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Schauer-Melodram von Almodóvar: Schönheit? Der Horror!

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Frankenstein in Zeiten von Ganzkörper-Tuning und Geschlechts-OP: Mit "Die Haut, in der ich wohne" legt Pedro Almodóvar ein Melodram vor, das trotz schöner Oberflächen von Schmerz und Schuld im Inneren seiner Helden erzählt. Schade nur, dass zu oft der dramaturgische Feinschnitt fehlt.

Nach der ersten Publikumsvorführung in Hamburg ließ der Naturkosmetikhersteller Dr. Hauschka Präsenttütchen mit seinen Produkten an die Besucherinnen verteilen; die Damen waren entzückt. Was für eine Marketingkampagne! Im Anschluss an Pedro Almodóvars Beauty-Horror kann man sich tatsächlich kein schöneres Give-away vorstellen. Denn "Die Haut, in der ich wohne" ist der Versuch eines "Frankenstein"-Updates in Zeiten der Transgender-Chirurgie und Biokosmetik.

Hier wird geschnippelt und genäht, amputiert und appliziert wie in den schönsten Varianten von Mary Shelleys Chirurgen-Schauermär - Wunden, Nähte und Gerinsel gibt es jedoch recht wenige zu sehen. Nach jedem Schnitt wird gecremt und balsamiert, und in Close-up-Bildern, wie man sie aus den frühen, sexuell offensiven Werken Almodóvars kennt, wird der sonderbar makellose Körper des vom Wissenschaftler geschaffenen Geschöpfs abgefilmt. Eingriffe sind hier trotz peniblen Blicks nicht sichtbar, keine Hautreizung weit und breit.

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Transgender-Thriller: Männer, Frauen und das dritte Geschlecht
Und doch: Robert Ledgard (Antonio Banderas), der Doktor in "Die Haut, in der ich wohne", ist ein mad scientist im besten Frankenstein'schen Sinne. Von seiner Haushälterin (Marisa Paredes) lässt er sich in Benzinkanistern frisch abgezapftes Schweineblut anliefern, in rustikalen Kellergemächern versucht er aus tierischen und menschlichen Zellen eine sich selbst generierende neue Form von Haut herzustellen. Und im Obergeschoss seines Anwesens hält er unter strenger Videoüberwachung sein neu zusammengeschraubtes Wesen: die unwirklich schöne Vera (Elena Alaya), die früher mal der Mann Vicente (Jan Cornet) gewesen ist. Dieser Vicente hatte, das macht die Sache richtig kompliziert, einst im Pillenrausch die Tochter des Doktors vergewaltigt und in den Tod getrieben.

Dildos, Dolce und Gabbana

Trotz spitzem OP-Besteck und tropfenden Blutbeuteln bleibt der Horror-Appeal von Almodóvars allround body modification gedämpft: Jeder Schnitt mit dem Skalpell wird konterkariert durch betörend schönen Accessoires; es werden ausgiebig Kosmetikutensilien von Chanel ins Bild gerückt, und die weiblichen Filmfiguren bzw. jene Männer, die im Verlauf der Handlung zu solchen werden, tragen Blumenkleider von Dolce & Gabbana.

Dazu fährt der Regisseur eine ganze Reihe von Verweisen auf verwandte Verwandlungs-, Verstümmlungs- und Fetisch-Klassiker auf: von dem Noir-Krimi "Das unbekannte Gesicht" (1947) mit Humphrey Bogart über Alfred Hitchcocks Blondinen-Kniefall "Vertigo" (1958) bis zu Alejandro Amenábars Horror-Melodram "Öffne die Augen", das 1997 die damals aufstrebende Almodóvar-Stammdarstellerin Penelope Cruz endgültig zum europäischen Arthouse-Star machte.

Die Filmverweise sind also ebenso zahlreich wie die Oberflächenreize. Doch was Almodóvar wirklich interessiert, ist der Schmerz im Inneren seiner Protagonisten, der sich nicht wegoperieren lässt, sondern allenfalls weitergegeben werden kann. Dem Titel zum Trotz: "Die Haut, in der ich wohne" ist ein subkutanes Melodram, ein buchstäblich unter die Haut gehendes, komplexes Ineinanander von Schuld, Scham und Sühne.

Weil seine Frau einst bei einem Autounfall verbrannte, entwickelt der Doktor seine neue unkaputtbare Haut, und als Versuchsobjekt sucht er sich eben ausgerechnet jenen Mann, der seine Tochter vergewaltigt hat. Kann der getriebene Wissenschaftler durch seine Vergewaltigung qua Verwandlung eine Art moralischen Ausgleich für sich und seine Familie herstellen?

Dr. Almodóvar, achten sie auf den Schnitt!

Das wichtigste Mittel bei diesem aberwitzigen Akt von Selbstjustiz: die Penetration. Das dazugehörige männliche Organ wird vom schwulen Filmemacher Almodóvar als Strafinstrument und Zerstörungsgerät gleichermaßen dargestellt. In einer der grausamsten Szenen demonstriert sein Doktor eine Batterie nach Größe gestaffelter Dildos, mit denen der von ihm zwangsvaginalisierte Tochtermörder das neue Geschlechtsorgan zu weiten hat. Als das Geschöpf schließlich perfekt verweiblicht (und wie eine Nachbildung seiner verstorbenen Frau) daherkommt, verliebt er sich. Durch den den grausamen körperlichen Umbau, so die rustikale Logik des Dr. Dildo, hat die Jetz-Frau Sühne geleistet für den Mann, der sie einmal gewesen ist.

Riskant, wie Almodóvar in seinem Identitätsspiel sexuelle und moralische Kategorien einander anzugleichen versucht. Oder besser: Wie seine Hauptfigur das tut - und wie dem Regisseur dabei zuweilen die eigenen Bewertungsmaßstäbe abhanden zu kommen scheinen.

Eine extrem knifflige Film-OP - bei der Almodóvar mehr als Schönheitsfehler anzulasten sind: So gelingt es ihm leider nicht, dem wahnhaften Perfektionsdrang seines Chirurgen ein filigran konstruiertes Erzählgerüst entgegenzusetzen. Im Vergleich zu großen, labyrinthischen und perfekt aufgelösten Gender-Verwirrspielen wie "Alles über meine Mutter" (1999) und "La mala Educación" (2004) wirkt seine Frankenstein-B-Movie-Variation mit ihren Rückblenden grob zusammengeflickt.

Überall sieht man die Nähte, die die Erzählpartikel zusammenhalten sollen, teilweise klaffen die verschiedenen Plot-Teile roh auseinander. Da hätte Pedro Almodóvar sich von seinem irren Doktor leiten lassen sollen: Ob Chirurgie oder Thriller-Melodram - worauf es wirklich ankommt, ist der richtige Schnitt.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Spoiler
christiandubaire 20.10.2011
Zum Glück habe ich den Film schon in Spanien gesehen, denn nach diesem Artikel braucht man ihn ja kaum noch zu sehen, wenn man sich nicht nur für die formellen Aspekte interessiert. Der Autor hat ja schon alle „Clous“ und Überraschungsmomente des Films hier breit erklärt. Vielleicht wäre ein „Achtung Spoiler“ bei einigen Passagen wohl angebracht, wenn man Leute auch noch einfach die Spannung an dem Film lassen will.
2. Na vielen Dank auch!
Mulle, 20.10.2011
Ich hatte mich sehr auf den Film gefreut, aber wie mein Vorschreiber schon angemerkt hat: Eigentlich kann ich mir den Kinobesuch jetzt sparen, dank des Artikelschreibers kenne ich jetzt den Clou bereits vorher - sowas liebt man doch, wenn man sich auf einen spannenden Filmabend freut! Da kann man schon stinksauer werden - auch hier an dieser Stelle von mir noch einmal der dezente Hinweis auf eine Erfindung namens "SPOILERWARNUNG!!" Dann werde ich mich nach einem anderen Filmchen umsehen und die Spiegel-Artikel zum Kino-Geschehen in Zukunft meiden... in der Hoffnung, den Film dann genießen zu können, ohne vorher schon alles zu wissen.
3. Kann mich meinen Vorrednern nur anschließen
evenstephen 20.10.2011
Bin auch ziemlich erbost, dass hier offensichtlich mehrere entscheidene Plot-Twists einfach freimütig von der Leber weg in die Rezension eingebaut wurden - das gehört sich nicht. Auch wenn die neuesten Erkenntnisse zeigen, dass das Vermeiden von Spoilern überwertet wird - ich lasse mich gerne auch von der Handlung eines Films überraschen. Das kann ich im Falle dieses Films jetzt wohl schön vergessen.
4. Alles verraten
Ceasarius 20.10.2011
Ich kann dem nur zustimmen. Die Spannung ist raus. Ich habe den Film auch auf Spanisch gesehen (obwohl ich fast gar kein Spanisch spreche). Es kann daher sein, dass diese Wendung schon am Anfang irgendwo verraten wird, das glaube ich aber nicht. Der Film war dramaturgisch so aufgebaut, dass die Offenbarung den Schock bringt. Ich war ganz umgehauen! Ich habe Herrn Buß eine Email geschrieben und ihn gebeten, entweder einen Spoiler-Hinweis anzubringen oder die Textstellen umzuschreiben. Vielleicht macht er's ja. Ansonsten wäre es echt super schwach von einem Filmkritiker, die gesamte Spannung vorher kaputt zu machen. Das ist schlimmer, als die heftigste Filmkritik. Hoffentlich wird der Artikel nicht zu oft gelesen....
5. Augen zu!
pqkpaa 20.10.2011
Zitat von MulleIch hatte mich sehr auf den Film gefreut, aber wie mein Vorschreiber schon angemerkt hat: Eigentlich kann ich mir den Kinobesuch jetzt sparen, dank des Artikelschreibers kenne ich jetzt den Clou bereits vorher - sowas liebt man doch, wenn man sich auf einen spannenden Filmabend freut! Da kann man schon stinksauer werden - auch hier an dieser Stelle von mir noch einmal der dezente Hinweis auf eine Erfindung namens "SPOILERWARNUNG!!" Dann werde ich mich nach einem anderen Filmchen umsehen und die Spiegel-Artikel zum Kino-Geschehen in Zukunft meiden... in der Hoffnung, den Film dann genießen zu können, ohne vorher schon alles zu wissen.
Aha! Sie fühlen sich durch den SPIEGEL überinformiert? Darüber beklagen Sie sich? - "Gefällt mir!" Daumen hoch!
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Die Haut, in der ich wohne

Spanien 2011

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Darsteller: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Blanca Suárez

Produktion: Agustin Almodóvar

Verleih: Tobis Filmverleih

FSK: ab 16 Jahren

Länge: 121 Minuten

Start: 20. Oktober 2011


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