Filmfestival in Cannes Venus und Vampire

Zum Abschluss des Festivals in Cannes amüsieren zwei alte Meister mit ironischen Spätwerken: Roman Polanski kommentiert in seinem Zwei-Personen-Stück "Venus in Fur" subtil seine private Misere, Jim Jarmusch schickt in "Only Lovers Left Alive" zwei lässige Hipster-Vampire durch die Ruinen von Detroit.

Aus Cannes berichtet

RP Productions/ Monolith Films

Man hatte im Vorwege schon geunkt und das Schlimmste befürchtet: Nach den langen Monaten Hausarrest im Schweizer Chalet, so die Vermutung, wollte Roman Polanski seiner Gattin Emmanuelle Seigner vielleicht einen Gefallen tun und sie als Venus ganz groß in Szene setzen. Nun ist Madame Seigner nicht die allergrößte Schauspielerin, und ein Ehemann, der seine Frau auf der Leinwand inszeniert, nicht immer die beste Idee für einen gelungenen Film.

Doch "La Vénus à la Fourrure", wie Polanskis Filmadaption des Broadway-Stücks von David Ives auf Französisch heißt, ein in die Moderne versetztes Zwei-Personen-Drama auf Basis des Klassikers "Venus im Pelz" von Leopold von Sacher-Masoch, erwies sich am Samstagmorgen, kurz vor Abschluss des Festivals in Cannes, als durchaus amüsantes, sehr ironisches Selbstgespräch des 79-jährigen Regisseurs. Seit 1977 sieht der sich in den USA mit der Anklage konfrontiert, eine Minderjährige missbraucht zu haben. Seit 2010 ist der polnisch-französische Kinoaltmeister ("Tanz der Vampire") wieder auf freiem Fuß, nachdem die Schweizer Behörden beschlossen hatten, ihn nicht an die US-Behörden auszuliefern.

"La Vénus à la Fourrure" erzählt die Geschichte des Pariser Theaterregisseurs Thomas, der Sacher-Masochs Stück neu adaptiert hat und eine Hauptdarstellerin für die Venus sucht. Nach einem langen Tag voller frustrierender Castings stolpert schließlich, verlebt und fluchend, Vanda (Emmanuelle Seigner) herein und verlangt, vorsprechen zu dürfen. Thomas weigert sich strikt, die offensichtlich abgetakelte, untalentierte und unflätige Aktrice auf die Bühne zu lassen, lässt sich dann jedoch erweichen. Im Laufe der folgenden 90 Minuten dreht sich das Machtverhältnis der beiden komplett um, aus dem schroffen, arroganten Theatermann wird der Sklave der zunächst disparaten, dann dominant-verführerischen Vanda.

Ives' Boulevardstück bleibt in Polanskis Bearbeitung, was es ist: Eine launige, burleske Etüde über sexuelle Macht, Masochismus und Geschlechterrollen. Aber schon allein durch die Besetzung Vandas mit Seigner und Polanskis verblüffendes Ebenbild Mathieu Amalric als Thomas drängt sich die persönliche Deutung des Stoffes auf. Und Untertöne gibt es genug: Nachdem Thomas in der Rolle des Severin von Kusmienski von der Lust berichtet, die ihm die Birkenstockschläge seiner mit Pelzstola behangenen Tante als Junge bereitet haben, macht sich Vanda lustig: Ah, das Stück handele also von Kindesmissbrauch! Thomas rastet aus: Sei denn in heutiger Zeit alles gleich Missbrauch? Muss denn alles gleich zur Sozialstudie werden? Gibt es denn keine Zwischentöne mehr?

Das wirkt, aus Polanskis Perspektive, sehr apologetisch, doch am Ende steht Thomas gefesselt und als Frau geschminkt an einem riesigen phallischen Kaktus. Seigner, mutig und nur mit Pelzstola behangen, tanzt als mythische Aphrodite um ihn herum. Bei allem Masochismuskick, das findet Thomas dann doch nicht mehr geil. Vielleicht will der Regisseur mit diesem jämmerlichen, aber auch sehr lustigen Schlussbild um Verständnis werben - und einräumen, dass er sich im Verwirrspiel der Lüste verirrt haben könnte.

Man kann vieles in Polanskis Film hineininterpretieren, man muss es aber auch nicht - unterhaltsam, klug und überraschend gut gespielt (von beiden Darstellern!) ist er allemal. Polanski selbst würde ohnehin jeden privaten Bezug abstreiten, er sehe noch nicht einmal die schon vielfach bestaunte Ähnlichkeit zwischen ihm und Amalric, behauptete er kokett in einem Interview.

Vampire in Detroit

So geht der diesjährige Wettbewerb von Cannes mit einer augenzwinkernden, ironischen Note zu Ende. Am Freitagabend präsentierte ein etwas jüngerer Kinomeister sein neues Werk: Cheflakoniker Jim Jarmusch, der sich mit "Only Lovers Left Alive" dem Vampirfilm zuwendet, allerdings auf seine ureigene Art. Adam und Eve, grandios verkörpert von Tom "Loki" Hiddleston und Tilda Swinton, sind jahrhundertealte Blutsauger und seit über hundert Jahren verheiratet. Sie lebt allerdings im schwül-orientalischen Tanger, er haust in einer verfallenden Villa am Rand der ruinierten Industriestadt Detroit und sammelt Gitarren.

Lässigere Vampire hat dieses in jüngster Zeit überstrapazierte Genre noch nicht gesehen, Adam ist die Inkarnation des Slacker-Rock'n'Rollers, der einst schon mit Byron herumhing, Swinton gibt die belesene Muse mit strähnig-struppiger Blondmähne, die sich auf Flugreisen gerne mal den Tarnnamen Daisy Buchanan gibt, eine schöne Klammer zum Eröffnungsfilm "The Great Gatsby". Kult- und Kultfiguren aller Epochen werden in den beiden ewig jungen, aber allmählich lebensmüden Vampiren subsumiert. John Hurt hat einen witzigen Gastauftritt als - immer noch lebendiger - Christopher Marlowe, der auf den Nichtskönner Shakespeare schimpft, dessen Stücke natürlich sämtlich er selbst geschrieben habe.

Das Blut wird aus Angst vor Infektion ausschließlich im Krankenhaus besorgt, Bisse auf offener Straße gelten als verpönt ("Wir sind doch nicht mehr im 17. Jahrhundert!"). Und in Adams eigenhändig aufgemotzten Jaguar XJS cruisen die beiden Untoten aristokratisch, aber einsam durch verlassene, heruntergekommene Straßen und Fabrikgelände, Zeugnisse des Niedergangs der Menschen, die Adam verächtlich als "Zombies" bezeichnet.

Abseits dieser behutsam, aber wirkungsvoll in Szene gesetzten Gesellschaftskritik, erzählt der Film nicht viel, außer vom melancholischen Dahindriften zweier Junkies durch die Zeiten. Jarmusch ("Mystery Train", "Dead Man") lebt erneut hemmungslos seine musikalischen Obsessionen aus: Sixties-Soul und Garagenpunk für Connaisseure wird von raren Vinylsingles abgespielt, Adam fachsimpelt über seltene Gitarren aus den Sechzigern, und es wird sogar recht schamlos Werbung für zwei Acts gemacht, die der Regisseur gerade favorisiert: die libanesische Sängerin Yasmine Hamdan und die Psychedelic-Rockband White Hills aus Brooklyn. Beide haben Live-Auftritte in dieser cineastischen Fingerübung, die um einiges mehr Tempo und Pointen hat als Jarmuschs zäh mäandernder letzter Film "The Limits of Control". Am Ende bleibt "Only Lovers Left Alive" ein Insider-Witz. Aber ein sehr guter.

Am Sonntagabend werden in Cannes nach elf Tagen Festival die Palmenzweige an den besten Film, das beste Drehbuch und die besten Darsteller verliehen. Mit Abstand als Kritikerfavoriten gelten Asghar Farhadis Beziehungsdrama "Le passé" und Abdellatif Kechiches Liebesfilm "La vie d'Adèle, chapitres 1 & 2". Polanski und Jarmusch dürften eher wenig Chancen haben. Aber wer weiß, wofür sich Jury-Präsident Steven Spielberg und sein Gremium am Ende entscheiden.

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insgesamt 3 Beiträge
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twister-at 25.05.2013
1. Vampire in coolen Zeiten
Das erinnert doch sehr an David Bowie und Catherine Deneuve, auch wenn dort der Tod anklopfte - aber die Lässigkeit bzw. das Schnöselige waren dort ebenso sehr zu sehen.
ortibumbum.. 25.05.2013
2. Polanski
...das ist kein Regisseur, sondern ein sex-besessener! Wie die Fotografen und Schauspieler diesen Typen anhimmeln; zum k..... Liebe Grüße an die Filmkunst, es scheint alles erlaubt. Und viele Idioten konsumieren diesen Mist auch noch, weil sie nichts besseres im Sinn haben. Altes Rom, es ist nicht mehr weit bis zum Untergang.......
ram5 26.05.2013
3. Immer diese dreisten Distanzlosigkeiten
Mann wie ist das peinlich was gewisse Leute immer in die Werke von Künstlern hineinlesen müssen, und deren Kunst an irgendeinem biographischen Detail festmachen, welches wohlgemerkt gut vermarktbar ist - ''...Vielleicht will der Regisseur... um Verständnis werben - dass er(Polanski) sich im Verwirrspiel der Lüste verirrt haben könnte.'' Das ist nicht nur anmassend unverschämt sondern auch gähnend langweilig, vorhersehbar und unoriginell und lässt damit eher auf die inneren Zustände des Rezensenten schließen als das es irgendetwas mit dem Künstler zu tun hätte.Ende. Viva Polanski : ''Die Tendenz,Männer und Frauen gleichzustellen ist völlig idiotisch.Ich denke,das ist das Ergebnis des medizinischen Fortschritts: Die Pille hat die Frauen unserer Zeit sehr verändert, indem sie sie vermännlicht hat. Das alles verjagt die Romantik was wirklich schade ist.''
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