Erotikdrama "Schau mich nicht so an" Leck mich!

Wo der Film zu sehen ist, sorgt er für extreme Reaktionen: Uisenma Borchus "Schau mich nicht so an" handelt vom Spiel um Begierde und Besitzergreifung. Rigoroses, explizites, erotisches Kino.


Die Filmemacherin Uisenma Borchu schildert in "Schau mich nicht so an" einen erotischen Machtkampf zwischen zwei jungen Großstadtfrauen. Fernsehredakteure und Filmförderer wollten für das Werk kein Geld ausgeben - dann gewann es den Bayerischen Filmpreis. "Als Frau im Regieberuf hört man erschreckende Argumente", sagt die Regisseurin.

Wenn sie es sich leichter hätte machen wollen mit ihrem ersten Spielfilm, dann hätte Uisenma Borchu aus der Geschichte ihrer eigenen Kindheit ein Drehbuch fabriziert. Sie hätte davon erzählt, wie sie als Fünfjährige im Jahr 1989 mit ihren Eltern - die Mutter Lehrerin, der Vater Künstler - aus der Mongolei in die DDR gezogen ist. Wie sie in der Kleinstadt Staßfurt in Sachsen-Anhalt aufwuchs, wie sie und ihre Familie nach dem Mauerfall von jungen Neonazis beschimpft und drangsaliert wurden.

Und wie sie als Heranwachsende trotzdem zu verstehen versuchte, "warum Menschen fast zwangsläufig zu Fremdenfeinden werden, wenn ihre Identität durch einen gesellschaftlichen Umbruch zerstört ist", wie Borchu sagt.

Statt Deutschlands Filmförderer mit dieser vermutlich sofort als gesellschaftlich relevant abnickbaren Story zu konfrontieren, hat sich die Filmemacherin Borchu, 32, für ihr eigensinniges, großartiges Spielfilmdebüt "Schau mich nicht so an" eine Überrumpelungs- und Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Frauen ausgedacht.

Sie spielt im heutigen München, Borchu selbst und die Laiendarstellerin Catrina Stemmer verkörpern darin die Hauptrollen. Im Ablehnungsbescheid der Förderer bekam sie gesagt, der Film sei "zu weiblich, zu sexuell, zu radikal'", so berichtet die Regisseurin. "Aber wann soll man radikal sein, wenn nicht im ersten Film?"

Spiel um sexuelle Identität

Man sieht die beiden Heldinnen in "Schau mich nicht so an" sehr oft nackt. Iva (Stemmer) und Hedi (Borchu) leben ein ziemlich freies Leben, die eine zieht allein ein Kind groß, beide nehmen sich manchmal zum Sex einen Mann mit nach Hause und schicken ihn dann kühl wieder weg, beide sind Nachbarinnen und offenbar ohne größere finanzielle Sorgen.

Irgendwann gehen Iva und Hedi miteinander ins Bett und sind eine Weile glücklich miteinander. Dann taucht der Vater von Iva auf, und Hedi probiert ihre Macht aus, indem sie mit dem grummeligen alten Herrn (Josef Bierbichler) eine Affäre anfängt. In kommentarlos eingestreuten Traumbildern sieht man Hedi zwischendurch in der Mongolei herumspazieren, mit der sehr blonden Tochter ihrer Freundin an der Hand. Ein mongolisches Großmütterchen warnt sie: "Hör auf zu spielen."

Fotostrecke

8  Bilder
"Schau mich nicht so an": Ego-Trip in die Lust

Tatsächlich entsteht Borchus Kunst in "Schau mich nicht so an" aus dem geduldigen Zuschauen bei einem Spiel um sexuelle Identität, Begierde und Besitzergreifung. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer auf dem Münchner Filmfest, wo der Film im vergangenen Jahr lief, reagierten überrascht und verstört. Am Ende bekam Borchus Film den Kritikerpreis des Festivals. "Mir geht es nicht um Provokation, sondern um die möglichst genaue Darstellung von Nacktheit und Intimität", sagt die Regisseurin.

Sie hat an der Münchner Filmhochschule HFF Dokumentarfilm studiert und mit Dokumentarwerken angefangen, eines erzählt die Geschichte einer uralten, lebensklugen Geigenlehrerin. In "Schau mich nicht so an" will sie zeigen, wie wenig sich seit Simone de Beauvoirs revolutionären Schriften an den Rollenzwängen der Frau geändert hat. "Besonders darüber, wie Frauen untereinander agieren, wird kaum geredet", sagt Borchu. "Trotz aller angeblichen Fortschritte sind die meisten Frauen heute nicht freier als vor einem halben Jahrhundert."

Stolz, mit verwegenem Blick und stets einer Zigarette zwischen den Lippen, so tritt die Darstellerin Borchu in der Rolle der Hedi dazu an, die Grenzen ihrer Verführungskraft und ihrer Lust am Manipulieren auszutesten. Der Narzissmus, den sie beim Herumalbern mit Ivas Tochter oder beim Tanzen im Fitnessstudio offenbart, ist gut gelaunt und rücksichtslos.

"Sie verhält sich wie ein Macho", behauptet die Regisseurin über ihre Figur. "Sie ist nicht sentimental. Sie nimmt sich einfach, was sie begehrt. Grob, direkt und ehrlich. Das kennt man von einer Frau eher nicht."

"Arthouse-Porno"

Im deutschen Kino sei eine Saison der "verqueren Frauen" angebrochen, hat die Berliner Kritikerin Christiane Peitz kürzlich geschrieben. "Sie ziehen ihr Ding durch, erklären sich nicht, scheren sich nicht um all das Befremden, das ihnen entgegenschlägt." Zu den grandios eigensinnigen Heldinnen, die Peitz meint, zählen unter anderem Lilith Stangenberg im Nicolette-Krebitz-Film "Wild", Claudia Eisinger in Laura Lackmanns "Mängelexemplar" und Sandra Hüller in Maren Adés "Toni Erdmann". Hedi und ihre nur auf den ersten Blick harmlosere Freundin Iva aus "Schau mich nicht so an" gehören sicher auch in diese Kinogalerie weiblichen Draufgängertums.

Borchus Film kam durch schiere Selbstausbeutung zustande, gekostet hat er 25.000 Euro. Er hat der Regisseurin den Bayerischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie eingebracht, aber auch ein paar Beschimpfungen; eine Fernsehredakteurin nannte "Schau mich nicht so an" einen "Arthouse-Porno". Ähnliches hat man über die Filme der französischen Regisseurin Catharine Breillat ("Romance") gesagt, die Borchu als eines ihrer Vorbilder nennt - insofern lässt sich der Porno-Vorwurf als Kompliment begreifen. Unsinn ist er trotzdem.

Anders als Breillats bewusst rohes, gewalttätiges, stets am Rande des Erträglichen entlangrasendes Sexualkino zeigt Borchus Film nie den expliziten Vollzug; statt für die Lust und die Scham der körperlichen Vereinigung interessiert er sich für die faszinierende, unerforschliche Verlockungskraft nackter Haut.

"Als Frau im Regieberuf muss man härter kämpfen als ein Mann. Und man bekommt erschreckende Argumente zu hören", sagt Uisenma Borchu. Demnächst will sie bei Sendern und Förderern mit einem neuen Spielfilmprojekt antreten. Die Handlung dreht sich um die Kindheits- und Jugendjahre eines aus der Mongolei stammenden Mädchens in der ostdeutschen, von Neonazis bewohnten Provinz in den Neunzigerjahren.

Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn die Fördermenschen in diesem Fall nicht anbeißen.

Im Video: Der Trailer zu "Schau mich nicht so an"

Zorro Film
"Schau mich nicht so an"

    Deutschland, Mongolei 2015

    Buch und Regie: Uisenma Borchu

    Darsteller: Uisenma Borchu, Catrina Stemmer, Josef Bierbichler, Anne-Marie Weisz

    Verleih: Zorro Film

    Länge: 88 Minuten

    FSK: ab 16 Jahren

    Start: 16. Juni 2016

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
noalk 15.06.2016
1. Weibliches Draufgängertum?
Ich bin jetzt mal despektierlich: "Mängelexemplar" ist ein Film über eine Spätpubertierende. So flach wie die literarische Vorlage. Ein Film, den allernfalls Frauen verstehen. "Wild" habe ich nicht und "Toni Erdmann" noch nicht gesehen. Nach meiner Erfahrung machen Frauen oft Filme, die sich - meist unbeabsichtigt - an ein weibliches Publikum richten oder fast nur von diesem wahrgenommen werden. Das liegt aber wohl daran, dass Männer einfach nur wenig Interesse an den Themen haben, selbst wenn sie nicht auf "Fast and Furious", Rambo oder ähnliches Machwerk fixiert sind. BTW: Frau Ade schreibt ihren Namen ohne accent aigu.
From7000islands 15.06.2016
2.
Die Regisseurin Borchu geht mit Männern nicht gerade zimperlich um. Sozusagen "Wegwerfware". Der Trailer zeigt es, zum Liebhaber: "raus hier, habe schon genug Zeit vertrödelt..." diskriminierend. Wenn ein Mann das umgekehrt mit einer Frau tun würde , würde der Aufschrei laut sein > sexistisch. Ansonsten wieder mal ungehemmte Leidenschaft, weil sie offenbar so attraktiv ist in einer Welt, in der man nicht ungehemmt sein darf.
Gerixxx 16.06.2016
3. wahrscheinlich kein schlechter Film
Und dennoch würde mich das Schicksal des Mannes nach dem Rauswurf (siehe Trailer) noch mehr interessieren. Wer ist er? Wie geht er damit um? Was war seine Motivation dort zu sein? Der Film scheint für mich so eher als die Begleitmusik der großen Erweiterung der Kampfzone.
spon-1292345938400 17.06.2016
4. zuviel Schnaps
In dem Film wird deutlich zuviel gesoffen. Und kein Wort dazu in der Kritik. Sex kann man auch ohne haben
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.