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Rossellinis "Green Pornos": Bienchensex für unterwegs

Von Helmut Merschmann

Na bitte, Sexfilmchen gehen auch anspruchsvoll. Isabella Rossellini zeigt auf der Berlinale ihre so lehrreichen wie amüsanten "Green Pornos" fürs Handy. Darin kopulieren allerlei Insekten - und die Gottesanbeterin zeigt, wie man beim Akt richtig den Kopf verliert.

"Wenn ich eine Großlibelle wäre?", summt die Stimme von Isabella Rossellini, "hätte ich Facettenaugen und könnte gleichzeitig nach unten, oben, vorne und hinten schauen. Ich hätte einen sehr schlanken Körper und transparente Flügel." So unbedarft beginnt eine von acht Geschichten um das Liebesleben von Insekten. Doch das dicke Ende kommt noch, denn für die schnelle Nummer müssen die Viecher zahlen ? teils mit dem eigenen Leben. Das ficht Schauspielerin Isabella Rossellini allerdings nicht an - in ihren "Green Pornos" schlüpft sie in insgesamt acht Insektenrollen und verkörpert mit sichtlichem Spaß den Geschlechtsakt von Glühwürmchen und Co. Die acht einminütigen Episoden schildern, gleichermaßen informativ wie amüsant, Details zum heißen Thema. Hausfliegen haben zum Beispiel für die körperliche Liebe nur wenig Zeit, weil ihre Lebensdauer so kurz ist. Glühwürmchen segeln einsam durch die dunkle Nacht und leuchten den Partnern den Weg zum Glück. Schnecken sind praktischerweise zweigeschlechtlich ausgestattet ? egal wer vorbeikommt, es klappt immer. Regenwürmer bevorzugen die 69-er Stellung. Männliche Honigbienen haben eigentlich nichts anderes zu tun, als auf ihre große Chance zu warten. Und Gottesanbeterinnen geben der Phrase vom kopflosen Sex eine ganz neue Bedeutung: Während der Kopulation verzehren sie den Kopf ihres Partners.

Mit Kulissen und Kostümen aus Stoff und Papier erinnern die Filmchen an Puppentheater. Schauspielerin Rossellini zwängt sich beispielsweise in einen grünen Wollschlauch, um die Libelle darzustellen. Oder sie klebt sich sechs große Papieraugen ins Gesicht und spannt ein Geflecht aus Hanfstricken ? fertig ist das Spinnennetz, in dem sich auch Geschlechtspartner verfangen.

Das Besondere der Kurzfilme: Sie sind eigens für die kleinste Leinwand entstanden, fürs Handydisplay. Die "Green Pornos" sind auf Anregung des renommierten Sundance Filmfestivals in Salt Lake City gedreht worden. Isabella Rossellini agiert gleichzeitig als Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin. Zu Recherchezwecken habe sie sich zunächst verschiedene Filme angeschaut und dann entschieden, "dass ein Cartoon wegen der starken Farbkontraste am Besten aussieht". Und sie sei überzeugt davon, dass sich durch "die neuen Technologien eine neue Kunstform und eine neue Art des Erzählens entwickeln" wird.

Blümchensex statt Hardcore-Pornografie

Ob sich die Tochter von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini auch Handy-Pornos angesehen hat, ist nicht überliefert. Auf Mobiltelefonen ist dieses Genre jedenfalls gerade besonders im Trend. Nach Angaben des Branchendienstes Cnet sorgen sich Mobilfunkunternehmen bereits um den Jugendschutz, verdienen aber auch gut am pornografischen Content. Durch immer höhere Bildauflösungen erhält der Sextrend Aufwind. Gleichzeitig hat die Pornoindustrie Kleindisplays als neuen Vertriebskanal entdeckt. Erhebungen des auf den Mobilfunk spezialisierten Marktforschungsinstituts Juniper Research zufolge sollen in Europa pornografische Inhalte im Mobilfunkbereich bereits ein Marktvolumen von 775 Millionen Dollar pro Jahr erzielen.

Dagegen wird der Blümchensex von Isabella Rossellini wohl wenig ausrichten. Auf der Berlinale werden die "Green Pornos" im Rahmen von "Forum Expanded" zu sehen sein, einer Sonderreihe mit Ausstellungen, Performances und Videoprogrammen innerhalb der Forum-Sektion. In drei Glasvitrinen sind jeweils drei Minidisplays ausgestellt, auf denen der Insektensex läuft. Produktionsdesignerin Jody Shapiro, die auch die Filme ausgestattet hat, hat sich bei der Gestaltung der Vitrinen von Terrarien inspirieren lassen. Die Bildschirmchen sind beispielsweise in Baumstümpfe integriert oder im Maul eines Frosches. Besucher erhalten eine Lupe, um die "Green Pornos" en detail verfolgen zu können.

Dass sich die Berlinale unter künstlerischen Gesichtspunkten dem kleinformatigen Videoclip widmet, ist ein Novum - und vermutlich folgenlos. Es ist kaum zu erwarten, dass demnächst der rote Teppich für Stars aus Micromovies ausgerollt wird. Mit "Forum expanded" öffnet sich aber das ansonsten traditionelle Filmfestival bereits zum dritten Mal künstlerischen Grenzüberschreitungen.


Die "Green Pornos" sind während der Berlinale (7.-17. Februar 2008) im Foyer des Kinos Arsenal, Potsdamer Straße, zu sehen.

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