Roadmovie "Mammuth" Trauerkloß dreht auf

Roadmovie mit Metzger: In der französischen Komödie "Mammuth" fährt ein Neurentner in Gestalt von Gérard Depardieu auf einem alten Motorrad seinem neuen Ich entgegen. Das Regie-Duo Benoît Delépine und Gustave Kervern macht daraus einen surrealen, melancholischen Kinoschatz.

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Schweinehälften sind sein Leben, damit kennt sich Serge aus. Doch nach zehn Jahren in der Großmetzgerei ist nun Zeit für die Rente. Es ist sein letzter Tag, mit traurigen Augen und hellblauem Haarnetz sitzt er noch einmal vor seinem Spind und bereitet sich auf die Abschiedsfeier mit seinen desinteressierten Kollegen vor. Sein Chef hält eine kleine Rede. Er kenne Serge eigentlich kaum, doch gelte es, einen unbestritten vorbildlichen Mitarbeiter zu verabschieden. Nie krank, hat sich nie beschwert. Zum Dank schenkt man ihm ein Puzzle, 2000 Teile.

Serge, genannt Mammuth ( Gérard Depardieu), sieht aus wie eine Mischung aus Sumo-Ringer und Engel - groß und dick und grob, aber mit langen, goldenen Rapunzellocken und einem immer leicht entrückten, unschuldigen Blick. Ein sanfter, ungeschickter Riese, der niemandem etwas Böses will, nicht viel sagt und nie viel darüber nachgedacht hat, was er eigentlich vom Leben will. Dazu hat er jetzt viel Zeit, aber es fällt ihm einfach nichts ein. Nur dass Puzzeln nicht seine Bestimmung ist, das weiß er. Seine Ehefrau Catherine (Yolande Moreau) weiß nur, dass es sehr anstrengend wird, so viel gemeinsame Zeit zu verbringen.

Surreale Situationen

Doch eine glückliche Fügung treibt Serge doch noch aus dem Haus: Um an seine Rente zu kommen, muss er ein paar Bescheinigungen von früheren Arbeitgebern besorgen. So schwingt er sich auf sein altes Motorrad, eine ehrwürdige Münch Mammut, die ihren Beitrag zu seinem Spitznamen geleistet hat, und macht sich auf den Weg durch Frankreich zu den Geistern der Vergangenheit. Unter anderem hat er mal auf dem Friedhof, in einem Nachtclub und auf dem Jahrmarkt gearbeitet. Könnte also lustig werden.

Wird es auch. Denn das französische Regie- und Autorenduo Benoît Delépine und Gustave Kervern ("Louise Hires a Contract Killer") hat wenig Sinn für konventionelles Erzählkino, aber eine große Schwäche für surreale Situationen und absurden Witz. Ein harter Security-Mann küsst zärtlich eine Schaufensterpuppe. Eine wütende Ehefrau macht sich mit Säure, Schaufel und bester Freundin auf die Jagd nach der Schlampe, die ihrem Mann das Handy geklaut hat. Zwei Cousins, die sich seit 45 Jahren nicht gesehen haben, holen sich erst mal gegenseitig einen runter, so wie früher.

Keiner von Serges Besuchen läuft erwartungsgemäß ab, aber jedes Mal lernt er etwas über sein früheres Selbst, als setze er nun doch ein Puzzle zusammen, das am Ende den Menschen ergibt, der er heute ist. Vor allem das Zusammentreffen mit seiner Nichte (Miss Ming), die im Garten seines verschwundenen Bruders seltsame Kunstwerke aus Plastikbabys oder Kuscheltieren bastelt (bald auch eine Skulptur von Serge), prägt ihn nachhaltig. Er, der Zeit seines Lebens für dumm gehalten wurde, entdeckt seinen Sinn für Kunst, Lyrik und Philosophie, schließt ab mit dem Geist der lang verstorbenen Liebe seines Lebens (in einem entzückenden Gastauftritt: Isabelle Adjani) und erkennt letztlich, wer und was ihm im Leben wirklich etwas bedeutet.

Rätselhafter, unsicherer Gigant

"Mammuth" ist ein kleiner Film, in körnigen Bildern gedreht und so unaufgeregt erzählt, dass sich Witz und Charme immer eher leise anpirschen, statt einem ständig und laut ins Gesicht zu springen. Zurückhaltend wäre vielleicht das richtige Wort, wenn es zwischendurch nicht so schreiend komisch würde und dann wieder so unendlich melancholisch.

Und Depardieu, mit 61 Jahren nun auch schon über das französische Renteneintrittsalter hinaus, beweist sich als das nationale Heiligtum, das er sein kann. Ruhig und stoisch spielt er diesen Serge, als rätselhaften, unsicheren Giganten, bei dem man sich nie sicher sein kann, ob er ein bisschen langsam oder sehr tiefsinnig ist - nur dass er ein großes, gutes Herz hat, das weiß man ab der ersten Minute genau. "Mammuth" ist ein Film wie das Ende eines Sommers: traurig und schön, mit einer Wärme, die den kommenden kalten Tagen noch zu trotzen weiß.


"Mammuth". Start: 16.9. Von Benoît Delépine, Gustave Kervern. Mit Gérard Depardieu, Yolande Moreau, Isabelle Adjani.



insgesamt 10 Beiträge
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faustjucken_tk 16.09.2010
1. ...
Der Film ist bestimmt klasse.
mistersteve 16.09.2010
2. ??
"Schulze Gets The Blues" auf Französisch?? ;-)
Nightfly_S 16.09.2010
3. Der Film ist toll
Hab ihn auf der Berlinale gesehen. Klasse Humor!
larsT64, 16.09.2010
4. Omnipräsenz
Haben die Franzosen eigentlich auch andere Schauspieler als Gérard Depardieu?
fred_krug 16.09.2010
5. Wie eine moderne Kunstausstellung
"Mammuth" ist wie eine moderne Kunstausstellung, die sich in der Werbung als konventionell anmutender Roadmovie ankündigt. Am Ende bleiben Fragen: Was ist die Botschaft? Was SIND die Botschaften? Darf ich, muss ich, soll oder sollte ich mir über diesen Film überhaupt Gedanken machen? Mag ich ihn, mag ich ihn nicht? Was ist eigentlich in den letzten 91 Minuten wirklich geschehen? Was der Film jedenfalls nicht ist: Ein Film über Motorradfahrer, Easy Rider auf Französisch; dieser Film ist nicht konventionell; dieser Film ist so vieles nicht, was mittlerweile "üblich" in Kinos ist. Wer "das Übliche" will, wird maßlos enttäuscht und irritiert - ja möglicherweise sogar verstört ob der Selbstverständlichkeit des völlig Verqueren. Was der Film ist, das wiederum ist schwer zu sagen: Eine Einzelkritik, eine Generalkitik an die Gesellschaft? "Nur" eine intellektuelle Spielwiese, ein "intellektueller Sandkasten, der die nahezu unendliche Anzahl an Symbolik, Metaphern und ihren Spielarten zu ergründen versucht? Ist dieser Film weit weniger, als er den Anschein zu sein erweckt? Oder ist es genau anders herum - also weit mehr, als er zunächst zu sein scheint? Dem Besucher im Kino wird bei der Entlassungszeremonie klar, dass er sich auf alles andere einstellen MUSS, als er im Kino erwartet. Er wird sich auf eine Kunstausstellung des Grotesken, des Absurden, des Abstrusen, des Surrealen und des obszönen Vulgären im Individuum, in den Mikrokosmen, aber auch generell in der Gesellschaft und Wirtschaft einstellen müssen - so, wie in einer Ausstellung moderner Kunst, die ebenfalls wie zufällig, und dennoch vorsätzlich ihren Platz im Film findet. Dieser Film ist Filmkunst. Wer das ertragen, wird den Film mögen; wer dafür so abgestumpft wie Serge oder der Mainstream-Kinogänger ist, der zahlt einen hohen Preis, ohne sich der Gegenleistung bewusst werden zu können.
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