"Rohtenburg"-Urteil Verleih nennt Filmverbot verfassungswidrig

Der Horrorfilm "Rohtenburg" ist auf Antrag des "Kannibalen von Rotenburg", Armin Meiwes, mit einem Aufführungsverbot belegt worden. Produktionsfirma und Verleih halten das Urteil des OLG Frankfurt am Main für verfassungswidrig und pochen auf die Freiheit der Kunst.


Frankfurt/Main - Ein Aufführungsverbot wie für den Kannibalenfilm "Rohtenburg" hat es in Deutschland nie zuvor gegeben. Von 1950 bis 1961 durfte nach dem Willen der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) der Rossellini-Film "Rom, offene Stadt" nicht gezeigt werden, weil nach ihrer Ansicht die Darstellung der Verbrechen der Deutschen der Völkerverständigung widersprach. Wegen Pornografie wurde 1976 der Pasolini-Film "Salò - oder die 120 Tage von Sodom" verboten. Beide Filme wurden später jedoch freigegeben.

Szene aus "Rohtenburg" (mit Thomas Kretschmann): Mediokres Werk 
Senator

Szene aus "Rohtenburg" (mit Thomas Kretschmann): Mediokres Werk 

Das Verbot von "Rohtenburg" begründete der in Kassel ansässige 14. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt heute mit einer schwer wiegenden Verletzung der Persönlichkeitsrechte des sogenannten Kannibalen von Rotenburg", Armin Meiwes. Der Spielfilm zeige "eine nahezu detailgetreue Wiedergabe seiner privaten Lebensgeschichte nebst darin enthaltener Auffälligkeiten seiner Familie, der Vorgeschichte und der Ausführung der Tat". Dass Armin Meiwes durch seine in der deutschen Kriminalgeschichte einmalige Tat weithin bekannt geworden ist, darf nach Auffassung der Richter nicht dazu führen, "dass seine Person ohne Einwilligung zum Gegenstand eines als Real-Horrorfilm angekündigten, allein der Unterhaltung der Zuschauer dienenden Spielfilms gemacht werden darf".

Die Produktionsfirma Atlantic Streamline berief sich laut OLG zu Unrecht auf die Kunstfreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Film. Ihren Verantwortlichen droht nun ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro oder bis zu sechs Monate Haft, falls der Film "vervielfältigt, beworben oder auf andere Weise in Verkehr gebracht wird". Das Urteil ist mit Rechtsmitteln nach der Zivilprozessordnung nicht anfechtbar. Die einzige Möglichkeit, dagegen vorzugehen, ist eine Verfassungsbeschwerde.

Bei Atlantic Streamline handelt es sich um die Firma des Deutschen Marco Weber, der 1993 in Kalifornien als Filmproduzent begann. Die Produktionskosten für "Rohtenburg" werden auf fünf Millionen Dollar geschätzt. Hinzu kommen Kosten für den Verleih, nach Angaben von Meiwes' Anwalt Harald Ermel über 400.000 Euro. Betroffen davon ist abermals Marco Weber, der im Oktober 2005 zusammen mit Helge Sasse 50,1 Prozent der Aktien der Senator Entertainment AG erworben hat. Die Produzenten hatten argumentiert, der authentische Fall Armin Meiwes habe die Filmhandlung nur inspiriert.

Dass dem Verleih, dessen Börsenkurs heute Vormittag nach Verkündung des Urteils einige Punkte einbüßte, Kosten entstanden seien, dementierte der Anwalt von Atlantic Streamline am Nachmittag. "Der Verleih hat keinen Schaden", sagte Helge Sasse und kündigte zugleich an, dass die Produktionsfirma nun die Eröffnung des Hauptsacheverfahrens anstrebe. Dazu müsste beim Oberlandesgericht beantragt werden, dass Armin Meiwes als Kläger eine Frist gesetzt wird, innerhalb der er Klage im Hauptsacheverfahren erheben müsste. Tut er dies nicht, könnte die heute vollzogene  einstweilige Verfügung auf Antrag aufgehoben werden.

Für den Fall, dass die Filmproduzenten sich nicht durchsetzen, kündigte Rechtsanwalt Sasse an: "Wir gehen bis vors Bundesverfassungsgericht." Sasse ist zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrats des betroffenen Filmverleihs Senator. Seiner Ansicht nach ist das Urteil des OLG nicht nur "völlig unverständlich", sondern sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Die Behandlung des Themas durch das Gericht sei "über die Maßen nachlässig" und stehe "in krassem Widerspruch zur Rechtsprechung, insbesondere auch des Bundesverfassungsgerichts".

Falls die Entscheidung des Gerichts in einem Hauptsacheverfahren über die Instanzen bestätigt werde, hätte das für die Filmwirtschaft und die Filmkunst geradezu verheerende Auswirkungen, so Sasse.  Es könne nicht sein, "dass die filmkünstlerische Auseinandersetzung mit Personen der Zeitgeschichte künftig pauschal von deren Zustimmung und Profitgier abhängig sein soll".

Der auf Englisch, aber in Wuppertal gedrehte Film hieß ursprünglich "Butterfly. A Grimm Love Story": Butterfly in Bezug auf eine Szene, in der sich die beiden Männer umarmen und einer mit Blick auf ihren Schatten sagt: " Wir sehen aus wie ein Schmetterling." Mit Grimm sind die deutschen Märchenerzähler gemeint, an deren düstere Geschichten im Film erinnert wird.

"Rohtenburg", wiewohl ästhetisch und cineastisch ein mehr als mediokres Werk, erzählt den Kannibalismus-Fall nicht ohne Mittel der Verfremdung. So recherchiert eine Amerikanerin für den Abschluss ihres Studiums der Kriminalpsychologie die Hintergründe, der Tod der Mutter des Kannibalen wird anders dargestellt, entscheidende Dialoge wurden erfunden. So sagte Armin Meiwes, der sich zurzeit vor dem Frankfurter Landgericht erneut wegen Mordes verantworten muss, aus, er habe den 43-jährigen Bernd B. nach der Entmannung für tot gehalten, als er ihm in den Hals schnitt. Im Film fragt der Kannibale Oliver Hartwin (Thomas Kretschmann) sein Opfer Simon "Willst du, dass ich es jetzt tue?", und Simon, gespielt von Thomas Huber, nickt.

Der Film stellt den Kannibalen und sein Opfer als zwei von Obsessionen getriebene Männer dar und lässt das von Meiwes angegebene Motiv, er habe mit dem Essen des Menschenfleischs eine Art Bruder in sich aufnehmen wollen, völlig aus. Nach dem Urteil der OLG-Richter zeigt "Rohtenburg" ohne ausreichende Verfremdung Privatleben und Tat von Meiwes und gibt der Öffentlichkeit "ein durch die Darstellungsweise des Horrorfilms geprägtes Persönlichkeitsbild" von ihm preis. Insgesamt 88 Übereinstimmungen mit dem realen Leben Meiwes' seien gefunden worden; dem Gericht reichte dies, um Persönlichkeitsrecht über Kunstfreiheit zu stellen.

Zugestimmt hatte Meiwes der fiktionalen Verfilmung seiner Geschichte nicht. Erlaubt hatte er jedoch eine Fernsehdokumentation. Die Hamburger Produktionsfirma Stampfwerk will nach eigenen Angaben nach dem Urteil des Landgerichts Frankfurt eine wahrheitsgemäße, journalistische Darstellung des Falls und seiner Hintergründe, insbesondere den Kannibalismus-Foren im Internet, in Angriff nehmen.

bor/AP/ddp



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