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Auschwitz-Film "Sauls Sohn": Mit mörderischer Hektik

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Mit seinem Auschwitz-Drama "Sauls Sohn" hat der Ungar László Nemes den Oscar gewonnen und harsche Kritik hervorgerufen: Der Fillm sei "KZ-Kitsch", eine "Geisterbahnfahrt durchs Lager". Doch es ist komplizierter.

Das überraschendste an dem Auschwitz-Drama "Sauls Sohn" ist wohl, dass Claude Lanzmann dem Film seinen Segen gegeben hat. Lanzmann hat mit seinem rund zehnstündigen Werk "Shoah" von 1985 nicht nur die bislang umfassendste filmische Erkundung des Holocaust erbracht. Er formulierte gleichzeitig auch eine Art Bilderverbot bezüglichen der Toten der KZs. In seinem Film waren keine Leichen zu sehen, nur Aufnahmen der geräumten Lager.

Gegen dieses Bildverbot hat der ungarische Autor und Regisseur Nemes mit seinem Auschwitz-Drama "Sauls Sohn" so offensiv verstoßen, dass er ohne das Gutheißen der moralischen Instanz Lanzmann nicht hätte bestehen können. Denn Nemes entwirft nicht nur Bilder von den Gaskammern, von Leichenbergen, von Aschebergen, er fügt sie vielmehr zu einer atemlos dramatisierten Bilderjagd zusammen.

Wobei diese Bilder doppelt gerahmt sind: Zum einen sind sie im Akademieformat, einem fast quadratischen Bildausschnitt, buchstäblich eingefangen. Hier kann sich nichts aus seinen Zwängen befreien und Eigenleben entwickeln.

Und zum anderen ist da der Sound.

Denn das erste, was man bei "Sauls Sohn" eindeutig wahrnimmt, ist das Wimmern einer Frau. Das Bild ist unscharf, im Hintergrund sind einige Personen in einem Waldstück zu erahnen. Doch da man in einem Film über die letzten Monate des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sitzt, fokussiert der Kopf schneller als die Kamera. Man weiß, was gleich zu sehen sein wird und fürchtet es deshalb umso mehr. Dieses Spiel mit den Sinnen und dem Gedächtnis, dem Innerhalb und Außerhalb des Rahmens, ist es, was einen an Nemes' Debütfilm so in Beschlag nimmt. Sich ihm zu entziehen, ist ein Kampf. Sich ihm hinzugeben nicht weniger quälend.

Als die Türen schließen, hält die Kamera kurz inne

Fixpunkt des Films ist Saul Ausländer (Géza Röhrig). Er ist Teil der sogenannten Sonderkommandos von Auschwitz: Dies sind Inhaftierte, die ihre eigene Ermordung um wenige Wochen verzögern können, indem sie den Nazis beim Vergasen und Verbrennen ihrer Opfer helfen. Mátyás Erdélys Kamera folgt Saul mit knappstem Abstand durch einen Tag in Auschwitz. Über seine Schulter sieht man, wie die Menschen aus dem Waldstück in die Vorzimmer der Gaskammern gejagt werden. Dort werden ihnen erst eine Dusche, dann heiße Suppe versprochen. Für die Dusche sollen sie sich schnell ausziehen und in die Kammern mit den schweren Türen eilen. Als diese Türen sich schließen, hält die Kamera für einen kurzen Moment inne. Dann setzen die Schreie der Menschen und ihre Schläge gegen die Türen ein.

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"Sauls Sohn": Ein letzter Akt der Selbstbehauptung
Als "Sauls Sohn" im Mai 2015 bei den Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere feierte, vermuteten wir in unserer ersten Kritik, dass der Film Diskussionen nach sich ziehen würde, ob Nemes ethische Grenzen überschritten hat, in dem was er zeigt und wie er es zeigt: die anonymen Leichenberge; die nackten Körper, die Saul und die anderen von den Sonderkommandos hinter sich her schleifen, um sie aus den Gaskammern in die Krematorien zu bringen; die Ascheberge, die die Überlebenden im Anschluss in den Fluss schaufeln sollen.

Tatsächlich liefen diese Diskussionen seltsam schleppend an. Das mag auch daran gelegen haben, dass "Sauls Sohn" in Cannes mit dem Großen Preis der Jury, der größten Auszeichnung nach der Goldenen Palme, ausgezeichnet wurde und seitdem die Preise nicht nachlassen. Im Januar gewann Nemes den Golden Globe, im Februar den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. In diesen Lauf haben sich bislang vor allem im englischsprachigen Raum vereinzelt kritische Stimmen gestreut. "Wie 'Birdman' und andere Tour-de-Force-Ausdauertests hält uns 'Sauls Sohn' mit seiner unentrinnbaren Technik, seiner schikanösen Subjektivität im Griff", schrieb David Edelstein im "New York Magazine".

"Gab es suspense in Auschwitz?"

"Ist (Auschwitz-Birkenau im Oktober 1944 - d. Red.) der Ort für einen Thriller? Gab es suspense in Auschwitz?", fragte Stefan Grissemann als entschiedenster Kritiker in "Filmcomment". Solche Fragen würden sich die meisten Kollegen aber nicht stellen, so Grissemann, sie wären dafür zu erleichtert, "dass der Holocaust-Film, dieses gefürchtete Sub-Genre, plötzlich so neu, so aufregend, so lebendig daherkommt. Das Problem ist: Um Lebendigkeit ging es nicht bei der Shoah, und Aufregung war nicht gerade sein Hauptmerkmal. In seinem Streben nach Kontroverse lotet 'Sauls Sohn' ungeahnt neue Tiefen der Abscheu aus."

In Deutschland blieb es dagegen stumm - gezwungenermaßen, denn "Sauls Sohn" war so lange ohne deutschen Starttermin, dass sich in Nemes' Heimat Ungarn schon Stimmen mehrten, die nach einer Verschwörung gegen den Film fragten. Auch nicht gerade schmeichelhaft für die deutsche Filmbranche waren Nemes' Bemerkungen, dass er im Vorfeld nur Absagen von deutschen Geldgebern bekommen habe und die Berlinale, bei der er den Film als erstes eingereicht hatte, ihm lediglich die Panorama-Nebenreihe für die Weltpremiere angeboten habe.

Fast ein Jahr nach seiner Weltpremiere, geschickt platziert auf der Aufmerksamkeitswelle, die der Oscar geschlagen hat, ist "Sauls Sohn" nun endlich in den deutschen Kinos zu sehen. Und endlich setzt auch hier der Streit über den Film ein. "Das ist, ästhetisch raffinierter zwar, derselbe KZ-Kitsch, den wir in 'Schindlers Liste' sahen", kritisiert ihn Verena Lueken in der "FAZ": "Eine Fantasy-Sinngebung unter dem Vorwand eines 'ganz neuen Blicks'. Worauf denn?" Im "Tagesspiegel" urteilt Jan Schulz-Ojala, Nemes habe letztlich einen relativ gewöhnlich gebauten Thriller geschaffen. "Eine Geisterbahnfahrt ist 'Son of Saul', mit fragwürdigem Schauer."

Ein letzter Akt der Selbstbehauptung

Tatsächlich treiben Nemes und seine Koautorin Clara Royer eine wortwörtlich brutale Dynamisierung der Ereignisse im KZ voran. "Sauls Sohn" ist zeitlich so verortet, dass im Lager doppelter Ausnahmezustand herrscht: Die Rote Armee rückt immer näher, weshalb die Lagerkommandeure den Massenmord noch schneller takten wollen.

Das sich anschließende Brüllen, Schubsen, Schießen, Schaufeln macht sich Nemes als nervöse Grundstimmung zu Nutzen und forciert sie zusätzlich, indem er Saul eine fixe Idee verfolgen lässt: Ein Junge, der die Gaskammer überlebt hat, aber im Anschluss von den Lagerärzten unbesehen getötet wird, soll sein Sohn sein. Um ihm ein angemessenes, sprich jüdisches Begräbnis zu verschaffen, macht sich Saul auf eine Mission, die ihn neben seiner Aufgabe als Mitglied der Sonderkommandos zusätzlich durchs Lager rasen lässt. Gelingt ihm dieser - mutmaßlich letzte - Akt der Selbstbehauptung?

Das Spiel mit der Hoffnung, dass Saul gegen jede Wahrscheinlichkeit erfolgreich sein könnte, resultiert in der Tat in einer Art Thrill, die einen das Geschehen mit Spannung verfolgen lässt. Diesen Erzählansatz abzutun mit dem Verweis, dass es im KZ keine Spannung gegeben habe, führt allerdings ins argumentatorische Nichts. Filmische Qualitäten wohnen immer nur Filmen inne, nicht historischen Situationen. Die Frage muss also vielmehr lauten, ob mit diesem Ansatz neue Erkenntnisse oder Perspektiven einhergehen. Indem er Auschwitz von infernaler Hektik ergriffen zeigt, gelingt es Nemes, den Vorstellungen vom KZ als bürokratisch exaktem Tötungskomplex das Bild von einer Maschine hinzuzufügen, die kurz vor dem Überhitzen, vor dem Ende des ewigen Ineinandergreifens seiner Zahnräder steht.

In dieser Konstellation tut sich auch der Raum für die Darstellung von Saul als handelnder Person auf. Er agiert nach den Anweisungen der Nazis, entgegen ihrer Anweisungen, nach eigenem Dafürhalten. Das Klischee der vermeintlich fatalen Passivität, mit der Juden dem Holocaust begegnet wären - und das Quentin Tarantino in seiner Stellvertreter-Rachefantasie "Inglourious Basterds" aufgenommen hat -, weist "Sauls Sohn" somit weit von sich.

Gleichzeitig bestätigt sich hier, dass Nemes nicht nur bildlich, sondern auch inhaltlich einen merklich verknappten Ausschnitt vom Holocaust zu bieten hat. Er kann die Darstellungen aus anderen Filmen im besten Sinne ergänzen, doch ohne ihren Kontext fällt sein Film auseinander. Lanzmanns "Shoah" stellt dabei die wichtigste Klammer dar, die "Sauls Sohn" zusammenhält. Motive wie den aktiven Widerstand der Juden gegen ihre Vernichtung sind bei ihm nicht nur überaus prominent herausgearbeitet. Wie Richard Brody im "New Yorker" aufgezeigt hat, sind einzelne Akte, etwa das jüdische Begräbnis eines Mannes, der im Warschauer Getto gestorben war, durch seine Ehefrau, direkte Inspiration für die Geschichte von "Sauls Sohn" gewesen.

Man muss deshalb nicht Nemes' Film als "KZ-Kitsch" abtun, um doch wieder bei "Shoah" als endgültigem Film über den Holocaust anzukommen. Es war wahrscheinlich auch im eigenen Interesse, dass Lanzmann "Sauls Sohn" seinen Segen gegeben hat.

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