Romy Schneider Die Berührbare

2. Teil: Filmreifes Lebensdrama


Zwischen Romy Schneiders Leben und ihren Filmen gibt es so viele Überschneidungen wie bei keiner anderen Schauspielerin. Immer wieder arbeitete sie persönliche Erfahrungen vor der Kamera auf, versuchte womöglich durch ihre Figuren, sich selbst auf die Spur zu kommen. "Ich bin jetzt 54 Filme alt", sagte sie 1979. Da war sie erst 41. Doch sie maß ihr Alter nicht in Jahren.

Schon in ihrem Debüt "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" wurde sie, gerade mal 14, mit dem größten Drama ihrer Kindheit konfrontiert: dem Weggang ihres Vaters. Sie spielt die Tochter eines leichtlebigen Sängers (Willy Fritsch), der sie und ihre Mutter (dargestellt von ihrer Mutter Magda) aus heiterem Himmel verlässt. Wie Romy Schneiders eigener Vater, der Schauspieler Wolf Albach-Retty, kümmert sich der Luftikus lange nicht um seine Tochter, holt sie aber am Ende des Films reumütig auf die Bühne und singt mit ihr ein Duett.

Im wirklichen Leben traf sie ihren Vater 1963 während der Dreharbeiten zum Film "Der Kardinal" – echte Reue zeigte er aber wohl nie. Letztlich hoffte Romy Schneider bis zum Tode ihres Vaters, dass die Beziehung zu ihm noch einmal aufblühen würde. Doch es gab kein Happy-End.

Als ihre Karriere Ende der sechziger Jahre stagnierte und ihre Ehe mit Harry Meyen schon kriselte, kehrte sie zu Alain Delon zurück – vor die Kamera. In dem erotischen Thriller "Der Swimmingpool" (1969) spielten die beiden ein Liebespaar, und die Leinwand schien ein riesiges Schlüsselloch zu sein, durch das die Öffentlichkeit Blicke auf das Intimleben der beiden werfen konnte. Aus der Boulevardpresse wussten die Zuschauer, dass Delon Romy zehn Jahre zuvor zu Sexorgien verführt haben sollte; nun sahen sie mit eigenen Augen, wie sie nackt von dem sinistren Star mit einem Zweig ausgepeitscht wird.

Die Spekulation ging auf: "Der Swimmingpool", der dem Zuschauer erotisches Cinéma-Vérité aus den Betten der Stars zu bieten schien, war ein großer kommerzieller Erfolg und ebnete den Weg für Romy Schneiders zweite Karriere nach Sissi. Im Lauf der siebziger Jahre verschmolzen im gleichen Maße, in dem ihre Popularität wuchs, ihr Leben und ihre Filme zu einem Gesamtkunstwerk, zum ganz großen Drama mit vielen Fortsetzungen, mal diesseits, mal jenseits der Leinwand.

"Ich habe sie benutzt, wie wir sie alle benutzt haben", sagte Regisseur Andrzej Zulawski, der 1974 mit ihr den Film "Nachtblende" drehte. Romy verkörpert darin eine Schauspielerin, die ins Porno-Milieu abgeglitten ist. "Ich wählte Romy Schneider nicht nur wegen ihres Talents aus", erzählte er, "sondern wegen der Affinität zwischen der Schauspielerin und der von ihr zu verkörpernden Figur. Denn zwischen ihr und der Person, die sie spielte, herrschte immer eine tiefe Übereinstimmung."

"Keine Fotografen! Ich bin eine Schauspielerin. Ich kann wirklich was", ruft sie einmal in "Nachtblende" aus, und damals schien es, als wolle sie diese Sätze durch die Leinwand den Paparazzi zuschleudern, die sie im Sommer des Jahres beim Baden in Saint-Tropez heimlich nackt abgelichtet hatten.

Doch weil diese ihr weiterhin nachstellten, drehte sie 1979 einen Film über den ultimativen Voyeurismus. In "Death Watch" spielt sie eine vermeintlich sterbenskranke Frau, die einem TV-Sender gegen Geld erlaubt, ihren Tod live zu senden. "Drei Viertel des Films haben mit mir zu tun", schrieb Romy dem Regisseur Bertrand Tavernier.

Die Regenbogenpresse schnüffelte ihr rund um die Uhr nach, die Regisseure beuteten ihr Privatleben für die eigenen Filme aus. Dabei setzten die Meisterregisseure auf den gleichen Thrill wie die Revolverjournalisten: Wer sich einen Romy-Schneider-Film anschaute, sollte das Gefühl haben, einen Blick mitten ins Leben zu werfen. Romy, das ewige Opfer?

"Ich bin kein Opfer und keine Gefangene", sagt sie in "Nachtblende" völlig abgeklärt. "Mein Leben ist, was es ist." Recht hat sie. So ungeschminkt und unfrisiert, wie sie sich in diesem Film von einem Fotografen ablichten lässt, zeigte sie sich wenige Jahre später bei einer Session mit Robert Lebeck. Vielleicht nutzte sie ihre Filme als Generalproben für ihr Leben, wollte in ihnen Erfahrungen und Mut sammeln für die Wirklichkeit, die sie oft zu überfordern drohte.



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IsArenas, 22.05.2007
1.
Zitat von sysopIhr Todestag, der 29. Mai 1982, ist nur ein Datum. Denn eigentlich ist Romy Schneider unsterblich. Ihr Lebensdrama und ihre Leinwandkunst verschmolzen zu einer Legende. War Schneider der letzte wahre Star?
Nein. Bei aller Liebe, es gab/gibt eine Menge weiterer großer deutscher Schauspieler nach Romy. Ich werfe einfach mal Hannes Jaennecke, Goetz George oder z.B. Gudrun Landgrebe in den Raum. Und: Mir ist eigentlich neu, dass Romy Schneider ein Star des [b]deutschen[/i]Films war. Selbst die Sissi-Filme sind doch aus Österreich, und ansonsten würde ich sie dem französischen und italienischen Kino zuordnen.
Pnin, 23.05.2007
2.
Zitat von sysopIhr Todestag, der 29. Mai 1982, ist nur ein Datum. Denn eigentlich ist Romy Schneider unsterblich. Ihr Lebensdrama und ihre Leinwandkunst verschmolzen zu einer Legende. War Schneider der letzte wahre Star?
Weil die ARD die Sissi-Schmalz-Schinken in den letzten 40 Jahren gefühlte 5x pro Jahr wiederholt hat?
Hagbard 23.05.2007
3.
Zitat von IsArenasNein. Bei aller Liebe, es gab/gibt eine Menge weiterer großer deutscher Schauspieler nach Romy. Ich werfe einfach mal Hannes Jaennecke, Goetz George oder z.B. Gudrun Landgrebe in den Raum. Und: Mir ist eigentlich neu, dass Romy Schneider ein Star des [b]deutschen[/i]Films war. Selbst die Sissi-Filme sind doch aus Österreich, und ansonsten würde ich sie dem französischen und italienischen Kino zuordnen.
Gefragt war ja nicht nach "großen Schauspielern" sondern nach "Star". Also nach eben jener Aura, die auch die Monroe, Garbo oder Kelly umgeben hat. Und da ist die Gute schon recht weit vorn.
Dr h.c. Ceasar, 23.05.2007
4.
Zitat von IsArenasNein. Bei aller Liebe, es gab/gibt eine Menge weiterer großer deutscher Schauspieler nach Romy. Ich werfe einfach mal Hannes Jaennecke, Goetz George oder z.B. Gudrun Landgrebe in den Raum. Und: Mir ist eigentlich neu, dass Romy Schneider ein Star des [b]deutschen[/i]Films war. Selbst die Sissi-Filme sind doch aus Österreich, und ansonsten würde ich sie dem französischen und italienischen Kino zuordnen.
Kennen Sie den Film "Mädchen in Uniform"? Der ist so deutsch, deutscher gehts nicht (inhaltlich) :-)
sysop 23.05.2007
5. Stimmt...
...Romy Schneider war natürlich zumindest ein europäischer Star.
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