Schauspieler Hanno Koffler Der Mann für deutsche Männlichkeit

Männer sind eindimensional? Nicht, wenn Hanno Koffler sie spielt. Härte und Verletzlichkeit sind die Pole, zwischen denen sich seine Rollen bewegen, auch in seinem neuen Film "Treppe aufwärts". Begegnung auf einem Friedhof.

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Der Weg zu Hanno Koffler führt vorbei an Grabsteinen und efeuumrankten Familiengruften. Der Schauspieler hat sich fürs Treffen mit SPIEGEL ONLINE einen Ort mitten in Kreuzberg ausgesucht, den Dreifaltigkeitsfriedhof an der Bergmannstraße. Koffler ist Berliner, er wohnt um die Ecke, aber dieser Ort hat noch eine andere Bedeutung für ihn. Im Sommer 2004 saß er hier jeden Tag und lernte Texte für die Aufnahmeprüfung am Wiener Max-Reinhardt-Seminar: Shakespeares Romeo, Büchners Woyzeck, Biff Lomann, den Football spielenden Sohn aus Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden." Koffler nennt sie alle "klassische Männerrollen".

Koffler wurde genommen, doch klassisch sind die Männerollen seitdem nicht geblieben. Kaum ein deutscher Schauspieler arbeitet sich in seinen Filmen so regelmäßig an unterschiedlichen Männlichkeitsbildern ab wie Koffler, kaum einer bewegt sich mit seinen Figuren so gekonnt im Spannungsfeld von äußerer Härte und innerer Verletzlichkeit.

"Zerstörerische Impulse und negative Energien gibt es auch in mir", sagt Koffler. Die Auseinandersetzung mit existenziellen Konflikten und unseren tiefliegenden Ängsten sei ein großes Thema für ihn. Vielleicht ist er deshalb prädestiniert für Rollen, die sich aus Aggressionen speisen. Die äußere Härte bringt er von Natur aus mit, über die schiere Physis: Muskulöse Figur, kantiges Kinn und wenn es sein muss, hat Koffler Blicke drauf, vor denen man sich fürchten muss.

Zweimal Zeitsoldat, einmal Präzisionsschütze

"Härte" hieß auch der Film, für den er im vergangenen Jahr für den Deutschen Filmpreis nominiert war. In Rosa von Praunheims Biopic über den einstigen Zuhälter und späteren Kampfsportler Andreas Marquardt, Spitzname "Karate Andy", gab Koffler den Schlägertypen. Als Kind von der Mutter sexuell missbraucht, verschanzt sich seine Figur hinter Frauenhass, selbst die eigene Freundin wird auf den Strich geschickt

Bei den Dreharbeiten zu "Härte" brach sich der Schauspieler eine Rippe. Er schont sich nicht für Rollen, denn auch seine Figuren treiben ihren Körper bis an die Grenzen, er ist ihr Werkzeug. Vor dem Kampfsportler Marquardt spielte Koffler zweimal einen Zeitsoldaten, anschließend einen Bereitschaftspolizisten, später den Präzisionsschützen eines Waffenkonzerns. Kernige Typen, doch allesamt mit inneren Rissen, die häufig in Gewalt münden.

Seit Donnerstag läuft Kofflers neuester Film in den Kinos. Diesmal spielt er keinen Kämpfer oder Krieger, sondern einen Spieler. In "Treppe aufwärts" ist die Aggression weniger laut und brutal, eher still und subtil. Ein inneres Brodeln, das sich in Kofflers Blicken und Bewegungen zeigt, in seinen angespannten Kiefermuskeln. Der Film ist ein schonungsloses, dabei aber erfreulich ruhig erzähltes Familiendrama über die weitverbreitete, doch selten thematisierte Krankheit Spielsucht.

"Um den Rock'n'Roll zu leben"

Um die Schulden seines Vaters abbezahlen zu können, manipuliert der von Koffler gespielte Adam in Casinos Automaten. Zur Vorbereitung auf die Rolle verbrachte er selbst viel Zeit in Spielhöllen, hat Atmosphäre und Geräusche aufgesaugt und sich mit dem Gefühl von Scham auseinandergesetzt. Wie ist es, wenn man Geld verliert? Und wie, wenn man mal ein paar Euro gewinnt? Gerät man zwangsläufig in einen Spielrausch? "Ich selbst bin meinen Süchten noch nicht verfallen", sagt Koffler, "aber ich kann sehr gut nachvollziehen, wie so etwas passiert."

Von der Zusammenarbeit mit Regisseurin Mia Maariel Meyer schwärmt Koffler in höchsten Tönen. Sie habe es verstanden, genau hinzusehen und zuzuhören, und ein Gefühl dafür gehabt, wann ein Wort oder eine Geste ehrlich gemeint war und wann nicht. "Sie ist empfindsamer als viele ihrer Kollegen", lobt Koffler die junge Filmemacherin, die mit "Treppe aufwärts" ihr Debüt vorlegt.

Kofflers eigener Weg zum Film verlief nicht geradlinig. Aufgewachsen im bürgerlichen Berliner Stadtteil Charlottenburg, stand er mit neun Jahren zum ersten Mal auf der Bühne des Schiller-Theaters. Im Jahr der Wiedervereinigung zog die Familie nach Stendal in Sachsen-Anhalt. Auch dort: Jugendtheater, und die erste Hauptrolle. "Damals war mir klar: Ich will zum Theater", sagt Koffler heute. Mit 17 brach er die Schule ab und ging zurück nach Berlin, "um den Rock'n'Roll zu leben".

Niederlage an der Schauspielschule

Kurz darauf schaffte es Koffler beim Vorsprechen an der Schauspielschule Ernst Busch bis in die letzte Runde. Dort habe er es "total verkackt". Anschließend nahm ihn Dozent Veit Schubert zur Seite. Selbstbewusst bis zur Arroganz sei er rübergekommen, habe Schubert ihm gesagt. Trotzdem solle er es im nächsten Jahr noch mal versuchen. Doch Koffler, eingeschüchtert, kam nicht wieder.

Stattdessen rückte zunächst die Musik in den Mittelpunkt. Bei "Kerosin", der Rockband seines älteren Bruders, saß Koffler am Schlagzeug. Geld verdiente er im Nachtleben, bis er mal bei einem Werbedreh mitmachte. "Darüber bin ich in einen Kurzfilm geschlittert. Der kam genau richtig nach der Niederlage an der Ernst Busch."

Das Selbstvertrauen war zurück. "Frech wie Sau" stellte sich Koffler bei einer Schauspielagentur vor. Es folgten erste Nebenrollen in Kinofilmen, etwa in Marco Kreuzpaintners Coming-out-Geschichte "Sommersturm". Einen selbstbewussten schwulen Ruderer spielte Koffler da. Zu einer Zeit, als selbstbewusste Schwule im Mainstreamkino die Ausnahme waren. Anschließend Wien, eine intensive, mitunter schmerzhafte Zeit.

"Eine geballte Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Leben und der Kunst" sei das Studium gewesen, sagt Koffler rückblickend. "Ich fand es aufregend, wie man sich da auseinanderpuzzelt und dann wieder mühsam zusammensetzt." In Wien wurde Koffler Vater, er spielte am Burgtheater. Auch wie man sich einer Rolle nähern kann, lernte er. Collagen gehören für ihn dazu.

Mixtape für die Filmrolle

Für einzelne Rollen sammelt er Postkarten und Fotos aus dem Internet oder aus Zeitschriften. Während der Vorbereitung auf einen Film entsteht so ganz nebenbei ein Kunstwerk. "Auf gewisse Bilder springe ich an, sie können für ein Ereignis im Film stehen oder für die Beziehung zu einer anderen Figur." Koffler klebt sie dann in sein Rollenbuch und macht sich Notizen zu ihnen. Auch mit Musik arbeitet der Schauspieler: Für "Freier Fall" stellte er sich ein Mixtape mit Liedern zusammen, die den emotionalen Verlauf seiner Figur wiedergaben.

In dem Drama von 2013 spielt Koffler einen erfolgreichen Polizisten mit schwangerer Freundin und Eigenheim in Süddeutschland. Als er sich in einen Kollegen verliebt, wird sein Leben aus der Bahn geworfen. Der schwule Polizist: Wieder so eine Koffler-Rolle, in der es um männliche Selbstfindung geht.

Die Wucht von Kofflers Spiel liegt weniger im Alphatiergehabe seiner Figuren als in den Zweifeln, mit denen sie zunehmend zu kämpfen haben. Im Fernsehfilm "Nacht vor Augen" wird ein kriegstraumatisierter Afghanistan-Heimkehrer zum Bettnässer und zum Fremdkörper für Freunde und Familie. In "Meister des Todes" verliert ein treuer Angestellter den Glauben an die Integrität seines Arbeitgebers, als er von dessen illegalen Waffengeschäften erfährt. Es sind Erschütterungen in vermeintlich unerschütterlichen Typen, die Koffler interessieren und die er derart glaubhaft verkörpert, dass sie geradezu erlebbar werden.

"Freier Fall" erntete überaus positive Kritiken und Hanno Koffler seine erste Filmpreisnominierung. Eine Fortsetzung ist geplant, das Drehbuch aber noch nicht geschrieben. Sollte es dazu kommen, wird wohl auch Max Riemelt wieder mit dabei sein, Kofflers Filmpartner und guter Freund. Doch vorher steht noch ein anderes Projekt auf dem Plan: Die Zusammenarbeit mit Mia Maariel Meyer fand Koffler so inspirierend, dass er gemeinsam mit ihr sein erstes Drehbuch schrieb. "Die Saat" lautet der Arbeitstitel des Films, Koffler wird darin die Hauptrolle spielen. Seinem Thema bleibt er treu: Am Beispiel eines anfangs noch friedliebenden Familienvaters geht es um die Entstehung von Gewalt.

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