Rom-Film "La Grande Bellezza" Die Hauptstadt der Hohlheit

Ein wenig Sex, ein wenig Philosophie - und sehr viel großkotzige Banalität. "La Grande Bellezza" setzt einem alternden Flaneur und der ewigen Stadt Rom ein sehr dürftiges Denkmal. Der Film ist also eigentlich großer Mist. Aber er ist einfach wunderschön anzusehen.

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Berühmt ist der boshafte Kommentar, den der Schriftsteller Thomas Mann über die Belesenheit seines Konkurrenten Lion Feuchtwanger abgegeben haben soll. "Haben Sie diese prachtvolle Bibliothek gesehen?", hat Mann angeblich einen jungen Begleiter nach dem Verlassen von Feuchtwangers Villa in Pacific Palisades gefragt. "All die schönen Erstausgaben, die exquisit ausgesuchten Romane aus allen Kontinenten, das Wissen der Welt aus zweieinhalbtausend Jahren! Und was kommt dabei heraus? Die reine Scheiße!"

Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino, Jahrgang 1970, hat sich offenbar durch eine gut sortierte Filmbibliothek aus Filmen von Marco Ferreri, Ettore Scola, Federico Fellini und anderen geguckt. Er hat sich viele kluge Gedanken über das Kino gemacht. Und er hat nun einen monumentalen Rom-Film mit dem Titel "La Grande Bellezza - die große Schönheit" gedreht. Das Werk ist zweieinhalb Stunden lang, von hohem cineastischen Anspruch und lässt einen unwillkürlich an die (historisch ungesicherte) Thomas-Mann-Häme über Feuchtwanger denken. Denn "La Grande Bellezza" ist leider großer Mist.

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"La Grande Bellezza": Erhaben, altbacken - gescheitert
Das ist traurig, weil Paolo Sorrentino ein herausragender Regisseur im maroden Filmland Italien ist. Nach vielen Jahren, in denen das italienische Kino auf internationalen Festivals für schrecklich mittelmäßige Schmachtschinken verlacht wurde, hat Sorrentino seit seinem Spielfilmdebüt "L'uomo in più" 2001 viel verdientes Lob bekommen. Den allermeisten Applaus gab es für die in Cannes preisgekrönte Satire "Il Divo", in der 2008 der Schauspieler Toni Servillo einen Paten der italienischen Politik spielte, der dem realen Politik-Paten Giulio Andreotti ähnelte. In Irland und den USA hat Sorrentino danach mit dem Schauspieler Sean Penn "Cheyenne - This Must Be the Place" (2011) gedreht, die wunderbar durchgeknallte Passionsgeschichte eines geschminkten Punkrock-Veteranen, der durch eine poetisch verdüsterte Welt schlurft.

So großkotzige wie banale Sätze

Auch in "La Grande Bellezza" sehen wir nun einem einsamen Mann beim gemächlichen Voranschreiten zu. Nur tut er es diesmal nicht in irischem oder amerikanischem Ödland, sondern in der schönsten Stadt der Welt. "La Grande Bellezza" ist ein Film über einen römischen Flaneur. Er heißt Jep Gambardella, wird wieder von Toni Servillo gespielt und ist ein Mann von 65 Jahren. Er trägt Anzüge mit Einstecktuch, hält sich für einen großen Verführer und landet ab und zu mit einer Frau im Bett. Er besucht viele Partys und blickt gern von der mondänen Aussichtsterrasse seiner Wohnung auf das Kolosseum. Vor allem aber, und das ist das Problem, pflegt er eine Liebe zur Philosophiererei. Der Held dieses Films spricht gern sehr großkotzig sehr banale Sätze. Zum Beispiel diesen: "Ich suchte nach der Schönheit und habe sie nicht gefunden."

Erfreulicherweise ist "La Grande Bellezza - die große Schönheit" immerhin ein wunderschön anzusehender Film. Oft ist er auch ganz kurzweilig. Die Stadt Rom ist hier fast menschenleer fotografiert, in einem Licht, das man vermutlich nur in den ersten Morgenstunden so bestaunen kann. Der Kameramann Luca Bigazzi schwelgt in herrlichen Farben und scharfen Schattenrissen, er zeigt elegante Bürgersalons und traumhafte Klostergärten. Die Bilder dieses Films scheinen auf eine merkwürdige Art mit sich selbst zufrieden zu sein, auch die Musik ist nett und geschmackvoll - so dass die Geschichte mehr und mehr zu einer Nebensache wird. Freundlich formuliert: Sie stört auch nicht weiter.

Der Filmheld Jep Gambardella ist angeblich ein Schriftsteller, der vor 40 Jahren mal für kurze Zeit berühmt war und sich seither als Journalist über Wasser hält. Außerdem ist Gambardella ein Wiedergänger des Möchtegern-Schriftstellers, den Marcello Mastroianni im Jahr 1960 in Federico Fellinis "La Dolce Vita" spielte. Es geht in "La Grande Bellezza" um ein Zeitbild der Dekadenz, der Vergeblichkeit. Um das "Gefühl von Ewigkeit" und das "Gefühl von Leere", von denen der Regisseur in den Interviews zu seinem Film schwafelt. Den Zustand des "römischen Universums" habe er zeigen wollen, ein "mentales Abenteuer" im Hader mit dem Geist der Zeit.

Italien als Dokument der Sprachlosigkeit

Ein aktuelles Abbild des Krisenlandes Italien ist "La Grande Bellezza" allerdings höchstens als Dokument der Sprachlosigkeit, der Unfähigkeit zum Diskurs. Statt intellektueller Provokationen und kühner Thesen bietet der Film Anekdoten und fellineske Fratzen. Man sieht einen Kardinal über Kochrezepte dozieren, einen Zauberkünstler mit einer Giraffe auftreten, eine Stripperin ihre fahlen Reize zeigen. Man sieht dem Helden dabei zu, wie er Avantgardekünstler verhöhnt und beim Begaffen einer keuschen Nonne auf Erlösung hofft. Das Erhabene und das Altbackene lagern in diesem Film stets eng beieinander. Nie aber spürt man den existentiellen Ernst, den der Regisseur am Anfang des Films mit einem Zitat aus Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" beschwört.

Dafür kommt einem, nicht nur wegen des Journalistenhelden, beim Anblick des römischem Leerlaufs ein ähnlich ehrgeiziges deutsches Kinowerk in den Sinn: Helmut Dietls Berlin-Film "Zettl", der gleichfalls in harmlosem Gewitzel scheiterte. Zwar war Bully Herbig als Titelheld bei Dietl umtriebiger als Sorrentinos müder Flaneur Servillo, doch wie "Zettl" will auch "La Grande Bellezza" von einer Hauptstadt der Eitlen und Hohlen erzählen und wirkt dabei selbst entsetzlich hohl und eitel. Der große Vorzug von Sorrentinos Film allerdings ist, dass auch fürs Scheitern mit maximalen cineastischen Ambitionen das ewige Stilgesetz gilt: Italiener tun es besser.


La Grande Bellezza. Start: 25.7. Regie: Paolo Sorrentino. Mit Toni Servillo, Carlo Verdone, Sabrina Ferilli.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
protestwahl 25.07.2013
1. Aber genauso so wie dieser Film ....
ist doch Italien!....in sich selbst verliebt und liebenswert altmodisch. Sex, Urlaub, Mode & ganz viel dummschwaetzen, ist alles in Italien ganz toll. Aber wer mal wie ich dort gearbeitet hat der merkt, dass Italien den Zug in die Moderne schon lange verpasst hat, genau gesagt ist man dort gefuehlt so um 1990. Der Film gibt das schoen wieder. Immer schoen weiter so traeumen, wir lieben Italien gerade weil sie so schoen unmodern ist und uns auch Dank der Clowns die Hoffnung gibt, dass die Opera Buffa in Italien noch lange erhalten bleibt.
fatherted98 25.07.2013
2. Logisch....
Zitat von sysopDCMEin wenig Sex, ein wenig Philosophie - und sehr viel großkotzige Banalität. "La Grande Bellezza" setzt einem alternden Flaneur und der ewigen Stadt Rom ein sehr dürftiges Denkmal. Der Film ist also eigentlich großer Mist. Aber er ist einfach wunderschön anzusehen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/rom-film-la-grande-bellezza-von-paolo-sorrentino-laeuft-an-a-912812.html
...junge, nackte, hübsche Damen sind immer wunderschön anzusehen....da brauchts aber keinen solchen Film für.
Jack Caffery 25.07.2013
3. 86546
Zitat von sysopDCMEin wenig Sex, ein wenig Philosophie - und sehr viel großkotzige Banalität. "La Grande Bellezza" setzt einem alternden Flaneur und der ewigen Stadt Rom ein sehr dürftiges Denkmal. Der Film ist also eigentlich großer Mist. Aber er ist einfach wunderschön anzusehen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/rom-film-la-grande-bellezza-von-paolo-sorrentino-laeuft-an-a-912812.html
Maximale Punktzahl bei filmstarts.de. Da verlass ich mich erfahrungsgemäß doch eher drauf ...
Koda 25.07.2013
4. Ich bin verwundert: im Artikel niedergemacht; im Internetvideo gelobt
Zwei Kritiker, zwei Meinungen, klar, aber bei ein und derselben Firma?
karlsiegfried 25.07.2013
5. Besser als der ganze Fernsehmüll
Klingt doch gut und unterhaltsam. Erheblich anspruchsvoller als der Fernsehmüll, wie Topmodell, Rote Rosen, Tierarzt, Sachsenklinik, Volksmusik und andere massenhafte Volksverblödung.
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