niveau und versucht ein Teenie-Goth-Girl (Bonos Tochter Eve Hewson) mit einem spießigen Shopping-Mall-Kellner zu verkuppeln. Erst als sein ihm seit Jahrzehnten entfremdeter Vater in New York auf dem Sterbebett liegt, wird er aus dem Trott gerissen.

Der Wave-Pensionär beichtet einem Kumpel von früher (David Byrne als David Byrne), sein Trauma: Weil sich Fans wegen seiner traurigen Texte umbrachten, löste er einst seine Band Cheyenne and the Fellows (Sorrentinos recht platte Reverenz an die britischen New Waver Siouxsie and the Banshees) auf und stürzte in die Sinnkrise.

Byrne guckt verdutzt, der Pop-Bildungsbürger und Ex-Talking-Heads-Anführer kann solch billige Küchenpsychologie wohl nicht recht fassen. Doch Cheyenne will endlich seine Krise aufarbeiten und fährt im Truck auf der Straße der Selbsterkenntnis ins amerikanische Hinterland, um des Vaters Vermächtnis zu erfüllen: Der war erfolglos seinem KZ-Peiniger auf der Fährte.

Gestylt wie Robert Smith, Haltungsschäden wie Ozzy Osbourne

Spätestens jetzt hat der Film Sand im Getriebe, er wirkt nun teilweise wie eine Resteverwertung von Klischees des US-Indie-Kinos irgendwo zwischen Jim Jarmusch, Gus Van Sant und David Lynch. Dass Sorrentino sich nicht als politischer Regisseur sieht, hat er schon bei "Il Divo" betont, ein kurioses Selbstverständnis bei einem Film über einen Machtpolitiker. Hier gerinnt ihm das Nazi-Thema zur Pose, die einen Selbstfindungstrip veredeln soll, der sich immer läppischer und dröger hinzieht.

Als Fan und Kenner der Popkultur - "Inbegriff des Oberflächlichen und Frivolen", wie er selbst sagt - ist Sorrentino, 1970 geboren und offenbar durch angesagte Gymnasiasten-Musik der Achtziger sozialisiert, schon eher in seinem Element. Sein Cheyenne ist nach dem Vorbild des Cure-Sängers Robert Smith gestylt, Haltungsschäden und andere Exzess-Spätfolgen sind wohl Ozzy Osbourne abgeschaut. David Byrne komponierte neue Filmmusik, der alte Talking-Heads-Song "This Must Be The Place" dient als Original-Filmtitel und Leitmotiv, und eine aktuelle Konzertversion Byrnes wurde in einer langen, eleganten Kamerakranfahrt abgefilmt.

Sorrentino erweist sich damit wieder mal als geschmeidiger Stilist; sein europäisch geprägtes Verhältnis zu hippiesker Spiritualität in kargen Landschaften ist dagegen ähnlich krampfig wie das der Dubliner Pathosrocker U2 auf ihrem Achtziger-Blockbuster "The Joshua Tree".

Aber für solch eine Perspektive gibt es ja eine große Zielgruppe: Bei der Premiere auf dem Filmfest in Cannes übertönte das Branchenblatt "Variety" mit einer Lobeshymne kritische Stimmen. Und gerade hat "Cheyenne" den Preis der Jugendjury der Filmkunstmesse Leipzig gewonnen, wegen "grandioser Bilder" und "weil es dem Regisseur gelingt, den Zuschauer nachhaltig zu bewegen."



insgesamt 4 Beiträge
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sinta, 10.11.2011
1. Beitrag nicht okay?
Zitat von sysopWas für eine Irrwitz!*In*"Cheyenne - This Must Be The Place"*spielt*Sean Penn*einen*Gothic-Popstar im Vorruhestand, der*nach einem KZ-Schergen fahndet, weil der einst*seinen jüdischen Vater quälte. Ein Film*voller amüsanter Pop-Ideen - und billiger Küchenpsychologie. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,796446,00.html
Ach ja, das ist mir dann in dem Zusammenhang egal - ein Film in dem Sean Penn, David Byrne und Frances McDormand mitspielen ist doch eigentlich ein absolutes 'muss' - da nehme ich sogar die Tochter von Bono in Kauf - ist bestimmt 'ne Hübsche.
gsm900, 10.11.2011
2. Geschmacksache
Zitat von sysopWas für eine Irrwitz!*In*"Cheyenne - This Must Be The Place"*spielt*Sean Penn*einen*Gothic-Popstar im Vorruhestand, der*nach einem KZ-Schergen fahndet, weil der einst*seinen jüdischen Vater quälte. Ein Film*voller amüsanter Pop-Ideen - und billiger Küchenpsychologie. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,796446,00.html
sagte der Affe und biß in die Seife. Wer die Osbournes angesehen hat mag wohl auch solche Filme.
Rhettt 17.11.2011
3. Avoid at all costs!
Darauf, dass ein Film mit mit Frances McDormand und Sean Penn nicht schlecht sein kann, bin ich leider auch hineingefallen. Zumal ich auch ein Fan von Sorrentinos Debut "The Consequences Of Love" bin. Dieser Film ist, sorry lieber Rezensent, von Beginn an komplett unlustig und von A bis Z an den Haaren von Sean Penns "Vogelnestfrisur" herbeigezogen und wirklich zum Raufen der selbigen. Echt unempfehlenswert. Wegen einiger rührender Momente immerhin noch 1,5/5.
Rhettt 17.11.2011
4. Ach so, noch was!
Genauso wie der Film aus allen möglichen amerikanischen Independent-Filmen der vergangenen 30 Jahre zusammengeklaubt wurde, wurden hier auch die Schauspieler anscheinend nach Namen zusammengecastet, so erklären sich auch die 'Lockvögel' Sean Penn und Frances Dormand. Glaubwürdigkeit jeweils sowie Chemie untereinander gehen gegen Null...
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