Rosenmüller-Film "Die Perlmutterfarbe" Schwache Heimatwürze

Wenn eine kleine Notlüge eine große Katastrophe nach sich zieht: Der bayerische Erfolgsregisseur Marcus H. Rosenmüller erzählt in "Die Perlmutterfarbe" eine eingängige Parabel über Mitläufertum und Schuld - die allerdings so putzig daherkommt wie Kinderfasching in Postkartenkulisse.

Von Jenny Hoch


Traditionsverbundenheit und Heimatliebe lassen sich nun mal nicht am Fließband erzeugen - nicht mal in Bayern. Auch dann nicht, wenn der Regisseur Marcus H. Rosenmüller heißt, grundsympathisch ist und seit seinem Debüthit "Wer früher stirbt, ist länger tot" als Fachmann für den neuen, gänzlich unsentimentalen und unverkitschten Heimatfilm gilt.

Seit dem - völlig verdienten - Triumph dieser so charmanten wie anarchistischen Tragikkomödie im Jahr 2006, die stolze 1,8 Millionen Zuschauer in die Kinos strömen ließ, arbeitet "der Rosi", wie der Regisseur von seinen bajuwarischen Freunden genannt wird, wie am Fliesband. Zwei Filme pro Jahr hat er seitdem auf den Markt geworfen, alle spielten im süddeutschen Raum und pflegten einen deftigen bayerischen Dialekt: 2007 kamen die eher flache Bobfahrer-Komödie "Schwere Jungs" und der nachdenkliche Coming-of-Age-Film "Beste Zeit". 2008 war dann mit "Beste Gegend" die Fortsetzung der "Beste"-Trilogie dran, sowie das pompöse, aber schwer verunglückte Krawallspektakel "Räuber Kneißl".

Jetzt folgt mit "Die Perlmutterfarbe" erst einmal eine harmlose familienfreundliche "Geschichte über Freundschaft, Lüge und Wahrheit", so der Untertitel, bevor dann mit "Beste Chance" der dritte Teil der Heimat-Trilogie ansteht.

Es ist also ganz schön was los im Hause Rosenmüller, und es verwundert, dass dessen Kreativitätsmaschinerie bei so viel Output nicht längst ins Stottern geraten ist. Von außen betrachtet, läuft alles wie geschmiert: Was die Ausstattung der Szenerie mit unzähligen Details angeht, platzt "Die Perlmutterfarbe" geradezu vor Einfällen. Es gibt nicht nur putzige Dorfansichten, düster-verwinkelte Fabrikhallen und eine mit allerfeinsten Kuchen dekorierte Konditorei zu bewundern, sondern auch skurrile Gerätschaften wie eine aufwendig konstruierte Kitzel-Folter-Maschine zu bestaunen.

Was allerdings die inhaltliche Umsetzung des grundsoliden "Kinderromans für fast alle Leute", den die jüdische Schriftstellerin Anna Maria Jokl Ende der dreißiger Jahre schrieb, angeht, werden unter dem Firnis des historisierenden Heimatfilms so einige Mangelerscheinungen sichtbar. Immer wieder gleitet Rosenmüller in jenen pittoresken Kitsch ab, den zu vermeiden er eigentlich mal berühmt war.

Eine rotbäckige Kinderhorde trippelt und trappelt 1931, kurz vor der Machtergreifung Hitlers, derart lausbubenhaft durch die postkartenartigen Kulissen eines verschneiten Dorfes, dass man sich in Omas Bilderbuch zurückversetzt fühlt. Die unvermeidliche Schneeballschlacht darf dabei ebenso wenig fehlen, wie sinnlose Mutproben und archetypische Erwachsenenrollen. Da wären etwa der gestrenge Lehrer, die eigenartige Zauberfrau, der arrogante Insolvenzverwalter und die überforderte, aber liebende alleinerziehende Mutter.

Die Handlung ist pädagogisch wertvoll: Durch eine Verkettung dummer Zufälle gerät der schüchterne Siebtklässler Alexander (gespielt von Markus Krojer, Rosenmüllers knuffigem Kinderstar aus "Wer früher stirbt ist länger tot") in den Besitz eines Fläschchens mit geheimnisvoll schillernder Perlmutterfarbe, die sein Harry-Potter-artiger Freund Maulwurf (Dominik Nowak) erfunden hat, um den alljährlichen Malwettbewerb in der Schule zu gewinnen. Durch einen weiteren blöden Zufall fällt sie um und ruiniert ein dubioses rassenkundliches Buch, das sich Alexander von einem anderen Klassenkameraden geliehen hat, ebenfalls mit dem Ziel, darin Vorlagen für den anstehenden Malwettbewerb zu finden. Ruckzuck landet es im Ofen.

Weil sich Alexander nun aber partout nicht traut, seine Fehler einzugestehen und sich stattdessen immer tiefer in sein Lügengespinst verstrickt, nutzt ein älterer Mitschüler die Gelegenheit, sich zum Anführer der Klasse zu machen und massiv gegen die Parallelklasse zu hetzen. Ein Großteil der Schüler schließt sich begeistert der totalitär organisierten Bande an und schikaniert alle Außenseiter. Auch Alexander kann ich seiner prekären Lage zunächst nicht anders, als bei dem prä-faschistischen Treiben mitzutun.

Was Rosenmüller wirklich gut kann, ist, sich in die naive und oftmals verzerrte Erlebniswelt von Kindern hineinzuversetzen. Die Erwachsenen wirken darin alle so irreal wie gepuderte Zombies und an sich harmlose Probleme und Verfehlungen drücken auf die kindlichen Seelen wie schreckliche Albträume. Auch findet er an einigen Stellen wie nebenbei eindrückliche Bilder für den aufkeimenden Nationalsozialismus und dessen Verführungskraft: Es werden Bücher verbrannt, die Hände zum Gruß erhoben und Andersdenkende verunglimpft.

Insgesamt jedoch wirkt "Die Perlmutterfarbe" wie ein nach Bayern transferierter Mischmasch aus "Krieg der Knöpfe" und der Neuverfilmung von "Die Welle". Mit dem Unterschied nur, dass diese beiden Filme ihre Themen viel überzeugender angepackt haben als das eilig zusammen gezimmerte Rosenmüller-Werk. Was bleibt, ist ein fader Nachgeschmack - trotz aller Heimatwürze.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.