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Nachruf auf Gottfried John: Mit "Schlägervisage" zum Fassbinder-Gesicht

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Römischer Diktator bei Asterix, fieser Oberst bei 007: Seine kantigen Züge, seine tiefe Stimme und sein grimmiger Blick machten den Schauspieler Gottfried John weltberühmt. Mit 72 Jahren ist er nun bei München an Krebs gestorben.

Gottfried John: Der Helden das Fürchten lehrte Fotos
DPA

Zu den kleinen Ungerechtigkeiten des Lebens gehört es, jemanden, dem das Gesicht von Schlägern verunstaltet wurde, selbst eine "Schlägervisage" zu nennen. Gottfried John musste früh lernen, mit seiner "faszinierend hässlichen Fresse", wie ein Kritiker das einmal wohlwollend nannte, zu leben.

Ausweislich seines autobiografischen Romans "Bekenntnisse eines Unerzogenen" klagte er schon als 17-Jähriger: "Ich kann mich doch selber nicht im Spiegel ansehen. Keiner hat so eine zerknautschte Schnauze mit Schlitzaugen und eine Stirn wie ein Neandertaler! Und das auf so einem langen, dürren Gerippe!"

Es hat unter den deutschen Schauspielern von Rang auch keiner eine so zerknautschte Biografie wie Gottfried John. Geboren wurde er 1942 als Sohn einer heillos überforderten Mutter: "Mein Vater, den ich nie kennengelernt habe, war damals der Geliebte meiner Mutter", erzählte er 2000 im Interview mit dem SPIEGEL. "Ihm wollte sie ein Kind schenken. Er hat das Geschenk nicht angenommen. Und so zogen wir halt allein durch die Lande." Die Johns führen ein nomadisches Leben, die Mutter weist die wichtigste Rolle ihres eigenen Lebens lapidar von sich: "Ich bin keine Mutter, ich weiß nicht, wie man das macht, entscheide du."

Zunächst entschied der Staat, dieser Mutter das Sorgerecht zu entziehen - und dem aufsässigen John in Erziehungsheimen ein wenig Moral beizubringen. Geblieben ist ihm von diesem Eingriff der Obrigkeiten eine doppelt gebrochene Nase, eine deshalb auch tiefere Stimme und schlechte Erinnerungen. Als Jugendlicher flieht er aus dem Heim und schlägt sich zu seiner Mutter nach Paris durch, wo nun beide wieder in Armut leben. Immerhin in einem schwimmenden Elendsquartier, einem Kahn auf der Seine.

"Die müssen sehen, dass ich begabt bin!"

Er arbeitet auf dem Bau und verdient ein paar Francs als Pflastermaler. Im Winter besucht er seine erste Schauspielschule, ohne es zu bemerken. Vor der Kälte flüchtet er ins Postamt. Dort tut er stundenlang so, als würde er eine Postkarte schreiben - um von den Beamten nicht auf die Straße gesetzt zu werden.

Sein Idol war James Dean, und so stellte er sich mit 20 Jahren der Aufnahmeprüfung beim renommierten Max-Reinhardt-Seminar: "Ich dachte mir, die müssen sehen, dass ich begabt bin." Aber sie sahen es nicht.

Er rettet sich an Theater in der Provinz, bleibt über Wasser. Und begegnet in Krefeld "einem pickligen Jungen mit zu kurzen Hosen, der sagte, er sei Regisseur und ob wir nicht was zusammen machen sollen". Es ist Hans Neuenfels, der John bald zu den ganz großen Rollen am Theater verhelfen wird. Macbeth, Richard III., Robespierre. Die großen Zerrissenen. In seinem ersten Film ("Jaider - der einsame Jäger") spielt er 1971 gleich die Hauptrolle. Wieder ein Wilder, ein Wilderer in einem am Italo-Western geschulten Heimatfilm. In München dreht "ein fettes, unartiges Kind" interessante Filme und engagiert John für eine fünfteilige Fernsehserie: "Acht Stunden sind kein Tag", der Regisseur ist Rainer Werner Fassbinder.

Der Star, der stempeln geht

Aber wer aus der Dunkelheit kommt, der muss sich länger an die Helligkeit gewöhnen. Und so zieht sich John wieder zurück, bezieht Arbeitslosengeld. Der "Stern" macht sich lustig über den "Star, der stempeln" geht, aber John schreibt über diese Zeit: "Ich habe damals gemerkt, dass alle anderen verrückt sind." Fassbinder immerhin ist verrückt genug, auf John nicht verzichten zu wollen. Und holt den Nomaden für acht weitere Filme zurück, die alle dessen Ruhm mehren. "Welt am Draht", dieser irre Vorläufer der "Matrix", aber auch die "Die Ehe der Maria Braun", "Lili Marleen" oder das monumentale "Berlin Alexanderplatz", wo er den düsteren Reinhold spielt. Diese "Schlägervisage", sie ist längst ein Fassbinder-Gesicht.

Und wie andere ehemalige Darsteller von Fassbinder reüssiert er in den folgenden Jahren auf allen Bühnen. Auf denen des Theaters, im Fernsehen und im Kino. In "Ein Fall für zwei"-Folgen ist er ebenso zu sehen wie im "Tatort", in "Otto - der Film", "Polizeiruf 110" oder Doris Dörries "Bin ich schön?" 1995 schließlich erklimmt er so etwas wie das Hochplateau der Kino-Unterhaltung - und spielt den ehemaligen sowjetischen General Ourumov in der 007-Verfilmung "Golden Eye". Die Dreharbeiten empfindet er als unangenehm nüchtern, zu seiner Rolle sagt er: "Ich bin sicher, dass Bond auch diesmal siegen wird."

Tatsächlich ist John seitdem nicht mehr die "Schlägervisage" und auch nicht das Fassbinder-Gesicht - sondern ein Bond-Bösewicht in der stolzen Tradition von Gert Fröbe, Curd Jürgens oder Klaus Maria Brandauer. Besonders geehrt aber fühlte er sich durch die Franzosen, die ihm in der Comic-Adaption "Asterix und Obelix gegen Caesar" die eher komische Rolle des römischen Diktators anvertrauen. Im langjährigem Exil in der belgischen Abgeschiedenheit entstanden seine "Bekenntnisse" und der Roman "Das fünfte Wort", mit dem er sich auf seine späten Tage noch als berührender Erzähler entpuppte. Erst 2008 übersiedelte er mit seiner Frau an den Ammersee.

Dort erlag Gottfried John am Montag seinem Krebsleiden. "Ich habe in so vielen verschiedenen Leben gelebt und weiß, dass jedes so aussieht, als wäre es das scheinbar richtige", schrieb er einmal. Es ist davon auszugehen, dass er alle diese verschiedenen Leben richtig gelebt hat.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Ein Cineast aus Leidenschaft
Listerholm 02.09.2014
bin ich und gerade deswegen kein berufener Kritiker. Ich habe John nur einmal -aber da wirklich als Naturereignis- wahrgenommen: Als sowjetischen Oberst in "Golden Eye". Das hat mich vollkommen überzeugt. Und die "Visage" hat sich mir eingeprägt. Ich werde mir nun auch noch andere Filme mit ihm ansehen. Ein großer Mime. Ruh im Frieden!
2.
scwfan06 02.09.2014
Er war einfach eine Marke. Bzw. seine Nase ;) . Ein Klasse Schauspieler. Möge er in Frieden ruhen.
3. R.i.p.
h.grünspan 02.09.2014
Ein guter Mann.
4. 2.9.1
smsderfflinger 02.09.2014
Das macht mich traurig. Er spielte in der Bestenliga. Farewell Gottfried John D
5. Gottfried John
schneegrauchen 02.09.2014
war fur mich immer etwas Besonderes. Ein Charakterdarsteller, der mich berühren, fassen konnte. Er hatte "was". Meine Meinung nach wird die Welt ohne ihn wirklich etwa ärmer sein, seine Kunst der Darstellung wird heute nicht mehr von vielen gekonnt.
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