Erstes Kino in Saudi-Arabien "Der Wandel ist nicht aufzuhalten"

In Riad eröffnet an diesem Mittwoch zum ersten Mal seit fast 40 Jahren ein Kino - gezeigt wird ein US-Blockbuster. Hier erzählt der saudi-arabische Filmemacher Mahmoud Sabbagh, was er von der Premiere hält.

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Ein Interview von


500 Ledersitze, ein Orchestergraben, marmorgetäfelte Badezimmer - das erste Kino, das am Mittwoch in Saudi-Arabien nach fast 40 Jahren Verbot eröffnet, soll Maßstäbe setzen. Der Chef der US-Kinokette AMC, die es betreibt, schwärmt davon, es werde das schönste Filmtheater der Welt. Gezeigt wird zur Premiere natürlich eine amerikanische Produktion, der Blockbuster "Black Panther".

Die Eröffnung geht auf das Betreiben von Kronprinz Mohammed bin Salman zurück. Er kündigte in seinem Plan "Vision 2030" umfangreiche Reformen an, die Saudi-Arabiens Abhängigkeit vom Erdöl mindern sollen und Reformen auf kulturellem Gebiet vorsehen. So dürfen Frauen neuerdings Auto fahren und Sportveranstaltungen besuchen - allerdings nur in drei Stadien. Auch Konzerte sollen bald wieder erlaubt sein. Bis 2030 sollen 350 Filmtheater eröffnen, Analysten erwarten dann einen Umsatz von bis zu einer Milliarde Dollar.

Sämtliche Kulturveranstaltungen waren 1979 im Zuge des ultrakonservativen Wandels und der sogenannten Re-Islamisierung Saudi-Arabiens von der religiösen Elite verboten worden. Kinos, die es zuvor in den Großstädten in großer Zahl gegeben hatte, wurden geschlossen. Noch Anfang 2017 hatte Großmufti Sheikh Abdulaziz al-Sheik im Fernsehen gesagt, Kinofilme seien "schamlos, unmoralisch, atheistisch und verdorben".

Wie tief also geht der kulturelle Wandel wirklich? Fragen an Mahmoud Sabbagh, Regisseur der ersten romantischen Komödie Saudi-Arabiens. "Barakah meets Barakah" wurde von der Kulturbehörde des Landes zur Teilnahme an den Oscars eingereicht, obwohl der Film im Gewand eines Liebesfilms gesellschaftliche Tabus satirisch thematisiert.

Zur Person
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    Mahmoud Sabbagh, Jahrgang 1983, ist ein saudischer Regisseur. Sein Debüt "Barakah meets Barakah" lief bei der Berlinale 2016. Sabbagh studierte Film an der Columbia University in New York. 2018 veröffentlicht er seinen zweiten Spielfilm "Amra and The Second Marriage" und hofft auf einen Kinostart in Saudi-Arabien.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sabbagh, wo werden Sie am Mittwochabend sein? Zufällig im Kino in Riad?

Sabbagh: Oh nein. Ich bleibe schön hier in meiner Heimatstadt Dschidda und werde zu Hause auf dem Sofa sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Kein Interesse am ersten Kinoabend nach fast 40 Jahren?

Sabbagh: Ich wurde nicht eingeladen. Außerdem würde ich mich dort nicht wohl fühlen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es so toll finde, den Neustart des saudischen Kinos mit einem amerikanischen Blockbuster zu feiern.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Sabbagh: Die Premiere mit saudischen Künstlern und Filmen zu bestreiten, wäre fraglos die wesentlich stärkere Geste gewesen. Bisher sieht es so aus, als käme es der Kulturbehörde vor allem darauf an, ausländisches Kapital anzulocken und überall riesige Multiplexe zu errichten.

SPIEGEL ONLINE: Und dort sollen dann amerikanische Blockbuster laufen?

Sabbagh: Natürlich. Genau das ist in benachbarten Ländern wie Dubai, Abu Dhabi oder Katar schon der Fall. Kino wird so zu einem ausschließlich kommerziellen Unternehmen, mit Kultur oder Kunst hat das wenig zu tun. Ich habe kein Problem damit, im Gegenteil, ich sehe mir selbst gern Actionfilme im Kino an. Aber wir sollten für eine Balance sorgen, damit bei uns eine reichhaltige Kinokultur wachsen kann, die vielen Interessen entgegenkommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau könnte das funktionieren?

Sabbagh: Bisher kümmern sich zwei Behörden um den Neustart des saudischen Kinos. Eine vergibt Lizenzen an Filmtheater und reguliert die Inhalte. Von der anderen haben wir bisher wenig Konkretes gehört, aber sie könnte und sollte sich zu einer nationalen Filmkommission entwickeln, die dann eine Quote für saudische und arabischsprachige Filme bestimmt - so wie es sie in Frankreich auch gibt. Außerdem sollten ausländische Filme mit einer Steuer belegt werden, die in einen Fonds fließen, der saudischen Künstlern zugutekommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert denn die saudische Gesellschaft auf die vielen Öffnungen, die in jüngster Vergangenheit angekündigt wurden?

Sabbagh: Der Wandel ist echt, und er ist nicht aufzuhalten. Die Politik schließt endlich mit der jungen Generation auf, die die Fesseln der Vergangenheit abstreift. Aber die Phase des Übergangs ist schwierig, viele der Verantwortlichen verfolgen ihre eigene Agenda. Es gibt niemanden, der eine Richtung vorgibt. Im Bezug auf den Film ist es deshalb so wichtig, dass jemand die Weichen für die Zukunft stellt. Es genügt nicht, einfach überall im Land Kinos zu eröffnen.

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SPIEGEL ONLINE: Filme können Gespräche über gesellschaftlich relevante Themen eröffnen. Ihr Debüt "Barakah meets Barakah" ist ein Beispiel dafür. Er lief auf Festivals und im regulären Kino-Einsatz auf der ganzen Welt. Nur in Saudi-Arabien noch nie?

Sabbagh: Nein, zumindest nicht richtig. Er wurde einmal symbolisch an einem nicht öffentlichen Ort aufgeführt, um ihn für die Teilnahme an der Oscarverleihung zu berechtigen. Aber es gab noch nie eine kommerzielle Aufführung für das normale Publikum. Ausländische Botschaften und internationale Organisationen haben des Öfteren angefragt, um ihn hier zu zeigen, aber ich habe sie alle abgelehnt. Ich finde, diese Art von geschützter Vorführung erniedrigt die Kunst, sie ist entwürdigend. Ich will, dass mein Film regulär an einem dafür vorgesehenen Ort gespielt wird.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn Anzeichen, dass zukünftig auch Independentfilme wie Ihrer in unabhängigen Kinos gezeigt werden können?

Sabbagh: Bisher nicht. Ich hoffe aber, dass die Dinge sich nach dem Neustart wesentlich schneller entwickeln werden. Bisher haben wir darum gekämpft, überhaupt Kunst machen zu können. Die nächste Herausforderung wird noch größer. Es wird um Fragen gehen wie: Was dürfen wir zeigen? Worüber dürfen wir sprechen? Dürfen wir provozieren? Wo ist die Grenze? Es wird darum gehen, die Zensur auszutesten.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Kunstszene, von der Sie sprechen, schon sichtbar?

Sabbagh: Sie ist gerade dabei aufzutauchen. Es gibt blühende Szenen in allen kosmopolitisch geprägten Gegenden, in Dschidda, Riad, den östlichen Provinzen. Viele junge Filmemacher, die bisher nur Kurzfilme machen konnten, arbeiten gerade an ihren Langfilmdebüts. In ein bis zwei Jahren werden rund zehn saudische Filme fertig sein. Es gibt eine neue Generation von Künstlern, die im Westen ausgebildet wurde oder auf anderen Wegen neuen künstlerischen Einflüssen ausgesetzt waren. Viele neue Stimmen entwickeln sich gerade.

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k.klotz 18.04.2018
1. Grundsätzlich gut
Kronprinz Mohammed bin Salman hat wohl erkannt, dass auch Saudi-Arabien ein Bestandteil einer Welt ist, in der der Besuch eines Kino's ab und an einfach möglich sein sollte. Kino ist ein Bereich der Träume, Sehnsüchte , Ängste, Liebe und des Mutes - der Gefühle. Und diese sind bei allen Menschen gleich. Welcher Film es dann zu Eröffnung war - nun ja - das kommt auf den individuellen Geschmack an ;-)
sake2013 18.04.2018
2. schön wär´s ja...
da würde ich aber doch eher Zweifel anmelden, ich glaube nicht, dass sich die sunitische Königsfamilie auf viel mehr einlassen wird. Außer Auto fahren und ein Film schauen, wird nicht drin sein - aber vll bekommt man dafür auch schon eine Atombombe, wenn sie den Iran, usw angreifen, vielleicht auch zwei. Deutsche Militärtechnik haben sie ja schon zu Hauf um ihr Volk zu überwachen und zu unterdrücken... Wirlich ziemlich traurige Propa..
Paul Max 18.04.2018
3. ....
Erstes Kino in Saudi-Arabien "Der Wandel ist nicht aufzuhalten" Ich fass es nicht; die neue Superdemokratie wird für die Eröffnung eines Kinos gefeiert, und die arabischen Staaten, in denen Kino, Gesundheitswesen, Autofahren oder Studium von Frauen etc. gang und gäbe war (von Afghanistan - vor der US-Eimischung, über den Irak, Libyen, Syrien bis gar zum Mullah-Iran), wurden oder werden zerschlagen, aber zumindest als Diktaturen diffamiert. Was soll das denn wenn es fertig ist: Wir lieben das Mittelalter, wenn es nur zwei anstellen von vier Hexen verbrennt?
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