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S.P.O.N. - Der Kritiker: And the Winner is... der Nerd!

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Der Nerd ist der Held unserer Zeit. Er ist gehemmt, gestört, genial. Er schafft eine Welt, die nach seinen Gesetzen funktioniert. Er ist der Revolutionär des 21. Jahrhunderts. Mit Filmen wie "The Social Network" und "Inception" steht er im Zentrum der diesjährigen Oscar-Verleihung.

Der Nerd ist ein Revoluzzer. Seine Entwürfe sind in Wirklichkeit Umsturzversuche. Seine Ideen sind Anschläge. Seine Macht besteht darin, aus seinen eigenen Charakterdeformationen die Gestalt unserer Gegenwart entstehen zu lassen.

Mark Zuckerberg zum Beispiel, wie ihn David Fincher in seinem genialen Schattenspiel "The Social Network" zeigt, der für den Oscar als bester Film nominiert ist. Die Oscars sind in diesem Jahr eh besonders offen für diesen seltsamen Gegenwartstragöden, den Nerd: Seltsam, weil er sich zwar in seinen Talenten, in seinem Schicksal verstrickt, sich aber letztlich, im Unterschied zum antiken Tragöden, über sein Schicksal erhebt.

Jedenfalls ist das bei Zuckerberg so, wie ihn Fincher zeigt und wie ihn Jesse Eisenberg spielt. Nie richtig präsent, nie richtig zu fassen, dabei erfinderischer, visionärer als alle anderen. Eine Art von Abwesenheit, die ins Existentielle, fast Gottgleiche gleitet. Der einsame Schöpfer mit dem blassen Gesicht, kaum Bartwuchs und krauseligen Haaren. Er schafft, was Marx und Lenin nicht schafften: eine neue Welt.

Eisenberg wird von Fincher sehr oft verschwommen gefilmt, von hinten, mit seinem Rucksack, in Schlappen und kurzen Hosen über den winterlichen Harvard-Campus hetzend, an den Rand gerückt bei den Anhörungen der Anwälte, bei denen es um die Frage geht, wessen Idee Facebook nun eigentlich war. Zuckerberg, sagt Fincher, ist als Phänomen faszinierend, als Person unerheblich, er entspricht nicht dem altmodischen Geniekult, er ist das Medium, durch das sich die Idee ihre Wirklichkeit schafft.

Die unheimliche Macht der Idee

Ganz anders ist das bei dem zweiten Nerd-Film der Oscars, Christopher Nolans "Inception", der ebenfalls als bester Film nominiert ist. Leonardo DiCaprio tritt hier als genialischer Trickser auf, er benutzt die Idee wie ein Werkzeug, er weiß aber nicht recht, was er damit anfangen soll, wie sich die Idee zur Wirklichkeit verhält, wie die Welt tatsächlich funktioniert. Nolan nimmt dieses globale Schlüsselspiel und macht daraus ein privatistisches Sudoku.

Auch in "Inception" geht es um die unheimliche Macht der Idee. Wie entsteht sie? Wie kommt sie zu uns? Das ist eine der zentralen Fragen des gegenwärtigen katastrophischen Bewusstseins, das den Ausweg aus der Wirklichkeit im Veränderungspotential sucht, das die ins Ideal übersteigert Idee verspricht. Fincher zeigt diese Idee-Werdung der Welt oder die Welt-Werdung der Idee als überzeugendes Drama eines einsamen Kopfes. Nolan zeigt sie als Diebstahl eines einsamen Herzens.

DiCaprio setzt Ideen ein, tief ins Unbewusste steigt er hinab, das ist wie Freud für Fahranfänger. "Inception" ist ein Ideen-Thriller für das 20. Jahrhundert, weil er überhaupt noch an so etwas wie Innenleben glaubt. Das macht den Film im Kern romantisch, das macht ihn im Gestus so klugscheißerisch. Dieser Film will verwirren. Fincher will aufklären.

Er zeigt das 21. Jahrhundert im Entstehen. Er zeigt, wie aus Technik Leben entsteht. Wie Zufälligkeit und Schicksal sich ergänzen. Wie das Besondere unseren Alltag bestimmt, ein kontaktgestörter Junge mit Computerbegabung unser Verhältnis zu anderen Menschen. Er zeigt, wie sich auf Oberflächen unser Innenleben neu organisiert. All das bleibt in unserem hilflosen Gerede darüber, wie sich Freundschaft im Ansturm von Facebook verändert, unberührt. Finchers Film ist das klügste Statement über diese neue Welt, weil er nicht bewertet, sondern beschreibt.

Er wird dafür wohl keinen Oscar gewinnen. Zu kühl, zu genau, zu wenig melodramatisch ist dieser Film. Lieber werfen sie die Statue einem britischen Königsdrama hinterher, das weit weg von unserer Gegenwart spielt, irgendwann tief tief tief im 20. Jahrhundert. Auch das ist ein Statement. Es geht darin um einen Stotterer, eine weitere Gattung des beschädigten weißen Mannes, zu der auch der Nerd gehört. Westliche Antihelden überall.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 13 Beiträge
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1. Gehts noch?
PeterbusUnum 25.02.2011
Also ich muss mich doch sehr empören. Nerd? Inception? FACEBOOK? Nichts davon steht auch nur im Ansatz für die unglaublich differenzierte Subkultur der Nerds und Geeks. Inception ist ein pseudophilosophischer mainstream Actionstreifen, der dem otto-normal Kinobesucher mal ein Gefühl vermitteln soll wie es ist 20sekunden am Stück über etwas nachzudenken. Ein schlechter Versuch an ein tiefgründiges Werk wie Matrix (Teil I versteht sich) in seiner Botschaft anzuknüpfen. Und Mr Facebook ist unter Garantie nicht das was ein Nerd darunter versteht ein Nerd zu sein. Dieser Mann tritt extrem viele der Dinge, die für uns wichtig, mit Füßen (Stichwort persönliche Daten und Privatssphäre...). Noch dazu hat dieser Mann seine intiale Idee gestohlen. Alles in allem ein hinterhältiger standard Mensch, der zur rechten Zeit am rechten Ort war. Worüber beschwere ich mich? Ich beschwere mich darüber, dass es hier so dargestellt wird als hätten beide Werke irgendwas mit Nerds zu tun, das haben sie nämlich nicht. Wenn wir schon mit Schubladendenken anfangen, sollte man sich wenigstens über die Schublade informieren, in die man versucht Dinge zu stecken. Es geht wirklich immer weiter abwärts mit S.P.O.N. PS: Kritik an mir ist willkommen, wird aber nicht gelesen :)
2. ...
lalale 25.02.2011
Zitat von PeterbusUnumAlso ich muss mich doch sehr empören. Nerd? Inception? FACEBOOK? Nichts davon steht auch nur im Ansatz für die unglaublich differenzierte Subkultur der Nerds und Geeks. Inception ist ein pseudophilosophischer mainstream Actionstreifen, der dem otto-normal Kinobesucher mal ein Gefühl vermitteln soll wie es ist 20sekunden am Stück über etwas nachzudenken. Ein schlechter Versuch an ein tiefgründiges Werk wie Matrix (Teil I versteht sich) in seiner Botschaft anzuknüpfen. Und Mr Facebook ist unter Garantie nicht das was ein Nerd darunter versteht ein Nerd zu sein. Dieser Mann tritt extrem viele der Dinge, die für uns wichtig, mit Füßen (Stichwort persönliche Daten und Privatssphäre...). Noch dazu hat dieser Mann seine intiale Idee gestohlen. Alles in allem ein hinterhältiger standard Mensch, der zur rechten Zeit am rechten Ort war. Worüber beschwere ich mich? Ich beschwere mich darüber, dass es hier so dargestellt wird als hätten beide Werke irgendwas mit Nerds zu tun, das haben sie nämlich nicht. Wenn wir schon mit Schubladendenken anfangen, sollte man sich wenigstens über die Schublade informieren, in die man versucht Dinge zu stecken. Es geht wirklich immer weiter abwärts mit S.P.O.N. PS: Kritik an mir ist willkommen, wird aber nicht gelesen :)
wenn da mal nicht jemand jemand den begriff "nerd" für sich vereinnahmt... oder ihn vielleicht mit dem ähnlich schwammigen begriff "hacker" durch ein topf wirft... von "hackerethos" hab ich schon gehört... von "nerdethos" noch nie... vielleicht weil einem "musik-nerd" oder einem "modelbau-nerd" sowas wie datenschutz erst mal völlig wurscht ist bzw sein kann... ein "nerd" (im allgemeinen sinne) zeichnet sich erstmal dadurch aus dass er sich durch zu starke verfangenheit für seine talent oder interesse sozial isoliert... und das trifft sowohl auf "the social network" als auch auf "inception" zu...
3.
Atheist_Crusader 25.02.2011
Zitat von PeterbusUnumAlso ich muss mich doch sehr empören. Nerd? Inception? FACEBOOK? Nichts davon steht auch nur im Ansatz für die unglaublich differenzierte Subkultur der Nerds und Geeks. Inception ist ein pseudophilosophischer mainstream Actionstreifen, der dem otto-normal Kinobesucher mal ein Gefühl vermitteln soll wie es ist 20sekunden am Stück über etwas nachzudenken. Ein schlechter Versuch an ein tiefgründiges Werk wie Matrix (Teil I versteht sich) in seiner Botschaft anzuknüpfen. Und Mr Facebook ist unter Garantie nicht das was ein Nerd darunter versteht ein Nerd zu sein. Dieser Mann tritt extrem viele der Dinge, die für uns wichtig, mit Füßen (Stichwort persönliche Daten und Privatssphäre...). Noch dazu hat dieser Mann seine intiale Idee gestohlen. Alles in allem ein hinterhältiger standard Mensch, der zur rechten Zeit am rechten Ort war. Worüber beschwere ich mich? Ich beschwere mich darüber, dass es hier so dargestellt wird als hätten beide Werke irgendwas mit Nerds zu tun, das haben sie nämlich nicht. Wenn wir schon mit Schubladendenken anfangen, sollte man sich wenigstens über die Schublade informieren, in die man versucht Dinge zu stecken. Es geht wirklich immer weiter abwärts mit S.P.O.N. PS: Kritik an mir ist willkommen, wird aber nicht gelesen :)
"Uns"? Na wer denkt jetzt in Schubladen? Nicht jeder Nerd ist auch ein Computernerd ;)
4.
felyxorez 25.02.2011
Also nerd ist wohl das letzte Wort das ich mit Inception verbinde
5. .....
Heinzel, 25.02.2011
Zitat von sysopDer Nerd ist der Held unserer Zeit. Er ist gehemmt, gestört, genial. Er schafft eine Welt, die nach seinen Gesetzen funktioniert. Er ist der Revolutionär des 21. Jahrhunderts. Mit Filmen wie "The Social Network" und "Inception" steht er im Zentrum der diesjährigen Oscar-Verleihung. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,747543,00.html
Für mich sei ihr alle Nerds... jeder ,der sich mehr als 4-5 Std. am Tag mit einer einzigen Sache voller Begeisterung beschätfigen kann. Ein bisschen Autismus schadet nie, was?
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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