Regiedebüt von Russell Crowe Kleiner ging's wohl nicht

Die Schlacht von Gallipoli gehört zu den nationalen Gründungsmythen von Australien und Neuseeland. Nun hat sich Russell Crowe in "Das Versprechen eines Lebens" des Themas angenommen - und gibt im eigenen Film einen schmalzigen Möchtegern-Indiana-Jones.


Welch ein Mann! Eben noch stand Russell Crowe als Joshua Connor in der australischen Nachmittagssonne, das warme Licht glänzte im Schweiß auf den muskulösen Oberarmen. Connor stieß dank seiner Wünschelrute an der richtigen Stelle den Spaten in die Erde, hob eigenhändig eine Grube aus, befestigte sie, grub weiter, bis ihm endlich das ersehnte Wasser entgegensprudelte und er unter Triumphgeheul darin baden konnte. Und nun sitzt er schon am Bett seiner drei Söhne und liest das Märchen vom fliegenden Teppich vor. "Es ist der schönste Moment des Tages für sie", hatte ihn seine Frau am Abendbrottisch angefleht. Solche Worte lassen einen Joshua Connor nicht kalt.

Es braucht nicht lange, da ahnt man bereits: Ein Film, der beginnt wie "Das Versprechen eines Lebens", biegt nur ganz selten wieder in ruhigere Gewässer ein. Und so verraten die ersten Minuten schon beinahe alles über das Regiedebüt von Russell Crowe, der in den folgenden knapp zwei Stunden nicht daran sparen wird, sich - Verzeihung: seine Figur - ins rechte Licht zu rücken, das hier übrigens dermaßen penetrant goldgelb scheint, dass man fast annehmen muss, alle Szenen seien in einem Rutsch und mit derselben künstlichen Beleuchtung vor dem Green-Screen gedreht. In einem einzigen Moment darf auch der Donner grollen und sich sogleich ein Platzregen ergießen, als es nämlich daran geht, auf einem Schlachtfeld Leichen zu identifizieren. So viel bedeutungsvollen Wettereinsatz gab es lange nicht.

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Epos "Das Versprechen eines Lebens": Lesbar wie Kaffeesatz
Aber von vorn. Wir schreiben das Jahr 1915, in Europa tobt der Erste Weltkrieg, und auch das ferne Australien gerät zwischen die diplomatischen Fronten. Auf der türkischen Halbinsel Gallipoli kämpfen Soldaten aus Down Under an der Seite der Engländer gegen die Osmanische Armee. Und so kommt es, dass auch Joshua Connor, der virile Farmer, seine drei Söhne ziehen lassen muss. Bald heißt es, sie seien an der Front gefallen. Die Mutter erträgt den Verlust nicht, Connor findet sie eines Tages tot im See. Am Grab spricht er seinen Schwur: Er wird die Söhne zurückholen in die Heimat - komme, was wolle.

So sanft, so stramm

Was folgt, entspricht einem bewährten Prinzip: Liebender Vater reist in die Fremde, überwindet dort alle bürokratischen und kulturellen Widerstände, um sein Versprechen einzulösen, und erobert ganz nebenbei die Herzen seiner Gegner. Zunächst das von Major Hasan (Yilmaz Erdogan), der seinen einstigen Feinden widerwillig bei der Suche nach Gefallenen hilft. Am sturköpfigen Australier hat er schnell einen Narren gefressen, von so viel Vaterliebe ist selbst ein Mann mit dem Spitznamen "Der Barbar" gerührt.

Und dann ist da noch Ayshe (Olga Kurylenko), bildschöne und stolze Kriegswitwe mit Schwäche fürs Kaffeesatzlesen, die Connor ein Hotelzimmer in Konstantinopel vermietet. Anfangs abweisend, lässt sie sich sogleich erweichen, als sie vom Schicksal seiner drei Söhne erfährt. Zumal dieser kernige Ausländer manchmal auch noch so herzergreifend naiv ist, sie beim Ruf des Muezzin mit treuseligem Blick fragt: "Was verkaufen die da?"

Russell Crowe wurde in Neuseeland geboren, heute lebt er in Australien. Dass er sein Epos um den sanften wie strammen Connor gerade jetzt mit so viel Inbrunst erzählt, kommt nicht von ungefähr. Am 25. April jährte sich die Landung der ozeanischen Truppen auf Gallipoli zum hundertsten Mal, in Australien, Neuseeland und auf Tonga wird der ANZAC Day als nationaler Feiertag jedes Jahr mit militärischen Paraden begangen.

Die kollektive Erinnerung an die Toten trägt erheblich zum Selbstverständnis der Nationen bei, für Australien war die Schlacht auf der zerklüfteten Halbinsel die erste als eigenständiger Staatenbund, nicht mehr als britische Kolonie. Mehr als 60.000 Soldaten verlor das Land im Ersten Weltkrieg, fast 9000 von ihnen starben im Grabenkrieg von Gallipoli, der sich zermürbende acht Monate lang hinzog. Allen namenlos gebliebenen Opfern, die erst nach Ende des Krieges bestattet werden konnten, widmet Crowe nun per Abspann seinen Film. Das Regiedebüt als patriotische Mission?

Nash, Noah, Nationalepos

Auf der Leinwand gab der 51-Jährige bereits den Robin Hood, er spielte das Mathegenie John Forbes Nash und den Archenbauer Noah. Als Gladiator Maximus gewann er gar einen Oscar. Möglicherweise geht das nicht spurlos an einem vorüber, vielleicht ist eine Figur wie Joshua Connor die logische Konsequenz dieser Heldengalerie. Nur schwer erträglich ist in jedem Fall der Schmonzes, der sich hier unter Crowes Regie und nach dem Drehbuch von Andrew Anastasios und Andrew Knight entfaltet.

Etwa wenn Connor, unter seinem Fedora eine Art Möchtegern-Indiana-Jones, die Osmanen aufklärt: "Hoffnung ist unverzichtbar, da, wo ich herkomme." Wenn er beim Sonnenuntergang an den frisch geschaufelten Gräbern seiner Söhne noch einmal aus dem Märchen vom fliegenden Teppich vorliest. Man muss nicht einmal jede Kriegsszene, die von Streichern dramaturgisch aufgeblasen wird, als geschmacklos empfinden, um "Das Versprechen eines Lebens" für großen sentimentalen Schmalz zu halten.

Ob sich am Ende alles fügt, die Geschichte in einem pathetischen Wiedersehen mit dem überlebenden Sohn gipfelt und sich auch eine neue Liebe für Connor abzeichnet, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Doch um das vorherzusehen, braucht es nicht einmal Kaffeesatz.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Das Versprechen eines Lebens"

Das Versprechen eines Lebens

    Originaltitel: The Water Diviner

    Australien, Türkei 2014

    Regie: Russell Crowe

    Drehbuch: Andrew Knight , Andrew Anastasios

    Darsteller: Russell Crowe, Olga Kurylenko, Yilmaz Erdogan, Cem Yilmaz, Jai Courtney, Ryan Corr, Ben O'Toole

    Produktion: Hopscotch Features, Fear of God Films

    Verleih: Universal Pictures Germany

    Länge: 111 Minuten

    Start: 7. Mai 2015

  • Offizielle Website



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Seite 1
räbbi 07.05.2015
1.
Naja - ich kann "Gallipoli" von 1981 mit dem jungen Mel Gibson empfehlen...guter Streifen. Hier scheint das Schmalz schon sehr zu triefen, aber gut, Olga Kurylenko kann ich mir immer mal ansehen. Zur Not ohne Ton, denn bei der Synchro kräuseln sich die Zehennägel.
freddykruger, 07.05.2015
2. Trailer
hab den Trailer gesehen und der war schon abschreckend. Rührseelig, gefühlsdusselig und verkitscht. Und das war nur der Trailer.
bluemetal 07.05.2015
3. Gründungsmythos
Schon merkwürdig dass eine so katastrophal demütigende Niederlage in Australien gefeiert wird und zum Gründungsmythos gehört. Was die Australier und ihre unfähigen Führer in Gallipoli abgeliefert haben wäre woanders ein Grund Nationaler Schande/Traumata. Naja...wenn man als Fake-Nation halt sonst gar keine Geschichte hat.
Martinaalanya 07.05.2015
4. naja
ich habe den Film schon vor Monaten im türkischen Original gesehen und ja, er war ziemlich "episch" - aber so schlecht, wie er hier geschrieben wird, ist er nun wirklich nicht.
Yabanci Unsur 07.05.2015
5. Copy-wrong?
Das englische Original (?) des Textes findet man hier: http://panteres.com/2015/05/07/russell-crowe-the-promise-of-a-life-on-gallipoli/
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