Roadmovie "My Blueberry Nights" Spiel mir den Blaubeer-Blues

Seine Werke gelten als mysteriös und kunstsinnig. Lag es an den exotischen Milieus, in dem Wong Kar Wais Kino bisher zu Hause war? "My Blueberry Nights", sein erster amerikanischer Film, gibt jedenfalls nur ein Rätsel auf: Wie konnte soviel Kitsch zustande kommen?

Von Jenny Hoch


Hübsche Mädchen sind wie Kuchen. Es gibt die Stars aus der ersten Reihe, die Apfel- oder Erdbeerkuchen-Girls; sie sehen zum Anbeißen lecker aus, und alle reißen sich um sie. Aber es gibt auch die etwas unauffälligeren Typen wie Blaubeerkuchen, die ihre Qualitäten erst auf den zweiten Bissen offenbaren und deshalb leicht übersehen werden.

"My Blueberry Nights"-Darsteller Law (li.), Jones: Kuchenkrümel-Kuss mit Folgen
DDP

"My Blueberry Nights"-Darsteller Law (li.), Jones: Kuchenkrümel-Kuss mit Folgen

Elizabeth (gespielt von der Jazz-Sängerin Norah Jones in ihrer ersten Filmrolle) ist definitiv ein Mädchen der zweiten Kategorie. Ein eher stilles Wesen mit traurigen Augen, das von seinem Freund sitzen gelassen wurde und sich deswegen Nacht für Nacht mit großen Stücken des vom Tage übrig gebliebenen Blaubeerkuchens tröstet, die ihr der sympathische Café-Besitzer Jeremy (Jude Law) zusammen mit einer bunten Garnitur von Lebensweisheiten serviert.

Das geht eine ganze Weile gut, die beiden philosophieren in der heimeligen Atmosphäre des New Yorker Cafés über das Leben und über ihre Liebesverletzungen. Es kommt zu einem mehr erahnbaren als tatsächlich sichtbaren Kuss, mit dem Jeremy der schlafenden Schönen sachte ein paar Kuchenkrümel von den Lippen tupft, und fast glaubt man schon, dem Beginn einer neuen wunderschönen Liebe zuzusehen. Dann aber bricht Elizabeth die gemeinsamen Blaubeernächte ab und macht sich auf eine Reise durch Amerikas Süden und Westen – allein, und mit der wagen Hoffnung, irgendwo da draußen Linderung für ihren Liebeskummer zu finden.

"My Blueberry Nights" ist der erste englischsprachige Film des Arthouse-Regisseurs Wong Kar Wai. Stilistisch unterscheidet er sich kaum von seinen elegischen Vorgängern "In The Mood for Love" (2000) und "2046" (2004). Für das Blaubeer-Drama komponiert der Star aus Hongkong aus seinen großen Themen Liebe, Sehnsucht und Melancholie ein stilvolles Roadmovie mit Stationen in New York City und entlang der Route 66, die er mit sehnsüchtig schwelgender Blues-Musik unterlegt. Das Ganze fasst er in Bilder voller bedeutungsschwerer Zeitlupen, kunstvoller Zooms und prächtiger Farbspiele.

Grandioses Leid, geschwätzige Liebesszenen

Doch anders als bei seinen früheren Werken überlässt er fast nichts der Phantasie der Betrachter, sondern erzählt die Geschichte einer Heilung, deren Happy End so klebrig wirkt wie zu lange stehen gebliebener Blaubeerkuchen.

Wong Kar Wai bläst alle Emotionen auf XXL-Größe auf, was die gewollt sentimentale Stimmung oft genug in Richtung Lächerlichkeit kippen lässt. Dazu mischt sich eine Stimme aus dem Off, wohl um denen, die noch immer nicht verstanden haben, dass hier schmerzhafte Liebesdinge verhandelt werden, zu erklären, was los ist. Überhaupt wird viel geredet, was dem Film eine unangenehme Geschwätzigkeit verleiht.

Was Elizabeth auf ihrer Reise zu sehen bekommt, gleicht einem Lazarett gebrochener Seelen. In Memphis trifft sie den haltlos liebenden Cop Arnie (David Strathairn), der seinen Kummer im Alkohol ertränkt, und seine Exfrau Sue Lynne (grandios leidend und wunderschön: Rachel Weisz), die verzweifelt versucht, sich von der erstickenden Umklammerung ihres Ex-Mannes zu befreien. Und in Las Vegas tut sie sich mit Leslie (blond und hibbelig: Natalie Portman) zusammen, einer emotional labilen Pokerspielerin, die aus nicht näher ausgeführten Gründen ein großes Problem mit ihrem Vater hat.

Liebe, das wird immer klarer, kann zur selbstzerstörerischen Sucht werden, genau wie Alkohol und Glücksspiel. Gegen diese emotionalen Abgründe wirken die Gefühlsverwirrungen der großäugig das Elend um sie herum beobachtenden Elizabeth wie harmlose Teenager-Probleme. Hier zeigt sich, dass die Rahmenhandlung, der Selbsterfahrungstrip der Hauptdarstellerin, nicht über den ganzen Film hinweg trägt. Denn Norah Jones hat dem nuancierten Spiel ihrer Kollegen relativ wenig entgegenzusetzen. Als Schmuse-Sängerin ist sie definitiv überzeugender denn als Schauspielerin.

Regisseur Wong Kar Wai setzt die ganze Palette gängiger USA-Ansichten wie neongleißende Großstadtpanoramen, schummrige Südstaaten-Bars und endlose Wüstenlandschaften so klischeehaft in Szene, wie es sich nicht einmal Wim Wenders trauen würde. Aber dass sie sich anders als etwa in "Paris Texas" nicht von alleine mit Bedeutung aufladen, liegt weniger an seiner Regiekunst als an unseren eingefahrenen Sehgewohnheiten.

In früheren Filmen kaufte man ihm seine opulente Bildsprache nur allzu gerne ab, weil man sie unter dem aufregend mysteriös wirkenden Etikett "typisch asiatisch" verbuchen konnte. Transplantiert in die USA, wirkt sie plötzlich abgegriffen und leer. Für geübte Pop-Konsumenten wirken USA-Sujets eben einfach zu abgedroschen. Die Schuld des Regisseurs ist das nicht, eher ein Zeichen unserer Sehnsucht nach Exotik.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.