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Roadmovie "Sideways": Message in a Bottle

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Ein vollmundiges Vergnügen: In Alexander Paynes Komödie "Sideways" gerät eine Reise durch Kaliforniens Weingebiet zum existentialistischen Trip der Sinn- und Peinlichkeiten für zwei ungleiche Freunde. Die kulinarische Herrentour ist für fünf Oscars nominiert.

Sideways-Darsteller Oh, Church, Madsen, Giamatti: Zarte Hoffnung auf Erlösung
20th Century Fox

Sideways-Darsteller Oh, Church, Madsen, Giamatti: Zarte Hoffnung auf Erlösung

Schon die erste Begegnung mit den beiden verkrachten Existenzen bedeutet Ernüchterung: Der glücklose Highschool-Lehrer Miles (Paul Giamatti), selbstmitleidiges Scheidungsopfer und gescheiterter Autor, lädt den abgewirtschafteten Fernsehdarsteller Jack (Thomas Haden Church) vor dessen Hochzeit auf eine kulinarische Herrentour durch die kalifornischen Weinanbaugebiete ein.

Die Tatsache, dass Miles zwecks Finanzierung des geplanten Edeljunggesellenabschieds seine greise Mutter bestiehlt, lässt dabei ebenso tief blicken wie Jacks augenscheinliches Verlangen, so viele Meilen wie möglich zwischen sich und seine zukünftige Braut zu bringen. Jack ist es denn auch, der Miles' akribische Verköstigungsstrategie für die erlesenen Keltereiprodukte lokaler Vineyards mit seinem aggressiven Balzverhalten durchkreuzt.

In Vino Veritas?

Zwischen Cabernet Souvignon und Merlot macht Jack intime Bekanntschaft mit der selbstbewussten Sommelieuse Stephanie (Sandra Oh), während sich Miles seiner jahrelangen Lieblingskellnerin Maya (Virginia Madsen) nähert. Doch wie bei all ihren Unternehmungen im sonnendurchfluteten Tal führen auch die romantischen Anstrengungen das Duo nicht vorwärts zur lustvollen Erfüllung, sondern entsprechend des Titels "seitwärts" - an die Ränder ihres festgefahrenen Rollenspiels, wo sich unvermittelt die Abgründe liebgewonnener Lebenslügen auftun.

Darsteller Giamatti, Church: Existenzieller Seitwärts-Drall
20th Century Fox

Darsteller Giamatti, Church: Existenzieller Seitwärts-Drall

Es sind jene Ab- und Umwege, aus denen Regisseur Alexander Payne und sein langjähriger Co-Autor Jim Taylor eine psychologische Landkarte für ihre Figuren entwerfen. Ganz im Gegensatz zur sanften Hügellandschaft der kalifornischen Weinstraße ist diese dramatische Topographie von biografischen Verwerfungen und emotionalen Sackgassen durchzogen, in denen sich Miles und Jack stets auf Neue verfransen.

Bereits in "Election" (1999) und "About Schmidt" (2002) brechen Paynes Helden mutig zu Abenteuern auf, nur um gleich in der ersten Kurve ins Schleudern zu geraten: Matthew Brodericks idealistischer Lehrer James T. McAllister probt in "Election" den Aufstand gegen eine ehrgeizige Musterschülerin und die eigene trostlose Ehe; Jack Nicholson träumt als selbstgerechter Witwer Warren R. Schmidt vom freien Dasein auf Amerikas Landstraßen. Beide werden vom Leben für ihre Hybris ausgiebig bestraft, und Paynes schneidender Witz speist sich nicht zuletzt aus der Erbarmungslosigkeit, mit der er seine Protagonisten beim Straucheln beobachtet.

Fein abgeschmeckte Satire

Church, Giamatti: Für Hybris ausgiebig bestraft
20th Century Fox

Church, Giamatti: Für Hybris ausgiebig bestraft

Nun spielt "Sideways" nicht wie die vorherigen Filme unter der tief hängenden Wolkendecke Nebraskas, sondern unter Kaliforniens azurblauem Himmel. So liegt es vielleicht an der sonnigen Großwetterlage, dass Miles und Jack trotz ihrer zahlreichen Verfehlungen bei weitem nicht so schonungslos demontiert werden wie ihre filmischen Vorläufer. Ein panischer Coitus Interruptus im fremden Wohnzimmer oder das eskalierende Besäufnis in einer pastellfarbenen Touristenfalle mögen sie zu Boden werfen, doch Payne erlaubt den Gefallenen, sich gegenseitig wieder aufzuhelfen.

Bei aller Schärfe im satirischen Detail zeichnet "Sideways" mit Nachsicht die Freundschaft zwischen den ratlosen Sinnsuchern, und diesen Liebeskredit zahlen die Darsteller mit ihrer Leistung doppelt und dreifach zurück. Angesichts der uneitlen Selbstverständlichkeit ihres Spiels muss jede der zahlreichen Auszeichnungen und Nominierungen für Paul Giamatti, Thomas Haden Church, Virginia Madsen und Alexander Paynes Ehefrau Sandra Oh als unbestreitbar verdient gelten. Nachdem "Sideways" bereits einen Golden Globe als beste Komödie gewann, winken nun die Oscars: Fünfmal ist Paynes Film nominiert, unter anderem als bester Film.

Reflexion statt Hohn

Doch es ist nicht allein die offene Zuneigung, die Buch und Regie den Figuren entgegenbringen, welche "Sideways" von den bisherigen Frustrationskomödien Paynes unterscheidet. Erstmals gestattet er seinem Ensemble im Ansatz die Fähigkeit zur bewussten Reflexion ihres Handelns, was die zarte Hoffnung auf Erlösung aufkommen lässt.

Film-Paar Oh, Church: Uneitle Selbstverständlichkeit
20th Century Fox

Film-Paar Oh, Church: Uneitle Selbstverständlichkeit

Während James T. McAllisters völlig autistischer Off-Kommentar in "Election" lediglich die vollständige Verblendung des Sprechers offenbart, und Warren Schmidt sich auf geschönten Ansichtskarten lohnenswerte Reiserlebnisse zusammenfabuliert, verfügen der Schriftsteller Miles und der Schauspieler Jack über eine professionelle Distanz zur Sprache, die sie letztlich vor dem endgültigen rhetorischen Selbstbetrug bewahrt.

Alle nur denkbaren Analogien hinsichtlich feiner Spirituosen hat die begeisterte US-Kritik bereits für ihre Lobeshymnen strapaziert, doch der Blick durch die Flasche verschiebt auch hier die Wahrnehmung weg vom Wesentlichen. Es braucht nicht die elitären Geschmacksknospen eines Connaisseurs, um das warme Innere von "Sideways" zu entdecken. Auch ein Laie kann die Erfahrung dieses vollmundigen Americana-Abenteuers treffend beschreiben: Anfangs beißt es heftig auf der Zunge, doch sein Abgang gerät unerwartet sanft.


Sideways


USA 2004. Regie: Alexander Payne. Drehbuch: Alexander Payne, Jim Taylor (Rex Pickett, Roman). Darsteller: Paul Giamatti, Thomas Haden Church, Virginia Madsen, Sandra Oh, Marielouise Burke, Jessica Hecht. Produktion: Michael London Productions, Fox Searchlight Pictures, Sideways Productions. Verleih: 20th Century Fox. Länge: 127 Minuten. Start: 3. Februar 2004

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