Rückblick: Die Skandale der Berlinale

Gina Lollobrigida plauderte Geheimnisse aus, Vietnam-Filme, ein erigierter Penis und eine "Berlinackte" erregten die Gemüter: Eine Übersicht über die Skandale aus 55 Jahren Filmfestspiel-Geschichte.

Michael Verhoeven als Soldat Erikson in "O.K."
Houwer-Film

Michael Verhoeven als Soldat Erikson in "O.K."

Berlin - Den größten Skandal verursachte 1970 Michael Verhoevens "O.K.": Der Film erzählt die wahre Geschichte eines vietnamesischen Mädchens, das von vier US-Soldaten vergewaltigt und ermordet wurde. Am Tag nach der Vorführung gab die Jury bekannt, sie wolle den Film aus dem Wettbewerb nehmen. Grund: "O.K." entspreche nicht dem Reglement, nach dem jeder Film zum "besseren Verständnis zwischen den Völkern" beitragen solle.

Eine Welle von Protest hatte es daraufhin gegeben, und Journalisten und Regisseure solidarisierten sich mit Verhoeven. Das Ende vom Lied: Die Jury löste sich selbst auf, und es gab weder den Goldenen noch die Silbernen Bären, zum einzigen Mal in der Geschichte der Festspiele.

Nick (Christopher Walken), Michael (Robert De Niro) und Steven (John Savage) in Michael Ciminos "The Deer Hunter"
United Artists

Nick (Christopher Walken), Michael (Robert De Niro) und Steven (John Savage) in Michael Ciminos "The Deer Hunter"

Neun Jahre später war wieder ein Vietnam-Film der Auslöser für einen Skandal. Die Delegationen mehrerer sozialistischer Länder zogen als Reaktion auf Michael Ciminos Film "The Deer Hunter" ihre Wettbewerbsbeiträge zurück und verließen Berlin. Auch hier wurde mit dem Anspruch der Völkerverständigung argumentiert. Zum 50. Festspieljubiläum wird der Film mit Robert de Niro in diesem Jahr wieder aufgeführt.

"Im Reich der Sinne" von Nagisa Oshima wurde 1976 der Pornografie verdächtigt und von der Berliner Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Das Ermittlungsverfahren wurde zwar bald darauf eingestellt, die Aufführung im Internationalen Forum war durch den Polizeieinsatz aber verhindert worden.

Drehbuchautor und Journalist Stefan Aust und Regisseur Reinhard Hauff bei der Vorstellung von "Stammheim"
DPA

Drehbuchautor und Journalist Stefan Aust und Regisseur Reinhard Hauff bei der Vorstellung von "Stammheim"

Reinhard Hauffs "Stammheim" sorgte 1986 für einen der größten Polizeieinsätze in der Geschichte der Berlinale: Hinweise auf Störungen und Morddrohungen gegen die Jury sorgten schon im Vorfeld der Festspiele für Aufregung. Der Film über den Prozess gegen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe wurde unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen vorgeführt - ohne Zwischenfälle.

Der Eklat kam erst bei der Preisverleihung: "Stammheim" wurde zum besten Film gekürt - die Jury-Vorsitzende Gina Lollobrigida war mit der Entscheidung allerdings nicht einverstanden und erklärte dies auch noch öffentlich. Damit verstieß die Italienerin gegen ihre Schweigepflicht - ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Berlinale.

Kerry Fox und Mark Rylana in "Intimacy": Viel Sex mit wenig Scham
DPA

Kerry Fox und Mark Rylana in "Intimacy": Viel Sex mit wenig Scham

Patrice Chéreau sorgte 2001 mit seinem Berlinale-Beitrag "Intimacy" nicht nur für Erregung unter den Zuschauern. Als die Jury bekannt gab, dass der Film den Goldenen Bären bekommt und die Schauspielerin Kerry Fox den Silbernen, beginnen unter den Journalisten hitzige Diskussionen. Die Beteiligten stritten sich allerdings weniger um die Qualität des Films. Die meisten echauffierten sich vielmehr über die Sexszenen. Sie seien pornografisch, weil zum Beispiel ein erigierter Penis zu sehen ist.

Stopp für Festivalleiter Moritz de Hadeln: Nach 22 Jahren flog der Holländer raus
DPA

Stopp für Festivalleiter Moritz de Hadeln: Nach 22 Jahren flog der Holländer raus

Moritz de Hadeln hatte als Festivalleiter einige Skandale überstanden. Nun machte er seine Entlassung zum Skandal. Die Kündigung durch das Kuratorium der Festspiele empfand er als "stillos". Die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft (Spio) warf den Kuratoren vor, "unprofessionell" und "unwürdig" gehandelt zu haben. De Hadeln hatte einen Vertrag bis 2003 mit der Klausel, dass ihm auch zum 30. April 2001 gekündigt werden kann.

Nur wenige Tage vor diesem Termin erhielt er im Urlaub die schriftliche Kündigung. De Hadeln behauptete, es hätte vorher keine Gespräche gegeben. Überraschend war diese plötzliche Entlassung auch, weil de Hadeln den Umzug der Berlinale vom Zoopalast zum Potsdamer Platz ordentlich gemeistert hatte. Als Grund für die vorzeitige Kündigung wird häufig das gespannte Verhältnis zwischen de Hadeln und dem damaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann angegeben. Naumann hatte bei der Entscheidung das letzte Wort.

2004 gewann Fatih Akins "Gegen die Wand" den Goldenen Bären, die "Bild"-Zeitung" enthüllte jedoch einen Tag nach der Preisverleihung, dass Hauptdarstellerin Sibel Kekilli früher in Pornofilmen mitgewirkt hat. Die Nation schwankte tagelang zwischen Jubel über einen deutschen Gewinnerfilm, Toleranz und Empörung. 2005 verlief ungleich unskandalöser. Für Schlagzeilen sorgte jedoch Jurymitglied Bai-Ling: Die chinesische Schauspielerin tanzte auf Berlinale-Partys betont freizügig und handelte sich damit den Spitznamen "Berlinackte" ("Bild") ein.

2006 sorgte vor allem Matthias Glasners Vergewaltiger-Drama "Der freie Wille" für Schlagzeilen. "Gewalt-Sex schockt die Berlinale", titelte die Boulevard-Zeitung "B.Z." ob der drastischen Darstellungen. Am Ende gewann Jürgen Vogel für die Hauptrolle einen Silbernen Bären.

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