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Polanskis SM-Film "Venus im Pelz": Macht und Ohnmacht im Spiel der Lüste

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Wer unterwirft wen? Im neuen Film von Roman Polanski proben eine Schauspielerin und ein Regisseur eine Bühnenaufführung der berühmten Sadomaso-Novelle "Venus im Pelz". Nicht als Erotikdrama, sondern als Geschlechterkomödie mit grausamem Witz.

Stellen wir die Machtfrage. Ein Regisseur setzt ein Theaterstück in Szene, das von einer Frau handelt, die einen Mann unterwirft. Bei den Proben will der Regisseur die Hauptdarstellerin mit strenger Hand in die Rolle der strengen Frau führen, doch bald scheint die Schauspielerin die Oberhand über die Inszenierung zu gewinnen. Während der Regisseur in unterwürfiger Pose die Textstichworte gibt, läuft die Schauspielerin zu sadistischer Grandezza auf. Ist der Regisseur hilflos seiner Hauptdarstellerin ausgeliefert, oder hat er sie, ganz im Gegenteil, durch geschickte Manipulation selbst in die Rolle der grausamen Königin gelenkt? Wer also dominiert hier wen?

Ein angenehm doppelbödiges, niemals schmieriges Lust-Spiel über Sadismus, Masochismus und alle möglichen Verwirrnisse zwischen diesen sexuellen Spielarten hat Roman Polanski mit "Venus im Pelz" geschaffen. Der Mann ist gerade 80 Jahre alt geworden, auf Fotos sieht er aus wie 50, wenn er sein Ihr-könnt-mich-alle-mal-Grinsen aufsetzt, geht er von weitem zauberhafterweise glatt als 30 durch. Mit seinem neuen Film hat der Starregisseur jetzt Leopold von Sacher-Masochs SM-Novelle "Venus im Pelz" eine Verjüngungskur verpasst.

Das Buch erschien im Jahr 1870, war aber fast hundert Jahre später noch in vielen Ländern verboten. Nicht etwa, weil es explizite Sexdarstellungen enthielt, sondern weil darin eine Frau einen Mann unterwirft und auspeitscht. Ein, nun ja, Liebesentwurf, der ein Jahrhundert später noch die bürgerliche Gesellschaft erschüttern konnte, ohne pornografisch ausgeschmückt zu sein.

Geschlechterkomödie statt Erotikdrama

Auch das unter gleichem Titel erschienene Zweipersonenstück von David Ives, das eben von einer Theaterinszenierung der legendären Sadomaso-Romanze in einem kleinen Pariser Theater erzählt und Polanski als Vorlage für seinen Film dient, kommt ohne verschwitztes Gefummel aus. Was in der Natur der Sache liegt: SM funktioniert nun mal über eine gewisse Distanz, Anfassen ist da nur ein sehr untergeordneter Teil der sexuellen Übung. Einmal darf im Film/Stück der Regisseur die Schuhe seiner Hauptdarstellerin küssen, ansonsten erfolgt der im Film beschriebene Lustgewinn vor allem über das Verkleiden und Reden.

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"Venus im Pelz": Im Stellungskrieg
"Venus im Pelz" fährt zwar explizit mit allem auf, was im Ritualarsenal und Kleiderschrank der SM-Hochkultur zu finden ist, von der Crossdresser-Szene bis zur Lederkorsage und zum Hundehalsband - und doch bleibt der Film frei von spekulativen oder einschlägig stimulierenden Momenten. Dies ist kein Erotikdrama, dies ist eine Geschlechterkomödie, die mit grausamem Witz von Macht und Ohnmacht im Spiel der Lüste erzählt.

Ein Teil der Komik entsteht auch daraus, dass Polanksi in seinem Film nicht nur mit Zitaten aus eigenen Komödien aufwartet, etwa dem frivolen Horrorspaß "Tanz der Vampire" (1967) oder dem irren Post-summer-of-love-Ringelpiez "Was?" (1972), sondern dass er hier auch gleich noch seine eigene Person und seine eigene Beziehung instrumentalisiert hat.

Tyrann bleibt Tyrann

Als Regisseurdarsteller engagierte Polanski den Schauspieler Mathieu Amalric, der nicht nur wie er selbst aussieht, sondern für den Dreh gleich auch noch einen lustig wippenden Polanski-Scheitel verpasst bekommen hat. Als Hauptdarstellerin rekrutierte Polanski, intimer geht es nicht, seine Ehefrau Emmanuelle Seigner, die auch Mutter seiner beiden Kinder ist. Ein riskanter Akt: Seigner ("Schmetterling und Taucherglocke") ist eigentlich eine tolle Schauspielerin - aber leider nur, wenn sie nicht in den Filmen ihres Mannes mitspielt.

So war es zumindest bislang. Mit Schaudern erinnert man sich an Seigners erotische Auftritte in früheren Polanski-Filmen. An den Striptease im Alte-Herren-Sexdrama "Bitter Moon" (1992), bei dem sie sich auf dem Höhepunkt mit Milch übergießt. An die blanken, wippenden Brüste vor rot leuchtender Feuerwand im Okkultismus-Thriller "Die neun Pforten" (1999). Herrgott hilf! Da schien Polanski die kritische Distanz und kühle Kontrolle zu fehlen.

Das konnte beim Dreh zu "Venus im Pelz" nun schon deshalb nicht passieren, da die Themen Distanz und Kontrolle in den Stoff eingeschrieben sind. Der Kontrollverlust ist kalkuliert und reflektiert, wird Teil der Geschichte. Eine Freude, wie sich in dem Film über die dominierte Domina und den tyrannisierten Regie-Tyrann immer wieder die Rollen verschieben, ohne dass sich das Ganze in einem naiven Relativismus auflöst.

Denn natürlich herrscht im Geschlechterkrieg keine Waffengleichheit, da mögen sich einflussreiche Männer gerne in ihrer Freizeit Hundehalsbänder umlegen. Wie Sacher-Masochs Novelle, die 1870 explizit die sexuelle Macht der Frauen gegen ihre damalige politische Ohnmacht stellte, zeigt auch Polanski in seinem Update von "Venus im Pelz", dass Einfluss im sexuellen Spiel nicht gleichbedeutend ist mit generellem Einfluss.

Das ist die sarkastische Note in seinem abgründig komischen Rollenspiel: Ein Tyrann, der sich ein Unterwerfungsszenarium zusammenphantasiert, bleibt immer noch - ein Tyrann.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Vorleben des Regisseurs
alexkie 19.11.2013
Seit ich von der kriminellen Vergangenheit des Herrn Polanski weiß, kann ich mir keinen seiner Filme mehr ansehen. Wem das keine Probleme bereitet: Hut ab.
2. Dominanz und Unterwerfung
Hugh 19.11.2013
Zitat von sysopProkinoWer unterwirft wen? Im neuen Film von Roman Polanski proben eine Schauspielerin und ein Regisseur eine Bühnenaufführung der berühmten SM-Novelle "Venus in Pelz". Nicht als Erotikdrama, sondern als Geschlechterkomödie mit grausamem Witz. http://www.spiegel.de/kultur/kino/roman-polanskis-sm-komoedie-venus-im-pelz-nach-sacher-masoch-a-933827.html
Topping from the bottom. Nichts Neues in (BD)SM-Beziehungen. Daraus eine ganzen Film zu machen, Hut ab. Den Bildern nach wird aber lediglich ein Klischee nach dem anderen abgehakt. Und es klingt so als hätte der Autor die Dynamik solcher Beziehung nicht richtig verstanden. (BD)SM wird in Vanilla-Kreisen oft missverstanden, als etwas modisches, das sich in Hundeleinen und -halsbändern und Peitschen ausdrückt. Dem ist aber lange nicht immer so. Es handelt sich z. B. in diesem Fall eher um eine Dominanz-/Unterwerfung-Beziehung als um SM. So wie der Film geschildert wird, denke ich, dass "Secretary" mehr über die Machtbalance in einer einer solchen Beziehung aussagt. Den, dem politisch korrekten Feminismus geschuldeten Versuch, sie im Endeffekt dann als doch vom Mann unterdrücktes hilfloses Weibchen darzustellen, hätte sich der Herr Buß sparen können. Das entspricht höchstens der irre geleiteten Fantasie von Spießern.
3. Sexualstraftäter
höngg 19.11.2013
Zitat von sysopProkinoWer unterwirft wen? Im neuen Film von Roman Polanski proben eine Schauspielerin und ein Regisseur eine Bühnenaufführung der berühmten SM-Novelle "Venus in Pelz". Nicht als Erotikdrama, sondern als Geschlechterkomödie mit grausamem Witz. http://www.spiegel.de/kultur/kino/roman-polanskis-sm-komoedie-venus-im-pelz-nach-sacher-masoch-a-933827.html
Ich finde es nicht gut, daß ein Sexualstraftäter in der Öffentlichkeit steht und damit Geld verdient. Man sollte einem solchen Menschen keine Bühne verschaffen. Schlimm genug, daß er nicht für seine widerlichen Vergehen bestraft wird!
4. Bitter Polanski
herr minister 19.11.2013
Als schnöder Filmliebhaber ohne Literaturstudium kann man die Filme "Bitter Moon" und die "9 Pforten" durchaus für kleine Meisterwerke halten, incl. der darin auftretenden Schauspieler, eine junge Seigner, die für ihr Alter unglaublich erfahren und doppelbödig spielt und einen jungen Depp, der zeigt, dass er durchaus etwas drauf hat, bevor er zum Tunten Blockbuster wurde. Thanks to Polanski. Sein Lebenswerk, über "Chinatown" zu "Ghostwriter", spricht für ihn.
5.
barlog 19.11.2013
Zitat von alexkieSeit ich von der kriminellen Vergangenheit des Herrn Polanski weiß, kann ich mir keinen seiner Filme mehr ansehen. Wem das keine Probleme bereitet: Hut ab.
Kein Problem ! Zur "Venus im Pelz"-Verfilmung hätte ich mir eine engere Orientierung an der Original-Novelle gewünscht - meiner Meinung nach eine wirklich spannende Vorlage. Das Missvergnügen des Autors an Frau Seigners Auftritt in "Bitter Moon" kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Allerdings nehme ich einen Filmkritiker, der so einen großartigen, besonders atmosphärisch unvergleichlichen Film mit "Alte-Herren-Sexdrama" betitelt, auch nicht ernst.
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Venus im Pelz

Frankreich 2013

Regie: Roman Polanski

Drehbuch: David Ives, Roman Polanski

Mit: Emmanuelle Seigner, Mathieu Amalric

Produktion: Robert Benmussa und Alain Sarde

Verleih: Prokino Filmverleih

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 21. November 2013


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