"Roter Drache" Kopie mit Ausrufezeichen

Ein Remake, das gleichzeitig Anfang und Ende einer Trilogie ist: Mit "Roter Drache" bekommt die Filmreihe über den kannibalischen Serienkiller Hannibal Lecter eine weitere Facette. Regisseur Brett Ratner inszenierte einen soliden Thriller, an dem nichts stört, aber auch nichts verstört.

Von Oliver Hüttmann


Maestro des Perversen: Anthony Hopkins als Kannibale Lecter
UIP

Maestro des Perversen: Anthony Hopkins als Kannibale Lecter

Es ist vollendet. "Roter Drache" beschließt eine Trilogie mit Anthony Hopkins als Hannibal Lecter, dem bekanntesten, berüchtigtsten und betörendsten Psychopathen des Kinos. Nach "Das Schweigen der Lämmer" von Jonathan Demme und Ridley Scotts "Hannibal" hat Brett Ratner nun den dritten Teil gedreht, der tatsächlich jedoch am Anfang steht und sogar als Remake gelten muss. Michael Mann hatte den Roman von Thomas Harris bereits 1986 unter dem Titel "Manhunter ­ Blutmond" adaptiert. Brian Cox spielte damals Lecter.

Die Welt nahm allerdings wenig Notiz von dem visuell extrem stilisierten Thriller über den FBI-Agenten Will Graham, der bei der Jagd nach einem "Zahnfee" genannten Serienkiller den inhaftierten Irren Lecter um Rat fragt und darüber selbst in den Wahnsinn abzugleiten droht. Und so begann die Filmreihe eigentlich erst 1991 mit "Das Schweigen der Lämmer", als Hopkins hinter der Plexiglasscheibe seiner Zelle steht, die Hände straff an der Hosennaht, ruhig und doch von beunruhigender Aura, den Blick ohne ein Wimpernzucken auf Jodie Foster gerichtet. Mit Hopkins lebte der kultivierte Kannibale zum Fleisch gewordenen Grauen auf. Nur deshalb wurde "Roter Drache" noch einmal verfilmt.

Psychisch labil: Ed Norton als FBI-Agent Graham
UIP

Psychisch labil: Ed Norton als FBI-Agent Graham

Hopkins' Hannibal gehört denn auch der Prolog. Da filetiert der Genussmensch nach einem Konzert einen Klarinettisten, weil der ihn mit seinen Misstönen genervt hat, und serviert die Happen dem Kuratorium des Orchesters. Als eine Frau fragt, woraus das köstliche Gericht zubereitet sei, säuselt er mit maliziösem Charme: "Wenn ich das verrate, werden sie es nicht mehr essen." Die Sequenz erscheint wie eine Überleitung von "Hannibal", wo Hopkins sich zuletzt als Feingeist, Kunstkenner und Maestro des Perversen bis zur Manieriertheit austoben durfte und dabei brillant die Faszination für seine Figur an die Wand spielte.

Am nächsten Tag wird er dann von Graham (Edward Norton) verhaftet, dem Lecter dabei fast noch den Bauch aufschlitzt. Der quittiert daraufhin den Dienst ­ und obwohl er später Lecter nur einige kurze Male im Gefängnis aufsucht, geistert jener fortan ständig wie ein Zitat durch den Film. Jede Szene mit Hopkins weist auf Demmes Meisterwerk hin. Die Knastkulisse wurde exakt nachgebaut, Anthony Heald gibt wieder ­ oder schon ­ den sadistischen Anstaltsdirektor Dr. Frederick Chilton. Das macht einerseits natürlich Sinn, da die Handlung zeitlich einige Jahre vor dem "Schweigen" liegt. Andererseits wirkt Hopkins deutlich älter und seine Darstellung ohne Überraschung, routiniert, ja irgendwie fast lustlos. Und wenn Graham bei seinem ersten Besuch mit ähnlicher Beklemmung den Gang entlang stolpert wie vorher ­ beziehungsweise später ­ Foster, sieht man einer Kopie mit Ausrufezeichen zu.

Schmierig: Philip Seymour Hofman als Journalist Lounds
UIP

Schmierig: Philip Seymour Hofman als Journalist Lounds

Hopkins und Foster verband eine psychologisch unheilvolle Liaison, bei der die Suche nach dem Frauenmörder Buffalo Bill zur Nebensache wurde. Nun bleiben die Gespräche zwischen Graham und Lecter eine Fußnote. Und während sich Mann in seiner Version auf die zunehmende psychische Labilität Grahams fokussierte, rückt diesmal der Täter in den Mittelpunkt. Francis Dolarhyde ist der ausgereifteste Charakter in dem Drehbuch von Ted Tally, der auch "Das Schweigen der Lämmer" schrieb, den Job für "Hannibal" aber abgelehnt hatte.

Vom gestörten Einzelgänger bis zum monströsen Selbstdarsteller und Schlächter findet Ralph Fiennes stets den passenden Ausdruck für Dolarhydes innere Zerrissenheit und erinnert etwas an Anthony Perkins als Norman Bates in "Psycho". Dolarhyde fühlt sich im falschen Körper gefangen und getrieben von einem Drachengeschöpf aus einem Gemälde William Blakes, in das er sich verwandeln möchte. Er haust abseits der Stadt in einem alten Haus, ist verliebt in die blinde Fotolaborantin Reba (Emily Watson), hat zwei Familien im Schlaf niedergemetzelt und deren Augen durch Spiegelsplitter ersetzt. Dass er auch die Frau und den kleinen Sohn von Graham bedrohen wird, kann der Plot indes nicht lange verbergen.

Selbstdarsteller und Schlächter: Ralph Fiennes als Schizo-Killer (mit Emily Watson)
UIP

Selbstdarsteller und Schlächter: Ralph Fiennes als Schizo-Killer (mit Emily Watson)

Ed Norton bleibt in der Rolle des FBI-Agenten eher blass, auch Harvey Keitel fällt als Grahams Chef kaum auf, ist aber eine Persönlichkeit. Erwähnen muss man wieder mal den uneitlen Philip Seymour Hoffman als schwitzenden, schleimigen Reporter. Und für Regisseur Ratner, der zuvor lockere Krawallhits wie "Rush Hour" gedreht hat, ist "Roter Drache" natürlich ein gewaltiger Schritt, atmosphärisch makellos und mit viel Timing für Spannung inszeniert. Innerhalb der Trilogie, zwischen Demmes klaustrophobischer Raffinesse und Scotts exzentrischer Optik, hat er es allerdings nur zu einem musterhaften Genrewerk gebracht, an dem nichts wirklich stört, aber auch nichts verstört. Als Einstieg in die Trilogie empfiehlt sich weiterhin "Das Schweigen der Lämmer".

Einen vierten Teil, darauf kann man wetten, wird es auch noch geben. Und wenn Harris keine Fortsetzung mehr fertig bringen sollte, kauft Produzent Dino De Laurentiis halt die Rechte an Hannibal "The Cannibal" Lecter. Hopkins braucht dafür schon längst keine Romanvorlage mehr.

"Roter Drache" ("Red Dragon"). USA 2002. Regie: Brett Ratner; Drehbuch: Ted Tally; Darsteller: Anthony Hopkins, Edward Norton, Ralph Fiennes, Harvey Keitel, Emily Watson, Marie-Louise Parker, Philip Seymour Hoffman; Produktion: Dino De Laurentiis, Universal Pictures; Länge: 110 Minuten; Verleih: UIP; Start: 31. Oktober 2002



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.