"Rückkehr nach Montauk" von Schlöndorff Altherrenfantasien in Moll

In "Rückkehr nach Montauk" adaptiert Volker Schlöndorff Max Frischs berühmte Erzählung über das Wochenende eines alten Mannes mit einer jungen Frau. Was die denkt und fühlt? Ist dem Film egal.

Wild Bunch

Von Jan Künemund


Colm Tóibín, der Romancier und Co-Autor von Volker Schlöndorffs neuem Film "Rückkehr nach Montauk", schrieb seinen Bestseller "Brooklyn", nachdem er eine Zeit lang in Texas und dort ziemlich einsam gewesen war. Das Meer weit entfernt, das Heimweh groß, die Fremdheit kaum abzuschütteln.

Aber ein Schriftsteller, der sich ein bisschen einsam fühlt, das sei ja keine Geschichte für einen Roman. Also übersetzte er das Gefühl in die Situation einer jungen Irin, die in den Fünfzigerjahren in die USA auswandert, und es wurde eine große Roman- und später auch Filmgeschichte daraus: "Brooklyn".

Wenn man böse wäre, könnte man nun sagen: "Rückkehr nach Montauk" erzählt dagegen eine Geschichte über einen Schriftsteller, der sich ein bisschen einsam fühlt. Und über einen Regisseur, der denkt, das reiche für einen Film.

Natürlich ist alles viel komplizierter, denn es geht um Frauen. Schlöndorffs Schriftsteller Max Zorn (gespielt von Stellan Skarsgård) reist nach New York, um eine alte große Liebe wieder aufzuwärmen. Eigentlich ist er auf Lesetour mit einem Roman, in dem es wiederum um einen Schriftsteller geht, der bereut, in den USA die Frau seines Lebens verlassen zu haben.

Fotostrecke

7  Bilder
"Rückkehr nach Montauk": Don Quijote, Don Juan, Max Zorn

Und, noch komplizierter: Schlöndorffs Film benutzt Max Frischs Erzählung "Montauk" (1975) als Folie, in der dieser, wenig verklausuliert, von seiner Affäre mit einer jungen Frau in New York erzählt, während es in seiner Beziehung zu Ingeborg Bachmann kriselte. Und nun spricht auch Schlöndorff in Interviews von einer Liebe zu einer jungen Amerikanerin, für die er beinahe einmal Margarete von Trotta verlassen hätte. Man merkt: viele Geschichten über ältere Männer, die über verpasste Chancen mit jungen Frauen in New York nachdenken.

Diese älteren Männer sind nun allesamt Geschichtenerzähler, denen man nie etwas glauben darf, wie Max Zorn seiner jungen Pressereferentin schmunzelnd weismacht. Nicht sehr überzeugend scheint sich auch der Film von seinen egozentrischen Männertexten zu distanzieren: Schon in den Anfangstiteln entwickeln sich Buchstaben aus Buchstaben, ohne in eine Welt außerhalb des Geschriebenen hinauszuweisen.

Und handschriftliche Zwischentitel deuten darauf hin, dass auch das, was wir im Film sehen, eigentlich von Zorn geschrieben sein könnte. Ein neuer Roman also. Doch klingt "Rückkehr nach Montauk" dadurch weniger nach einem Altherrenseufzer in verspiegelter Echokammer, in dem Frauen zwar das große Thema sind, aber kaum etwas Eigenes zu sagen und zu fühlen haben?

"Bis in die Wüste Gobi"

Zorns alte Liebe heißt Rebecca. Als er sie in New York wiedertrifft - sie erscheint in einer Kanzleilobby vor der LED-Animation eines Wolkenhimmels, eine überirdische Erscheinung -, begrüßt er sie: "Du siehst genauso aus wie in meiner Vorstellung!" Nina Hoss tut ihr Möglichstes, um diese Rebecca-Vorstellung mit viel Understatement als moderne New Yorker Anwältin darzustellen. Doch wir bekommen ihren Karriereabriss wieder nur von Max ("Von Ostdeutschland über Yale direkt nach Manhattan!"), und in seinem Roman beschreibt er sie tatsächlich folgendermaßen: "Sie war ebenso schön und originell wie distanziert - faszinierend!"

Viel mehr weiß auch der Film nicht mit ihr anzufangen. Nina Hoss als schön und originell zu inszenieren, ist nicht schwer, aber aus unerfindlichen Gründen muss sie zwischen den Wiederannäherungen an Zorn immer wieder äußerst distanziert tun. Einfach faszinierend.

Der Film gibt Rebecca als Figur keinen eigenen Raum, keine eigene Subjektivität. In einer einzigen Szene ohne Zorn ist sie mit einer Freundin zusammen, und sie reden, dreimal darf man raten, über Männer (Bechdel-Test nicht bestanden). Natürlich ist sie nie über Zorn hinweggekommen, gibt sie zu. Alle späteren Distanzierungen sind danach nicht mehr ernst zu nehmen.


"Rückkehr nach Montauk"
Originaltitel: "Return to Montauk"
Deutschland, Frankreich, Irland 2017
Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Colm Tóibín, Volker Schlöndorff
Darsteller: Stellan Skarsgård, Nina Hoss, Susanne Wolff, Isi Laborde, Bronagh Gallagher
Produktion: Gaumont
Verleih: Wild Bunch Germany
FSK: keine Beschränkung
Länge: 106 Minuten
Start: 11. Mai 2017


Was eigentlich das Tolle an dem älteren heterosexuellen weißen Schriftsteller sein soll, der den von ihm verletzten und verlassenen Frauen seufzend nachsinnt, als würden diese (die er in einer Szene tatsächlich mit der Hand abzählt) nur existieren, um verletzt und verlassen zu werden? Das erklären uns ein Boutique-Verkäufer ("Ihre Schultern sind perfekt!") und Rebeccas Freundin: "So einem wie ihm wäre ich bis in die Wüste Gobi gefolgt", woraufhin Nina Hoss kichert wie ein pubertäres Schulmädchen.

Zorn läuft derweil durch ein gesichtsloses, geschäftiges Manhattan mit dem Style eines "europäischen Antiquitätenhändlers", er passt auf charmante Weise nicht in diese Welt, durch die junge Menschen wie seine Pressereferentin auf Rennrädern flitzen, ständig "Termine checkend". Die europäischen Antiquitäten, mit denen Zorn handelt, sind natürlich Kultur, philosophische Ideen, Selbstironie und eine Ahnenreihe von (männlichen) Antihelden, in die er sich einreihen darf: Pinocchio, Don Quijote und, natürlich, Don Juan.

So viel seufzendes Schmunzeln muss erlaubt sein, auch die kleinen Ausraster gegen das New York der Wirtschaftsanwälte, der Hipster-Autoren und des Effizienzkults. Der Film pflichtet ihm bei, neben Zorn verblassen die Menschen und das trendige New York. Wenn er raunt, jede Straßenecke würde ihn an seine frühere Geliebte erinnern, sehen die Subway- und Starbucks-Filialen, an denen er vorbeiläuft, jedoch ziemlich gleich aus.

"Geister kann man nicht ficken!"

Schlöndorff findet keine Bilder, weder für Orte noch für Leidenschaften, weder für die Kritik an männlicher Egozentrik noch für das große "Was-wäre-gewesen-wenn", das er als ewiges Thema der Kunst und der Männer beschwört. Irgendwann schafft es der Film dann doch ins titelgebende Montauk, an der Nordspitze von Long Island gelegen, hier Schauplatz eines letzten Versuchs von Max, seine Liebe zu Rebecca aufleben zu lassen. Doch der Ort bietet wenig mehr als eine sanfte Kulisse für die Selbsterkenntnis, dass das Leben manchmal anders verläuft, als man es erträumt, schreibt oder filmt.

Vor einer nüchternen Bretterwand darf Rebecca endlich ihre eigene Geschichte erzählen, und für einen kurzen Augenblick schafft es Nina Hoss, allein durch ihre Mimik einen emotionalen Raum anzudeuten, der jenen im Film sprengt. "Ich habe einen Geist gesehen", erzählt Zorn später seiner eifersüchtigen und verletzten jungen Ehefrau (Susanne Wolff). Diese keilt zurück: "Geister kann man nicht ficken!"

Aber man kann diese Geister, wie "Rückkehr nach Montauk" zeigt, beschwören, immer wieder, solange sie nicht lebendig werden. Es wäre schön, wenn solche unwidersprochenen Männerfantasien zukünftig allenfalls als Antiquitäten gehandelt werden. Es werden einfach keine großen Filmgeschichten daraus.

Im Video: Der Trailer zu "Rückkehr nach Montauk"

Wild Bunch
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PolitBarometer 11.05.2017
1. Alles nur geklaut!
Das Thema wurde schon in der US-Serie "The Affair" aufbereitet.
marcus_tullius 11.05.2017
2. Zur Strafe
sollte der Rezensent endlich mal "Montauk" von Frisch lesen. Die Handlung des Buches (eine Erzählung) fand im Mai 1974 in New York und auf Long Island - Montauk - statt. Wann ist die Bachmann verbrannt? Richtig, im Jahr zuvor. Also die Beziehung zwischen Frisch und Bachmann kriselte da nicht mehr wirklich. Sie war schlichtweg vorbei - schon seit gut einem Jahrzehnt übrigens. Der Rezensent verwechselt Frischs Frauen - es waren ja auch etliche. Mit wem es kriselte, war schon die nächste: Marianne Oellers.
gruschenko 11.05.2017
3. Die großartige Serie
Zitat von PolitBarometerDas Thema wurde schon in der US-Serie "The Affair" aufbereitet.
...war sicher nicht das erste Werk, welches das Thema der außerehelichen Affäre verhandelte. Zumal sich der Film auf eine Erzählung Max Frischs bezieht. Sollte man also schon die gesamte Film-, Fernseh- und Literaturgeschichte abgesehen des Artikels und "The Affair" außer acht lassen, so müßte man zu dem Schluss kommen, dass die Serie sich bei der Erzählung bediente. Was Unfug wäre.
ansteinmann 12.05.2017
4. Blutleer
Schade, eine verschenkte Gelegenheit, den tiefgründigen Charakter des Romanentwurfs filmisch umzusetzen. Nichts wird deutlich, weder die Figur des Protagonisten noch die Honwendung der höchst unterschiedlichen Frauen zu diesem Nichts. Dazu Klischees en masse: Geständnisse vor rauschender Meereesbrandung, Fallenlassen der letzten Hemmungen in schäbigen Bars, Ausfahrten mit dem Auto, als wäre es eine n Road Movie a la Wim Wenders. Alles plätschert vor sich hin und ist getragen von Lustlosigkeit und Unverständnis. Wie sagte doch der Vater unseres Poeten-Lustggetriebenen: "Es gibt Dinge, die man tat, aber nicht hätte tun sollen!" Ein bessseres Motto für diesen Film kann es nicht geben!
thomasneuhauser 25.05.2017
5. Frauenversteher?
Selten habe ich so viel ignoranten Unsinn und mutwillige Fehlinterpretationen gelesen, wie in einigen Kritiken zu diesem Film. Auch Jan Künemund glaubt offenbar, sich unnötigerweise auf die Seite der Protagonistin schlagen zu müssen, wenn er schreibt: "Was die denkt und fühlt? Ist dem Film egal!" Ein großes Missverständnis, dem Film ist das nämlich überhaupt nicht egal, wohl aber der männlichen Hauptfigur - und darum geht es ja gerade. Er hat nicht kapiert, dass er nicht einfach an eine Vergangenheit anknüpfen kann, wie er sie sich in seinen Erinnerungen zurecht legt. Er kann nicht glauben, dass sie inzwischen tatsächlich einen anderen Mann geliebt, er müsste doch wissen, dass er gegen ein Toten erst recht keine Chance hat. Der Film zeigt mutig und aufrichtig und mit sympathisch altmodischem Ernst, wie ein Mann mit ausgeprägtem Ego sich lächerlich machen kann, wenn er sich in nostalgische Gefühle verrennt. Der alte Bertolucci-Titel "Tragödie eines lächerlichen Mannes" hätte hier auch gut gepasst. Sie ist schliesslich die Stärkere, er will mit aller Macht glauben, dass es noch einmal funktionieren könnte. Davor ist niemand geschützt, man hat aber fast den Eindruck, als würde dieses Verhalten bei manchen Kritikern Abwehrreflexe auslösen, womöglich weil Schlöndorffs beeindruckender und großartig gespielter Film einen unangenehmen Spiegel vorhält. Etwas mehr filmisches Verständnis hätte ich von einem SPON-Artikel schon erwartet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.