Animationsfilm "Sausage Party" Versaute Würstchen, prüde Brötchen

Dieser Animationsfilm geht nicht als Familienunterhaltung durch: In "Sausage Party" von Seth Rogen und Evan Goldberg machen sich sprechende Lebensmittel mit Brachialhumor unterhalb der Gürtellinie scharf.

Von Andreas Busche


Diplomatische Krise im Supermarktgang mit internationalen Spezialitäten. Die koscheren Lebensmittel haben die arabischen Produkte von ihrem angestammten Platz im Regal verdrängt. An eine friedliche Koexistenz ist nicht zu denken: Über den naiven Vorschlag Franks können der Bagel und das Lavash daher nur lachen. Aber was weiß Frank schon über die vertrackte Situation im Nahen Osten?

Er ist schließlich buchstäblich bloß ein notgeiles Würstchen, das naturgemäß mit jenem Körperteil denkt, das der männliche Bevölkerungsanteil zwischen den Beinen trägt - was die sexuellen Konnotationen des Wortes Würstchen angeht, ist die amerikanische Sprache unendlich erfinderisch. Also muss Frank das Gekabbel der beiden unversöhnlichen Teigwaren ertragen, denn sein Auftrag ist größer als eine politische Friedensmission im Supermarktregal. Er will sein Würstchen endlich in die wohlgeformten Rundungen des prüden Hotdog-Brötchens Brenda stecken.

Das neue Food-Porn

Nur wenige Drehbuchautoren kämen wohl auf die Idee, den israelisch-palästinensischen Konflikt mit Lebensmitteln nachzustellen - um ihn im großen Finale dann mit einer Sexorgie zu lösen, die dem Begriff "Food-Porn" eine völlig neue Bedeutung verleiht. Mehr darf an dieser Stelle nicht verraten werden.

Aber wer macht auch schon eine Komödie über zwei minderbemittelte Fernsehmoderatoren, die im Auftrag der CIA den ruhmreichen Führer Kim Jong Un liquidieren sollen? Genau, Seth Rogen und Evan Goldberg, das Autorengespann hinter der Nordkorea-Farce "The Interview" und der deliziös-versauten Collegekomödie "Superbad", haben einen neuen Film gemacht.

In "Sausage Party - Es geht um die Wurst" unter der Regie von Greg Tiernan und Conrad Vernon, deren Namen man bislang allenfalls im Zusammenhang mit familienfreundlichen Animationsstoffen ("Thomas, die kleine Lokomotive", "Shrek 2") kannte, geht es aber nur am Rande um geopolitisch-nachbarschaftliche Verhältnisse. Diplomatische Verstimmungen werden Rogen und Goldberg diesmal nicht auslösen. Stattdessen dreht sich "Sausage Party" auf höchst pointierte Weise um tiefergehende Sinnfragen - etwa der Existenz einer höheren Schöpfungsordnung und der Dogmatik religiöser Weltbilder. Das sollte vielleicht kurz festgestellt werden bei einem Film, in dem sprechende Lebensmittel und Haushaltsgegenstände mit Spinnenbeinchen und behandschuhten Händen die Hauptrollen spielen.

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Animationsfilm "Sausage Party": Die Wurst will ins Brötchen

Höherer Unsinn und grober Klamauk bilden also die Klammern um die Geschichte von "Sausage Party". Am "rot-blau-weißen Tag" (dem amerikanischen Unabhängigkeitstag) fiebern die putzigen Lebensmittel ihrer Vorbestimmung entgegen: von den zweibeinigen Göttern einkaufswagenweise ins "Große Jenseits" hinter den automatischen Schiebetüren befördert zu werden - wo das Lavash zum Beispiel jungfräuliches Olivenöl in Unmengen erwartet. Ein traumatisiertes Glas Honigsenf, das dem amerikanischen Feiertagsmassaker (genannt Barbecue) gerade noch entkommen konnte, weckt allerdings das Misstrauen von Frank.

Die Regalreihen am anderen Ende des Supermarkts

Ist das "Große Jenseits" vielleicht doch ein Mythos, um die Lebensmittel bei Laune zu halten? Die Wahrheit befindet sich in den Regalreihen am anderen Ende des Supermarkts. Mit Brenda, Sammy Bagel Jr, dem Lavash und einem lesbischen Taco im Schlepptau macht er sich auf den Weg.

Rogen und Goldberg dürften sich daran gewöhnt haben, dass man ihren sehr speziellen Humor (jüdische Verschmitztheit plus pubertärer Klamauk) gerne unterschätzt. Ein bisschen haben sie sich das mit Konfektionsware wie "Bad Neighbors" auch selbst eingebrockt. "Sausage Party" beginnt ebenfalls mit einer Finte. Die schmissige Musicaleinlage, in der die komplette Regalbelegschaft des Supermarkts ein Loblied auf das "Große Jenseits" anstimmt, erinnert kurz an eine Pixar-Produktion. Natürlich schummeln Rogen und Goldberg selbst den Namen des Animationsstudios noch mit einem Schwanz-Witz unter. Spätestens aber wenn eine Truppe von Produkten "Made in Germany" in schwarz-rot-weißem Verpackungsdesign zackig aufmarschiert, erweist sich die Suggestion harmloser Familienunterhaltung als Trugschluss.

Von bromantic comedy zur bromantic partyzone

Rogen und Goldberg haben in den letzten Jahren in Hollywood einige Freiheiten errungen, um die sie mancher Drehbuchautor beneiden dürfte. Sie haben mit ihren Kumpels James Franco, Paul Rudd, Jonah Hill, Danny McBride und Craig Robinson in Filmen wie "Ananas Express", "Superbad" und "Das ist das Ende" das überschaubare Sujet der bromantic comedy zu einer bromantic partyzone ausgeweitet. Gewöhnlich sagte auch kein angesagter Comedian ab, wenn Rogen und Goldberg anriefen.

In "Sausage Party" stößt nun Kristen Wiig zu dieser Sausage Party (umgangssprachlich: eine Veranstaltung mit unverhältnismäßig hoher Beteiligung von Trägern äußerer männlicher Geschlechtsmerkmale) hinzu. In der Originalfassung ist sie die Stimme Brendas, und die für Wiigs Figuren so charakteristische angesexte Verklemmtheit fungiert auch bei Rogen und Goldberg wieder als grandiose Steilvorlage für kunstvoll irrlichternde Zoten. Überhaupt muss man ausnahmsweise die deutsche Synchro loben, die die anspielungsreichen Sauereien aus der englischen Sprache einigermaßen treffsicher ins Deutsche hinüberrettet - auch wenn die blumigen Zweideutigkeiten notwendigerweise hin und wieder unelegant "vereindeutigt" werden müssen.

Doch der Brachialhumor von "Sausage Party" funktioniert nicht nur verbal. Die besten Gags stecken in liebevollen Details wie den Verpackungsdesigns, die auf ironische Weise mit ethnischen Stereotypen "exotischer" Spezialitäten spielen und in die ebenso viel Sorgfalt gesteckt wurde wie in die Charakterzeichnungen der Figuren. So entpuppt sich eine amoklaufende Intimdusche (wer immer schon wissen wollte, was ein "Douchebag" ist, findet in "Sausage Party" eine Antwort) als Widersacher der kuriosen Supermarktexpedition. Ganz ohne Superlative geht es natürlich auch diesmal nicht.

In den USA kam "Sausage Party" als überhaupt erst dritter Animationsfilm nach "South Park - Der Film" und "Team America: World Police", beide von Trey Parker und Matt Stone, mit einem R-Rating in die Kinos. Die Bewertung beeinträchtigt zwar die Chancen an den Kinokassen erheblich, aber Rogen und Goldberg dürften das eher als Auszeichnung verstehen. Ohnehin würde sich wohl kein Jugendlicher in Begleitung seiner Eltern einen Film ansehen, in dem eine Pastinake einen Blowjob kriegt.

Im Video: Filmtrailer zu "Sausage Party"

"Sausage Party"

    USA 2016

    Regie: Conrad Vernon, Greg Tiernan

    Drehbuch: Seth Rogen, Evan Goldberg, Kyle Hunter, Ariel Shaffir

    Synchronstimmen (deutsche Fassung): Tobias Kluckert, Katrin Fröhlich, Tobias Müller

    Synchronstimmen (Originalfassung): Seth Rogen, Paul Rudd, James Franco, Kristen Wiig, Salma Hayek, Edward Norton, David Krumholtz, Jonah Hill

    Produktion: Sony Pictures, Sony Pictures Animation, Point Grey Pictures, et al.

    Verleih: Sony Pictures Germany

    Länge: 89 Minuten

    Start: 6. Oktober 2016

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
H.Yalcin 06.10.2016
1. Alleine der Trailer hat schon ausgereicht um zu entscheiden,
meine Kinder werden diesen Film nicht sehen. Ales ich den Trailer sah, dachte ich wirklich ich seh' nicht richtig. In diesem Alter sollen Kinder unbewusst oder bewusst auf das Thema Sex gedrillt werden. Ich bin schockiert und fassungslos. Erwachsene können sich das anschauen aber Kinder ist dieser Film absolut ungeeignet.
cosmose 06.10.2016
2.
Zitat von H.Yalcinmeine Kinder werden diesen Film nicht sehen. Ales ich den Trailer sah, dachte ich wirklich ich seh' nicht richtig. In diesem Alter sollen Kinder unbewusst oder bewusst auf das Thema Sex gedrillt werden. Ich bin schockiert und fassungslos. Erwachsene können sich das anschauen aber Kinder ist dieser Film absolut ungeeignet.
Und genau deswegen hat der Film in den USA ja ein "R-Rating" bekommen. Das bedeutet nichts anderes, als das Jugendliche unter 18 Jahren den Film nicht sehen dürfen. Hier wird vermutlich FSK16 rausspringen, wie bei South Park auch. Ich verstehe allerdings ihre Fassungslosigkeit nicht. Wenn doch von vornerein klar ist, dass der Film für Kinder nicht geeignet ist, wo liegt dann Ihr Problem?
cindy2009 06.10.2016
3. Fsk
Zitat von H.Yalcinmeine Kinder werden diesen Film nicht sehen. Ales ich den Trailer sah, dachte ich wirklich ich seh' nicht richtig. In diesem Alter sollen Kinder unbewusst oder bewusst auf das Thema Sex gedrillt werden. Ich bin schockiert und fassungslos. Erwachsene können sich das anschauen aber Kinder ist dieser Film absolut ungeeignet.
Der ist ab 16 freigegeben! Nix mit Kinder bewusst drillen.
benmartin70 06.10.2016
4.
Zitat von H.Yalcinmeine Kinder werden diesen Film nicht sehen. Ales ich den Trailer sah, dachte ich wirklich ich seh' nicht richtig. In diesem Alter sollen Kinder unbewusst oder bewusst auf das Thema Sex gedrillt werden. Ich bin schockiert und fassungslos. Erwachsene können sich das anschauen aber Kinder ist dieser Film absolut ungeeignet.
Wer lesen kann ist klar im Vorteil...... Was ein R-Rating ist wissen Sie schon, oder? Und nebenbei: nicht jeder Animationsfilm ist ein Kinderfilm.
dissidenten 06.10.2016
5. @1
Es gibt schon länger Animationsfilme, die nur für Erwachsene gedacht sind. Man kann Sausage Party einen bescheidenen Humor unterstellen, aber warum man gleich immer empört sein muss...
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