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Romanverfilmung "The Road": Apokalypse mau

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Eigentlich alles richtig gemacht - und doch gescheitert: John Hillcoats Kinoversion von Cormac McCarthys gefeiertem Weltuntergangs-Roman "The Road" hält sich ehrfürchtig an die Vorlage und bleibt trotzdem weit hinter ihr zurück.

McCarthy-Verfilmung "The Road": Dramaturgisch auf der Strecke geblieben Fotos
ddp images / Senator Film

Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn ein Film längst fertig ist und es trotzdem noch eine Ewigkeit dauert, bis er ins Kino kommt. John Hillcoats Verfilmung von Cormac McCarthys Roman "Die Straße" hätte eigentlich im November 2008 in den USA anlaufen sollen und auch können, doch nach offenbar entmutigenden Testvorführungen entschied man sich, dass am fertigen Film noch etwas herumgedoktert werden müsse.

Die Weltpremiere fand dann fast ein Jahr später auf dem Filmfestival in Venedig statt und wurde von den anwesenden Kritikern nur mit mäßigem Interesse wahrgenommen, ein paar Wochen später gab es dann doch noch einen kleinen, erfolglosen US-Start. Und jetzt, noch mal ein knappes Jahr später, der halbherzige Versuch in Deutschland, in nicht einmal sechzig Kinos. Ein Trauerspiel.

Und ein Jammer. Denn "The Road" (der deutsche Kinoverleih entschied sich im Gegensatz zum Buchverlag für den Originaltitel) ist eigentlich kein schlechter Film. Es ist nur einer, der unbedingt alles richtig machen will, und dann doch immer ein kleines Stück daneben liegt. Einer, der sich fast sklavisch an seine literarische Vorlage zu halten versucht und trotzdem eine ganz andere Wirkung entfaltet, fatalerweise eine deutlich weniger starke.

Aber wie soll man auch so einer Vorlage gerecht werden? Als "The Road" 2006 erschien, hagelte es sofort das Kritikerlob, dass Cormac McCarthy als lebende Autorenlegende gewohnt ist, doch diesmal gab es neben einer expliziten Empfehlung von Oprah Winfrey auch noch den Pulitzer-Preis dazu. Die Zeitschrift "Entertainment Weekly" kürte das Werk im Jahr 2008 zum besten Buch der letzten 25 Jahre überhaupt.

Wanderung durch eine untergegangene Welt

Das Problem ist auch, dass sich das Ganze schon so liest, dass jeder einen Film vor Augen hat. McCarthy beschreibt eine untergegangene Welt nach einer unbestimmten Katastrophe ("eine lange Lichtklinge, gefolgt von einer Reihe leiser Erschütterungen"), in kurzen, detailbesessenen Szenen, als nutze er eine Kamera. Er erzählt, wie ein namenloser Mann und sein Sohn (im Film: Viggo Mortensen und Kodi Smit-McPhee) durch die grauen, toten USA wandern, Richtung Süden und Küste, denn irgendwohin muss man ja gehen. Pflanzen und Tiere sind verschwunden, von den wenigen übrig gebliebenen Menschen überleben einige, indem sie die anderen jagen und essen. Ein finsteres Buch, das nur am Schluss ein klein wenig Hoffnung zulässt, was nur fair ist, weil das Ende sonst so traurig ist, dass es einen fast zerreißt.

Regisseur Hillcoat ("The Proposition") und Drehbuchautor Joe Penhall haben versucht, so nah wie möglich am Buch dran zu bleiben und doch ein bisschen weniger grausam zu wirken, dem Zuschauer nicht ganz so viel zuzumuten. Einige der besonders grimmigen Szenen aus dem Buch werden im Film nur angedeutet, wofür man durchaus dankbar sein kann: Es ist eine Sache, von den am Wegesrand entdeckten Überresten eines gerösteten Kleinkinds zu lesen, aber eine andere, es in Großaufnahme vor Augen geführt zu bekommen. Die etwas bunteren Sequenzen (also die Rückblenden, in denen auch die Ehefrau auftaucht, hier in Gestalt von Charlize Theron) werden dagegen so lang wie möglich ausgespielt, was willkommene Ablenkung schafft, aber die Geschichte nicht gerade voran bringt.

Die sparsamen Dialoge sind oft eins zu eins aus der Vorlage entnommen, die Kamera zeigt genau die Landschaft, die McCarthy beschrieben hat, und Hauptdarsteller Mortensen findet das exakte Maß zwischen wachsender Resignation und unbestimmtem Überlebenswillen, das seine Figur auch im Buch ausgezeichnet hat. Auch Smit-McPhee interpretiert seine Rolle als Sohn dem Original entsprechend, wenn auch etwas weniger passiv.

Es ist alles fast wie im Buch, und das ist eben das Problem: nur fast. Nicht ganz so erschütternd, aber auch lange nicht so bewegend. Dazu kommen ein unpassend aufdringlicher Soundtrack von Nick Cave und ein unnötiger, erklärender Voice-Over. Die Kinofassung von "The Road" ist wie eine kompetent gemachte Kopie mit kleinen Makeln: Auf ewig zweite Wahl. Wohl dem, der die Vorlage nicht kennt.


"The Road". Regie: John Hillcoat. Mit Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Charlize Theron. Start: 7.10.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Hollywood verwässerte den an sich guten Film
rennix, 07.10.2010
Ich hatte die Gelegenheit die Original Schnittfassung des Films zu sehen. Ein unglaublich düsteres, beklemmedes Werk. Sehr mutig. Wenig Dialog. Kaum Erklärungen. Die Fassung, die in die US Kinos kam, war deutlich entschärft, abgemildert, verwässert. Mehr Dialog, bunte Flashbacks, eine (fast) Liebesgeschichte. Gab wohl auch noch einen Nachdreh, das sieht man Mortensen in den betreffenden Szenen sogar an. Die Originalfassung des Films hatte mich elektrisiert. Warum hat Hollywood einfach nicht den Mut, die künstlerische Vision der Filmschaffenden unzensiert freizugeben?
2. Großartiger Film
Frusciante 07.10.2010
Ich stimme dem Verfasser nicht zu. "The Road" ist ein hervorragender Film und, als McCarthy-Leser kann ich das sagen, eine großartige Umsetzung des Stoffes. Dass hier "eine ganz andere Wirkung entfaltet, fatalerweise eine deutlich weniger starke" widerspricht meinem Kinoerlebnis. Das Spiel von Mortensen, Theron und Smit-McPhee kann nur als großartig bezeichnet werden. Die Argumentation des Verfasser birgt zudem Widersprüche. Zuerst kritisiert er die "fast sklavische Umsetzung", dann bemängelt er, dass alles "nur fast wie im Buch" sei. Letztendlich läuft sein Urteil nur auf die Vermittlung seiner Empfindung hinaus, dass der Film "nicht ganz so erschütternd, aber auch lange nicht so bewegend" wie im Buch sei. Meine eigene "Empfindung" ist eine andere. Auch in Hillcoats Version ist der Stoff sehr erschütternd und extrem bewegend. Natürlich ist der Roman besser. Da McCarthy einer der größten Autoren der Gegenwart ist, sogar sehr viel besser. Aber dessen ungeachtet ist Hillcoats Film immer noch einer der besten des Jahres. Überhaupt sei angemerkt: Wird es einem Film gerecht, wenn die Kritik desselben nur und aus nichts anderem besteht als seinem Vergleich mit der Romanvorlage? Bin selbst kein Kritiker, kein Journalist, aber das scheint mir doch zu wenig.
3. Fuer mich eine ueberzeugende Verfilmung...
b.kupper 07.10.2010
Kann dem Autor leider auch nicht zustimmen! Fuer mich ist der Film kompetent und mit kleinen persoenlichen Aenderungen umgesetzt worden. Ist halt nunmal kein Hollywood-Blockbuster... ;-)
4. Schlechtes Buch
Gourmand 07.10.2010
Wenn der Film sich genau an das Buch hält, ist es ja kein Wunder, dass der Film langweilig ist. Schon das Buch ist ja an Langeweile kaum zu überbieten. Ich musste echt kämpfen diese Aneinanderreihung von schon lange bekannten und verwendeten Ideen zu Ende zu lesen. Das soll der derzeit beste amerikanische Autor sein? Wie schlecht müssen dann erst alle anderen sein...
5. Ihre Kritik
kannstemachen 07.10.2010
Zitat von GourmandWenn der Film sich genau an das Buch hält, ist es ja kein Wunder, dass der Film langweilig ist. Schon das Buch ist ja an Langeweile kaum zu überbieten. Ich musste echt kämpfen diese Aneinanderreihung von schon lange bekannten und verwendeten Ideen zu Ende zu lesen. Das soll der derzeit beste amerikanische Autor sein? Wie schlecht müssen dann erst alle anderen sein...
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