Romanverfilmung "Das Bildnis des Dorian Gray" Innen hässlich

Die neueste Verfilmung des Oscar-Wilde-Klassikers "Das Bildnis des Dorian Gray" versucht sich als edler Horrorfilm, scheitert aber schon an der Besetzung der Hauptrolle - wie manch früherer Versuch auch.

Concorde Film / ddp images

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Es ist nicht fair, Hauptdarsteller Ben Barnes vorzuwerfen, diesen Film ruiniert zu haben. Der Mann ist ein vielversprechender Schauspieler, hat durchaus Charisma und sieht gut aus, als Prinz Caspian in der "Die Chroniken von Narnia"-Reihe hat er Leinwandpräsenz und Mainstream-Kompatibilität bewiesen, auch wenn ihm dort vielleicht nicht übermäßige Wandlungsfähigkeit abverlangt wurde. Dass Barnes nun in der Titelrolle der neuen Verfilmung von Oscar Wildes legendärem Roman "Das Bildnis von Dorian Gray" so spektakulär scheitert, beweist nicht, dass er eine Niete ist. In dieser Rolle muss vielleicht jeder Schauspieler scheitern.

Dass trotzdem alle paar Jahre versucht wird, den Roman von 1891 auf Film zu bannen, liegt am faszinierenden, offenbar ewig aktuellen Stoff: Der blauäugige, unschuldige Jungspund Dorian Gray wird im viktorianischen London des späten 19. Jahrhunderts vom zynischen Lord Wotton zu Hedonismus, Rücksichtslosigkeit und Selbstliebe verführt. Sein Leben lang bleibt er ein schöner Jüngling, denn er opfert seine Seele: Statt seiner altert Dorians Bildnis auf dem Gemälde, das der Maler Basil Hallward einst von ihm angefertigt hat; nur dort manifestieren sich Dorians Grausamkeiten und Ausschweifungen über die Jahre in einer widerwärtigen, von Falten und Narben zerfressenen Fratze, so hässlich wie sein Inneres.

Geballter Ästhetizismus

Eine Abrechnung mit (für viele auch eine Hommage an) Jugendwahn, Narzissmus, Egomanie - das passt als Gesellschaftskritik in jede Dekade und ruft die Regisseure auf den Plan. Es gibt Ballettfassungen von "Dorian Gray", Oper-, Comic-, Musical- und Theaterversionen, aber wo sollte so viel geballter Ästhetizismus besser zum Tragen kommen als auf Leinwand oder Bildschirm? Über ein Dutzend Mal wurde es versucht, in Erinnerung geblieben sind eigentlich nur zwei Filme: Albert Lewins schwarzweiße und eher brave Hollywood-Variante aus dem Jahr 1945 mit Hurd Hatfield als Dorian Gray und Massimo Dallamanos trashige, in die Neuzeit verlegte Europroduktion mit Helmut Berger von 1970. Keine uninteressanten Werke, aber auch bei ihnen liegt das Problem in der Hauptfigur. Hatfield spielt Dorian wie hinter einer Maske, regungsarm und vorsichtig, weswegen ihn die anderen Figuren immer überschatten, als wäre er gar nicht Zentrum des Interesses. Berger gibt den bedingungslosen, grausamen Narzissten, was er so überzeugend tut, dass man sich ungern anderthalb Stunden lang am Stück seiner Gesellschaft ausliefert.

Oscar Wilde hat Dorian Gray nicht als Sympathieträger angelegt, was in der epischen, viel facettenreicheren Breite eines Romans (in dem innere Konflikte viel leichter beschrieben werden können) weniger ausmacht als in der kondensierten Welt des Kinos, die nach Identifikationsfiguren schreit. Als Schauspieler hat man es da schwer. Ist man als Dorian Gray zu nett, wird es schnell langweilig. Ist man zu böse, schaut niemand gern hin.

Nerviger Neureicher statt faszinierender Dandy

In der neuen, verhältnismäßig werktreuen Fassung vom Wilde-erprobten Regisseur Oliver Parker ("Ein perfekter Ehemann") versucht Ben Barnes eine Art Mittelweg. Sein Dorian ist zunächst ein liebenswürdiges Kerlchen, blauäugiges Opfer von Lord Wottons (Colin Firth) diabolischem Einfluss. Als er feststellt, dass nur das Gemälde und nicht er selbst altern wird, wandelt er sich etwas arg schnell zum rücksichtslosen Bösewicht. Den gesamten Mittelteil des Films darf er der Unmoral frönen, bevor er zum Mörder wird und nach einer - in wenigen Minuten abgehandelten - jahrelangen Weltreise dann doch mit schlechtem Gewissen und etwas Selbsterkenntnis nach London zurückkehrt; den paranoiden Wahnvorstellungen, die ihn im Roman zu einem vordergründigen Umdenken und zu einem bitteren Ende leiten, ist er nur gelegentlich ausgesetzt. Im neuen Film findet er vor seinem Untergang noch die große Liebe und darf andeuten, dass er tief im Herzen eigentlich ganz nett ist.

Barnes gibt alles, aber er wirkt von Regie und Drehbuch allein gelassen, als wäre diese Rolle nicht zu Ende durchdacht. Niemals ist dieser Dorian Gray ein faszinierender Dandy, eher ein nerviger Neureicher mit Hang zum Selbstmitleid. Er ist ein blasses Rätsel, das keinen Lösungsversuch lohnt.

Da hilft es wenig, dass Regisseur Parker das Ganze als prächtig ausgestatteten Edelhorrorfilm stylt und ein paar gelungene Gruselmomente und einige demonstrativ geschmackvolle Sexszenen parat hat. Dieser Film will vor allem gut aussehen - und das tut er - aber er scheint sich kaum für das Innenleben seiner Hauptfigur zu interessieren.

Es fehlt die Seele. Wie passend.



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Emil Ule, 15.04.2010
1. Dorian Gray...
...wer ist das? Braucht den irgendwer? Dorian ist ein Vehikel, das Wilde benutzt, um Lord Henry ungehemmt philosphieren lassen zu können. Um es genau zu sagen: Dorian Gray ist eine Nebenfigur in seinem eigenen Roman. Jede Verfilmung, die diese Nebenfigur mit der dazugehörigen, papierdünnen Story zum Hauptdarsteller aufblasen will, muss scheitern. Aber das, was Lord Henry sagt, ist nunmal nicht popcornkompatibel. Ein zweistündiges Tischgespräch tut sich niemand im Kino an. Deswegen: Buch lesen.
vishvakarman 15.04.2010
2. Guter Film
Habe den Film auf Englisch gesehen ohne dass ich das Buch gelesen hatte, und ich muss sagen der Film hat mir sehr gut gefallen. Gute Atmosphäre, gute Schauspieler, gute Story. Ich fand auch der Hauptdarsteller hat sehr gut auf die Rolle gepasst.
simple mind 15.04.2010
3. Geistiges Eigentum?
Weder im Trailer noch irgendwo auf der Film-Webseite habe ich den Namen Oscar Wilde gelesen. Das vermittelt einem, wie ich finde, einen guten Eindruck davon, wes Geistes Kind die Forderungen der Film- und Musikindustrie nach der Durchsetzung von Urheberrechten und Würdigung von geistigem Eigentum sind. Was mir auch noch aufgefallen ist: War Johnny Depp zu teuer oder warum hat man ein Double von ihm engagiert?
autocrator 15.04.2010
4. kunstform
Zitat von Emil Ule...wer ist das? Braucht den irgendwer? Dorian ist ein Vehikel, das Wilde benutzt, um Lord Henry ungehemmt philosphieren lassen zu können. Um es genau zu sagen: Dorian Gray ist eine Nebenfigur in seinem eigenen Roman. Jede Verfilmung, die diese Nebenfigur mit der dazugehörigen, papierdünnen Story zum Hauptdarsteller aufblasen will, muss scheitern. Aber das, was Lord Henry sagt, ist nunmal nicht popcornkompatibel. Ein zweistündiges Tischgespräch tut sich niemand im Kino an. Deswegen: Buch lesen.
dass "Film" schon von der kunstform her ein anderes ergebnis zeitigt als ein buch, liegt auf der hand. Aber: es liegt an der machart: Wildes Dorian ist m.E. tatsächlich nicht Popcorn-Kino-kompatibel. Ein autoren-film, ein experimental-film, eine transponierung der geschichte z.B. von "Jugend" auf "Geld" ... ja, das alles, aber eben Mainstream-Kino ... daran scheitert der stoff an ebendiesem mainstream.
han-han 19.04.2010
5. Der Todmacher, Interview mit einem Vampir etc. pp
Zitat von Emil Ule...wer ist das? Braucht den irgendwer? Dorian ist ein Vehikel, das Wilde benutzt, um Lord Henry ungehemmt philosphieren lassen zu können. Um es genau zu sagen: Dorian Gray ist eine Nebenfigur in seinem eigenen Roman. Jede Verfilmung, die diese Nebenfigur mit der dazugehörigen, papierdünnen Story zum Hauptdarsteller aufblasen will, muss scheitern. Aber das, was Lord Henry sagt, ist nunmal nicht popcornkompatibel. Ein zweistündiges Tischgespräch tut sich niemand im Kino an. Deswegen: Buch lesen.
Bei "Der Todmacher" hat es auch funktioniert! Und dem Hollywoodfilm "Interview mit einem Vampir" ;) Und das warer tatsächlich zu 95% ihrer Zeit ein reines Tischgespräch. Ich habe mich Gestern dazu überwunden ihm in Kino zu sehen. Mir gefiel der Film. Besonders die Rolle des diabolischen Lord Henry wurde gut besetzt! Kann sich jedenfalls die Hand reichen mit der Verfilmung "Das Parfum", der meines Erachtens nach, visuell beeindruckenste Romanverfilmung!
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