Zum Tod Roger Moores Der Mann, der James Bond rettete

Welcher Bond war der Beste? Über diese Frage kann man lange streiten, unbestreitbar ist: Es war ein Geschenk, dass Roger Moore die Rolle 1973 übernahm. Weil diesem Agenten der Ernst der Lage so herrlich schnuppe war.

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Eine Würdigung von


Ein Glück, dass es 1973 noch keine Shitstorms gab.

Als damals in "Leben und sterben lassen" plötzlich dieser Herr fortgeschrittenen Alters als James Bond auf den Plan trat und im rentnerfarbenen Sommeranzug Jane Seymour mit einer hochgezogenen Augenbraue verführte, trauten viele Zuschauer ihren Augen nicht.

Was macht der alte Typ mit unserem Bond?

Dass er sich dann auch noch vor einem Haufen Krokodilen rettete, indem er über deren Rücken zu einem Boot lief, ohne sich den Anzug auch nur ansatzweise zu versauen, war des Guten zuviel.

Schon damals waren die auf den Agententhrillern des britischen Schriftstellers Ian Fleming basierenden 007-Filme eine Marke, mit der man besser nicht spielte. Es ging um britische Eleganz, den Stolz einer Nation auf sich selbst und nicht zuletzt ihren Beamtenstamm. Dinge also, deren Gegenteil Roger Moore verkörperte.

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Roger Moore: Der Richtige für 007

Als "Leben und sterben lassen" in die Kinos kam, war der aus dem Süd-Londoner Stockwell stammende Moore bereits Mitte 40, hatte 20 Jahre und ein paar Dutzend Filme als Schauspieler auf dem Buckel und seinen alles andere als gestählten Körper bereits für Werbung mit Strickwaren hergegeben.

Die Highlights in Moores Filmografie hießen damals: "Die Tingeltangelgräfin" oder "One Wild Oat". Berühmt war er ausgerechnet mit der Rolle des Lord Brett Sinclair in der Fernsehserie "Die 2" geworden; ein hüftsteifer schottischer Playboy, der an der Seite von Tony Curtis zum Spaß Kriminalfälle löst. Die Serie floppte in den USA, wurde in Europa aber Kult.

Moore muss es schnuppe gewesen sein: Die - heute lächerliche - Gage von einer Million Pfund für 24 Folgen hatte ihm den Titel als bestbezahlter Schauspieler seiner Zeit eingebracht.

Moore startete also unter denkbar schlechten Voraussetzungen in die heikle Rolle als Lieblingsagent der Nation. Trotzdem: Er war die perfekte Besetzung. Mit "Leben und sterben lassen" schlug die Bond-Reihe gerade eine neue Richtung ein. Von der leicht verspießten, häkelbedeckten Ernsthaftigkeit der ersten sieben Ausgaben unter Sean Connery und George Lazenby hin zu einer selbstironischen, schwungvollen Schnüfflerkomödie mit flotten Sprüchen, schnellen Autos und wenig Bezug zur Realität.

Bond war unter Moores Ägide nicht mehr Agent, um die Welt zu retten und das Gute zu beschützen. Er machte den Job im Grunde, um sich Vorteile zu erschleichen, schöne Frauen rumzukriegen, bedenklich viel zu trinken und mit den neuesten Gadgets ausgestattet zu werden.

Wer, bitteschön, hätte diese Rolle ausfüllen sollen, wenn nicht Roger Moore? Der ohne jeden Zweifel wunderbare, aber auch arg glatte Connery, stets Mustermann und Verkörperung einer nationalen britischen Sehnsucht in Personalunion etwa? Oder gar Lazenby, der für nur einen Film Connery ablöste und schließlich in der Versenkung der Kabel-Softpornoreihe "Emmanuelle" verschwand?

Moores Verdienst ist es, dass er James Bond rettete. Er befreite 007, gab der Rolle jene Selbstironie, die sie bitter nötig hatte. Ohne ihn wäre die Reihe nie zu dem geworden, was sie heute ist.

Und mal ehrlich: Wie könnte man Missionen auf irgendeine Weltraumstation eines Superbösewichts oder Faustkämpfe auf der Golden Gate Bridge in San Francisco ernst nehmen? Moore schien als Bond immer zu wissen, dass es ohnehin sinnlos ist, Missionen wie seine kontrollieren zu wollen. Die Kacke war ohnehin schon heftig am dampfen - warum also sich noch aufregen? Wird schon.

Vielleicht war Moore gerade deshalb der beste James Bond, weil er nie ein herausragender Schauspieler war. Aufreibendes Mienenspiel, ausdrucksstarke Blicke oder intensive Dialoge, wie man sie von Connery oder Daniel Craig kennt, waren mit ihm schlicht nicht zu machen.

Stattdessen tauchte er in "Octopussy" in einem aberwitzigen Krokodil-Boot vor der Haustür von Octopussy auf oder saugte in "Der Mann mit dem goldenen Colt" einer Bauchtänzerin eine goldene Kugel aus dem Bauchnabel, um danach eine Handvoll Knochenbrecher mit den Fäusten zu bearbeiten. Nicht mit der Galligkeit seiner Bond-Kollegen, versteht sich - eher wie jemand, der es kaum erwarten kann, endlich wieder an der Bar dem Piano zu lauschen und sich eine Kubanische anzustecken.

Genau genommen scheiterten alle anderen Bond-Darsteller an der Ernsthaftigkeit, die Moore fehlte. Gerade Timothy Dalton und Pierce Brosnan versuchten zu sehr, dem Idealbild James Bond gerecht zu werden. Craig war ein moderner Actionheld, der spannende Filme machen konnte und perfekt in teure Anzüge passte.

Moore war immer einfach Moore. Er schuf sich seine eigene Nische. Er fiel aus Reiseflughöhe auf die Erde und musste seinen Anzug danach nicht einmal bügeln. Er kämpfte auf Skiern um Leben und Tod, prügelte sich in der teuersten Glasmanufaktur der Welt und musste nie eine Rechnung begleichen.

Roger Moore machte James Bond zur allgemeingültigen Fantasie, war das Gesicht einer Freiheit, die es so nie gab - und nie geben wird. Letztendlich war das auch egal, die Welt war ja gerettet und der Martini geschüttelt.

Anm. d. Redaktion: Roger Moore fuhr als Bond in dem Krokodilboot vor die Haustür von Octopussy in dem Film "Octopussy". Und nicht, wie in einer früheren Version stand, in dem Film "Leben und sterben lassen".



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