Herzog-Umweltdrama "Salt and Fire" Ach, Werner!

Es ist fast zehn Jahre her, dass Werner Herzog einen überzeugenden Spielfilm gemacht hat. Jetzt kommt sein neues Werk "Salt and Fire" in die Kinos. Ist der legendäre Filmemacher noch ein guter Spielfilmregisseur?

Camino

Ein Pro und Kontra von und


Kontra

Oliver Kaever

Ach, Werner Herzog! Wie schreibt man einen Verriss über den Film eines Regisseurs, ohne dessen Werk die eigene Filmsozialisation undenkbar ist? Die kreisende Kamerafahrt um das versinkende Floß und den irren Klaus Kinski in "Aguirre, der Zorn Gottes"; das zum Tanzen gezwungene Huhn in "Stroszek"; und natürlich das Schiff auf dem Berg in "Fitzcarraldo": Herzogs Filme waren größer als das Leben. Kein Heldenkino, sondern eine transzendentale Seherfahrung.

Und jetzt Veronica Ferres in "Salt and Fire". Es soll ja Kritiker geben, die sich bei dem Verriss seines Vorgängerfilms "Queen of the Desert" den dummen Witz erlaubten, Herzog hätte doch statt Nicole Kidman gleich Veronica Ferres besetzen sollen. Tja. Jetzt spielt sie in seinem neuen Film tatsächlich die Hauptrolle.

Die Sache ist ja die: "Queen of the Desert" war eine derart generisch inszenierte Schmonzette, dass sie nicht als Werner-Herzog-Film zu erkennen gewesen wäre, wäre sein Name nicht in den Credits aufgetaucht. "Salt and Fire" ist viel schlimmer, weil der Film optisch und thematisch zwar nach Werner Herzog aussieht. Allerdings wie eine lachhaft schlechte Parodie.

Veronica Ferres spielt also Professorin Laura Sommerfeld, die mit zwei Kollegen nach Bolivien reist, um im Auftrag der Vereinten Nationen eine mysteriöse Umweltkatastrophe am Diablo Blanco zu untersuchen. Der Salzsee breitet sich immer weiter aus. Am Flughafen werden sie allerdings entführt und auf eine Hazienda verschleppt. Dahinter steckt Matt Riley (Michael Shannon), CEO eines mächtigen Konsortiums, das für die Katastrophe verantwortlich ist.

Was genau er eigentlich mit der Geologin vorhat, wird bis zum Ende des Films nicht so recht klar. Es geht irgendwie darum, sie zu sensibilisieren für den Ernst der Situation, schließlich, so munkelt Riley, könnte der Salzsee irgendwann die ganze Erde bedecken. Wie genau? Egal. Und so hocken Sommerfeld und Riley auf der Hazienda herum und reden über Gott und die Welt. Sie reden sehr viel und dann noch ein bisschen mehr, und zwischendurch macht Laura Sommerfeld Sit-ups und betrachtet sich im Spiegel. Der Film mäandert, und das wäre auch ganz wunderbar, wäre das Mäandern hier nicht so furchtbar banal und zum Haareraufen redundant.

Ferres ist ihrer Rolle nicht gewachsen

Irgendwann entfaltet sich dann doch noch Rileys großer Plan, der darin besteht, Sommerfeld mit zwei blinden Indiojungen inmitten des Salzsees auszusetzen. Oh ja, denkt der Herzog-Fan, jetzt gehts erst los, jetzt wirft er die Metaphern-Maschine an, jetzt betrachtet er die menschliche Existenz durch eine übermächtige Natur, schließlich sieht der Salzsee schon sehr toll und sehr herzogisch aus.

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"Salt and Fire": Peinlich oder künstlerisch frei?

Aber dann hockt Veronica Ferres in der brennenden Sonne und redet mit den Kindern genauso banales Zeug wie zuvor mit Michael Shannon und singt zum Fremdscham-Höhepunkt inmitten der nächtlichen Ödnis "Der Mond ist aufgegangen". Auch wenn Werner Herzog Veronica Ferres für Deutschlands größten weibliche Star hält, wie er in einem Interview gesagt hat - sie ist ihrer Rolle einfach nicht gewachsen, hat kein erkennbares dramatisches Register. Sie wirkt in jeder Szene einfach nur genervt und schlecht gelaunt, so als könne sie sich auch nicht erklären, wie sie in diesen Film geraten ist.

Es ist aber nicht Veronica Ferres' Schuld, dass "Salt and Fire" nicht funktioniert, sondern natürlich die des Regisseurs, der weder eine Idee verfolgt noch eine Geschichte erzählt noch eine filmische Form findet. Alles bleibt hier vage und amorph. Eigentlich ist das auch gar nicht so überraschend, schließlich ist es sehr lange her, dass Werner Herzog einen wirklich überzeugenden Spielfilm gemacht hat. 2006 war das, "Rescue Dawn". Aber dafür dreht er ja nach wie vor fantastische Dokus, zwei allein in diesem Jahr. Und seine frühen Filme aus den Siebzigern werden immer neuen Filmverrückten die Augen öffnen.


Pro

Hannah Pilarczyk

Wenn es jemanden gibt, von dem man lernen kann, nicht in Ehrfurchtstarre vor Werner Herzogs Filmerbe zu verfallen, dann ist es Werner Herzog selbst. Wie oft hat er seinen eigenen Motiv- und Themenfundus schon geplündert, Dilettantisches mit Genialischem kombiniert, sich obskuren Liebhaberprojekten verschrieben und auf die Stimmigkeit des Gesamtoeuvres gepfiffen. Man kann das Unbedarftheit nennen - oder wahre gedankliche Freiheit.

Ich bin Partei für Letzteres, weshalb ich mich auch so an "Salt and Fire" erfreuen konnte. Denn alles, was man dem Film an Irrsinn und Unstimmigkeit vorwerfen kann, sein verwegenes Casting und seinen kruden Plot, wirft er in Form einer einzelnen Frage zurück: Warum nicht?

Warum nicht Veronica Ferres neben den Weltklasseschauspielern Michael Shannon und Gael Garcia Bernal in einem Film? Warum nicht eine Entführung am bolivianischen Flughafen mit Entführern, die erst an den Rollstuhl gefesselt sind und dann doch lieber gehen? Warum nicht die Kollegen von Professorin Laura Sommerfeld mit verdorbenen Klößen ausschalten und sie anschließend in Gespräche über optische Täuschungen in italienischen Klöstern verwickeln? Wer hier auf ein wohlbegründetes "Darum!" besteht, pocht letztlich nur aufs Einhalten filmischer Konventionen und damit auf kreativen Stillstand.

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"Salt and Fire": Peinlich oder künstlerisch frei?

Zugegeben, am Anfang fand ich das Set-up auch gewöhnungsbedürftig. Aber als Gael Garcia Bernal als einer der kompromittierten Kollegen jammert, er leide unter dem "Dresden aller Durchfälle", fügte sich der Film für mich endgültig zusammen: So herrlich entfesselt wie "Salt and Fire" war schon lang kein Werk eines deutschen Filmemachers mehr - selbst nicht Nicolette Krebitz' Endzeit-Romanze "Wild", die entgegen ihres Titels vor allem streng und thesenhaft war.

Was für ein Glück, dass sich jemand noch solche Freiheiten nimmt

"Salt and Fire" ist dagegen ungleich verspielter und vor allem lustiger. Wie Frédéric Jaeger in seiner Kolumne bereits zutreffend bemerkt hat, setzt Werner Herzog Veronica Ferres stellvertretend für den deutschen Film in der Salzwüste aus und beobachtet, wie sie sich in der ungewohnten Umgebung zurechtfindet. Doch genauso ist sie aber auch ein Alter Ego von Herzog selbst. Nicht zufällig erinnern ihre mit teutonischer Strenge vorgetragenen Drehbuchzeilen zur drohenden Umweltkatastrophe an die Herzog'schen Kommentare aus dem Off, die seine Dokumentarfilme so legendär gemacht haben.

Wenn sich dann noch der gewohnt verspannte Michael Shannon zu Ferres gesellt und über die moralische Verantwortung von Unternehmen doziert, dann ist das weniger ein Dialog zwischen zwei wohl durchdachten Filmfiguren als ein innerer Monolog von Werner Herzog, der seine Gedanken zu Mensch, Natur und Moral jetzt eben mal in einen Spielfilm gepackt hat. (Wobei Genre bei Herzog auch kein Konzept ist, das einen sonderlich weit bringt.)

Wie befreit Herzog in "Salt and Fire" inszeniert, zeigt sich vor allem in den letzten Einstellungen in der Wüste. Der Vergleich mit der Nacktparty aus "Toni Erdmann" eignet sich nur sehr bedingt, da Maren Ade die Szene überaus exakt dramaturgisch vor- und aufbereitet. Was Herzog zum Schluss völlig unvermittelt in der Wüste veranstaltet, hat mich dennoch ganz ähnlich verblüfft auflachen lassen. Was für ein Glück, dass sich jemand noch solche Freiheiten nimmt!


"Salt and Fire"

Frankreich, Bolivien, USA, Deutschland, Mexiko 2016
Drehbuch & Regie: Werner Herzog
Darsteller: Michael Shannon, Gael Garcia Bernal, Veronika Ferres
Verleih: Camino Filmverleih
Länge: 98 Minuten
FSK: Freigegeben ab 6 Jahren
Start: 8. Dezember 2016

Im Video: Der Trailer zu "Salt & Fire"

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insgesamt 13 Beiträge
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HansPa 07.12.2016
1. Geldgeber?
Wer ist wohl der Geldgeber dieses Machwerks?! Schade Werner, hast ein paar schöne Filme gedreht. Hör besser auf oder suche dir wenigstens Sponsoren die dich nicht zwingen deren Gattin einzusetzen. Ach ja, Burda ist auch keine Lösung!
brooklyner 07.12.2016
2.
Die Idee mit den zwei Pro und Contra Kommentaren ist sehr lobenswert, man kennt das ja aus der "Zeit". Ohne den Film bisher gesehen zu haben, löst Ferres als Besetzung natürlich Kopfschütteln aus. In Schtonk passte sie ja irgendwie zu ihrer Rolle, aber besonders gut schauspielern konnte sie trotzdem noch nie. Dass Herzog eine dieser international niemals vermittelbaren deutschen Hinterhofmimen einsetzt, ist schon sehr seltsam. Seine grossen Filme von früher lebten natürlich auch - neben den grossartigen Geschichten - von einer etwas drolligen Unprofessionalität. Diesen Charme mochte ich stets gerne. In letzter Zeit verbringt er aber meiner Meinung nach ein Bisschen zu viel Zeit mit seinen Scientology Buddies.
arikimau 07.12.2016
3. Werner Herzog ist eine Legende, aber
Veronica Ferres schafft es jede Film zu einem Witz zu machen. Außerdem scheint es mir das Werner Herzog mit dem Wort "Salt" nur einem weiteren Trend folgt. Es gibt seit einigen Jahren unzählige Filme die "Salt" beinhalten... Werner Herzog ist leider nicht so einzigartig und macht inzwischen auch viel Werbung, trotzdem liebe ich ihn für seine Meisterwerke und seine Stimme höre ich mir in jeder seiner Dokus gerne an.
peter.herm44 07.12.2016
4. Avanti Dilettanti...
Man kann Dilettantismus natürlich "herrlich entfesselt" finden. Oder miese Schauspieler toll. Bloß kann man mit jemand, der das tut, nicht mehr ernsthaft über die Qualität eines Films sprechen. Herzog hatte schon damals als er noch Stipetic hieß, kein Gespür für Rhythmus und für Dramaturgie, geschweige denn für Schauspieler, seine früheren Erfolge verdankt er dem Unterhaltungswert des wahnwitzigen Kinski. Die Feuilleton-Karrieren von Herzog und dem gleichermaßen überschätzten Wim Wenders zeigen eigentlich nur eins:*man muß etwas nur lang genug machen, irgendwer findet sich dann schon, der das auch noch gut findet.
D_v_T 07.12.2016
5.
Der Pro-Kommentar scheint mir aber auch nur scheinbar positiv zu sein; er ließt sich wie die ironische Kritik eines B-Movies. Mehr noch, er erinnert an "1000 Meisterwerke" aus "Stenkelfeld".
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