"Rufmord - Jenseits der Moral" Sexualität als Politikum

Brisantes Zeitstück oder Antiquität? Das agitatorische Polit-Drama "Rufmord - jenseits der Moral", in den USA vor zwei Jahren im Schatten der Clinton-Affäre und termingerecht zur letzten Präsidentschaftswahl gestartet, erreicht erst jetzt die deutschen Kinos.

Von Daniel Haas


Schauspieler Bridges als Präsident Jackson: Mit Winkelzügen zum Erfolg
DDP

Schauspieler Bridges als Präsident Jackson: Mit Winkelzügen zum Erfolg

Was im Jahre 2000 noch als streitbarer Beitrag zur politischen Debatte gelten konnte, hat mittlerweile den Hautgout der Geschichtsstunde. Die Diskussionen über Bill Clintons "Monicagate" und den Starr-Report sind längst vergessen; beschäftigt ist die amerikanische und Weltöffentlichkeit heute mit Fußball und Terrorismus.

Doch die Verspätung hat einen Vorteil. Vom aktuellen Geschehen abgekoppelt, lässt sich der pro-demokratische Wahlkampfthriller weniger als agitatorisches Statement denn als kulturelles Drama begreifen, das alles richtig machen will und doch an seinen eigenen Prämissen scheitern muss.

Vom früheren Filmkritiker des "Los Angeles Magazine" Rod Lurie geschrieben und inszeniert, präsentiert "Rufmord" eine politische Krise. Nach dem Tod des Vizepräsidenten muss Präsident Jackson Evans (Jeff Bridges), seines Zeichens Demokrat mit skurrilen kulinarischen Vorlieben, einen Nachfolger bestimmen. Seine Wahl fällt auf Elaine Hanson (Joan Allen), amtierende Senatorin von Ohio und ehemalige Republikanerin. Hanson ist Atheistin, kinderlos, für Abtreibung und gegen Waffenbesitz. Und sie ist Shelly Runyon (Gary Oldman), dem republikanischen Vorsitzenden des Kommitees, das ihre Präsidentschaft bestätigen soll, ein Dorn im Auge. Als Runyon auch noch ein Video erhält, das angeblich Hanson als Studentin bei sexuellen Ausschweifungen zeigt, beginnt die Schlammschlacht.

Republikaner Runyon (Gary Oldman): Gemeinheit ins Gesicht geschrieben
Helkon

Republikaner Runyon (Gary Oldman): Gemeinheit ins Gesicht geschrieben

Runyon verwandelt die Hearings, bei denen Hanson eigentlich ihre Pläne und Ansichten darlegen soll, in eine Inquisition, bei der am Ende sexuelle Moral und charakterliche Integrität der Senatorin am Pranger stehen. Doch Hanson, angewidert von Runyons windigem Verfahren, schweigt hartnäckig: Ihr Privatleben bleibt Privatsache.

Gerade damit spielt der Film jedoch jenem politischen Lager in die Hände, das er zu kritisieren sucht. Mit der Betonung von Hansons moralischer Integrität wird Makellosigkeit zum Kriterium politischer Qualifikation. Die Forderung Runyons und seiner Handlanger, eine Frau müsse sittliche Reinheit personifizieren, wird gerade durch Hansons Zurückhaltung eingelöst: So eine wird sich nicht mit mieser Politik die Finger schmutzig machen, sondern den Job den Männern überlassen.

Sich nicht zur Wehr zu setzen heißt hier, die Tatsache zu ignorieren, dass Sexualität immer auch als Politikum gedacht werden muss. Sich dem Diskurs darüber zu verweigern, zeugt nicht von politischem Kalkül, sondern von Ignoranz. Der Körper ist nicht nur private Zone, sondern auch strategische Größe im öffentlichen Raum, wo soziale, kulturelle und politische Strukturen manche Formen von Sexualität stigmatisieren und andere fördern. Die Widmung des Films "Für unsere Töchter" kann in diesem Zusammenhang nur noch zynisch wirken. Anstatt sich mit allen Mitteln, auch den rhetorischen, zur Wehr zu setzen, sollen junge Frauen beim Kampf in der politischen Arena tapfer und ehrbar stillhalten und sich mit Dreck bewerfen lassen.

Inquisitions-Opfer Hanson (Joan Allen, M.): Ignoranz statt Kalkül
AP

Inquisitions-Opfer Hanson (Joan Allen, M.): Ignoranz statt Kalkül

Dass darüber hinaus nicht Hansons moralische Statur, sondern die sehr weltlichen Winkelzüge ihres Präsidenten letztlich den Sieg ermöglichen - von diesem Widerspruch erlangt der Film ebenso wenig ein Bewusstsein wie von der tendenziösen Art der Figurenzeichnung. Der Republikaner Runyon erscheint von Anfang an als schwitzender, schlecht gekleideter und bebrillter (= kurzsichtiger!) Fanatiker, dem die Gemeinheit buchstäblich ins Gesicht geschrieben steht. Warum der bibelfeste Abtreibungsgegner dann allerdings für die Gesetzgebung zum Schutz von Homosexuellen und ethnischen Minderheiten ist, bleibt ein Rätsel. Man kann es Gary Oldman, der den Film mitproduzierte, nicht verübeln, dass er sich öffentlich vom final cut distanzierte.

"Rufmord - jenseits der Moral" bewegt sich also nicht jenseits, sondern genau im Zentrum moralischer Fragen; wie so oft ist auch hier der deutsche Verleihtitel irreführend. Gerade dies macht ihn jedoch zu einem erschreckend naiven, in gewisser Weise sogar apolitischen Film. Die Frage nach dem Charakter von Politikern ist ebenso verfehlt wie die, ob ein schlechter Mensch ein gutes Buch schreiben könne. Politische Zusammenhänge lassen sich nicht über eine psychologisierende Ethik ermitteln - und in genau diesem Versuch liegt das auch heute noch aktuelle Dilemma von Rod Luries Film.

"Rufmord - jenseits der Moral" ("The Contender"). USA/Frankreich 2000. Regie und Buch: Rod Lurie. Darsteller: Gary Oldman, Joan Allen, Jeff Bridges, Christian Slater, Sam Elliott; Produktion: Battleground Productions; Verleih: Helkon; Länge: 126 Minuten; Start: 27. Juni 2002





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