Schauspieler Russell Crowe: "Das Gift des Zynismus breitet sich aus"

Als Hollywood-Star weiß er, wie es ist, Opfer der Medien zu werden - in dem Thriller "State of Play" spielt er jetzt selbst einen Reporter, der in ethische Konflikte gerät. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Russell Crowe, warum Journalisten wieder mehr für ihre Glaubwürdigkeit tun müssen.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich sollte Brad Pitt die Hauptrolle in dem Journalisten-Thriller "State of Play" übernehmen. Wie kamen letztlich Sie dazu, den Part zu spielen?

Crowe: Vorletzten Sommer, als ich nach langen Drehreisen endlich wieder daheim in Australien war, rief plötzlich jemand von Universal Pictures an. Das ist nicht irgendeine Firma für mich, sondern nach gemeinsamen Projekten von "Gladiator" bis "American Gangster" ein Studio voll echter Freunde. Sie erklärten, wie sie nach Brads Absage in der Klemme steckten und verwiesen mich auf die früheren Filme von Regisseur Kevin McDonald, deren Qualität ich beim besten Willen nicht ignorieren konnte. Und schickten mir schließlich das "State of Play"-Script. Schwupps, schon flog meine Urlaubsplanung aus dem Fenster.

SPIEGEL ONLINE: Sie mochten den Stoff sofort, obwohl Sie als extrem wählerisch gelten?

Crowe: Ich folge seit Jugendtagen einer Grundsatzregel: Wenn ich beim Lesen eines Drehbuches eine physische Reaktion verspüre, ob ich nun Gänsehaut bekomme oder Tränen meine Augen füllen, dann ist das der Job, den ich annehmen muss. Ich fühle mich dazu gezwungen - aus Respekt vor den Göttern des Filmes. Das ist und bleibt der zentrale Grund, dessentwegen ich in dieser Branche bin: Um Geschichten zu erzählen, die mich emotional berühren.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie eine besondere Beziehung zu der Figur des Journalisten Cal McAffrey, nachdem Sie diesen Berufsweg als junger Mann selbst einmal erwogen hatten?

Crowe: Nicht nur das - ich habe in den letzten 30 Jahren auch regelmäßig vor Journalisten gesessen und durch Beobachtungen viel charakteristisches Material sammeln können. Persönlich wurde ich von der Presse gepriesen, verrissen und betrogen, ich habe Freunde finden dürfen und so manche schmutzige Attacke aushalten müssen. Mein Bild der Medien ist differenziert, das können Sie mir glauben. Daher war es mir wichtig, in "State of Play" keine Heldenfigur zu spielen, den Journalisten als ehernen Aufklärer. Sondern einen Mann, der nicht nach den ethischen Regeln lebt, von denen er spricht - weil er auch nur ein Mensch ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie mögen Journalisten nicht besonders, oder?

Crowe: Doch! All das hat mich nie von meiner Grundsatzhaltung abgebracht, dass der Journalismus im Kern eine noble Profession ist. Wenn sie ernst genommen wird. Wenn also ein Reporter seine Arbeit selbstkritisch angeht, eine erste, zweite und dritte Fassung eines Artikels schreibt, und versucht, wenigstens ein gewisses Level an Objektivität zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die meisten Reporter nehmen es mit der Faktentreue Ihrer Meinung nach nicht so genau?

Crowe: Zu glauben, dass ein Journalist immer der Objektivität verpflichtet sein könne, ist einfach Bullshit. Wir haben alle unsere Fehler und Vorlieben - und das ist in Ordnung. Guter Journalismus gehört für mich unter das Dach der kreativen Künste, wenn man diesen Begriff nicht zynisch, sondern puristisch versteht. Ich erwarte, dass ein Autor persönlich so involviert ist wie ein Maler oder ein Filmemacher, weil nur mit dieser Haltung die beste Arbeit entsteht. Gleichwohl ist mir bewusst, dass die Umstände des Berufes den individuellen Anspruch von Reportern verwässern können. Seien es Zeitdruck oder boshafte Redakteure, die nach einem flüssigen Mittagessen routiniert das Herz aus einer Story reißen, damit sie besser auf Seite fünf neben die Anzeige für Frauenunterwäsche passt.

SPIEGEL ONLINE: "State of Play" zeichnet ein kritisches Bild des Kommerzdenkens in der Medienbranche.

Crowe: Wenn es eine Krise im Journalismus gibt, dann wurde sie von Journalisten heraufbeschworen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Crowe: Nachrichten sind seit Jahrzehnten sukzessive trivialisiert worden. Es wurde zugelassen, dass die Grenze zwischen Fakten und Unterhaltung verschwamm, um höhere Auflagen oder bessere Quoten zu erzielen. Sie können jede Zeitung nehmen, ungeachtet ihrer Reputation, und werden immer Seiten finden, von denen die Verantwortlichen wissen, dass sie nichts als Banalität liefern. Zwischen Artikeln über den Treibhauseffekt oder Politik findet man überall Stücke, die zum Vergnügen der Leser gedacht sind und auf dürrer Faktenlage über das Privatleben von prominenten Zeitgenossen berichten. Das läuft dann unter "Vermischtes", man schmunzelt vielleicht und hinterfragt die Seriosität der Quellen gar nicht mehr. Doch wen interessiert es, wer sich gerade scheiden lässt oder was in der Handtasche von LeAnn Rimes steckt?

SPIEGEL ONLINE: Möchten Sie dem Leser das Interesse an Personen des öffentlichen Lebens absprechen?

Crowe: Natürlich nicht, aber an breiter Front werden inzwischen Fakten durch Spekulationen oder Innuendo ersetzt. Man druckt Zitate von Informanten weltweit ohne jede Glaubwürdigkeit nach, in meiner Branche geschieht das täglich. Und weil es dann eben überall steht, können das Redakteure im Zweifelsfall zu ihrer Verteidigung vorbringen. Doch sobald man diesen laxen Umgang mit der Wahrheit bei Sportlern oder Schauspielern ins Blatt kriechen lässt, steht die Tür offen für einen ähnlichen Umgang mit Präsidenten, nicht wahr? Das Gift des Zynismus breitet sich aus. Plötzlich ist eine Generation von Lesern geschaffen, die Nachrichten nicht mehr komplett vertrauen kann, weil sie an Trivialität gewöhnt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Verantwortung tragen Künstler in diesem Klima? Sie selbst haben etwa kürzlich mit "Der Mann, der niemals lebte" einen Film über den Nahen Osten gedreht, der letztlich fiktionales Entertainment war, aber auch jenen Zuschauern ein Bild über die Region lieferte, die sich anderweitig nicht informieren.

Crowe: In der Filmbranche sollte sich jeder darüber im Klaren sein, dass zwischen Oslo und Orange County verinnerlicht wird, was immer wir auf der Leinwand zeigen. Kein Regisseur sollte sich hinter dem Argument der Fiktion verstecken dürfen, wenn er ein seriöses Thema aufgreift. Die Wirkung von Bildern und Dialogen auf den Zeitgeist ist massiv. Ich selbst kann nur auf meine eigene Karriere blicken und versuche immer, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Manchmal ist man mit dem Endresultat nicht zufrieden, in anderen Fällen erreicht man tatsächlich etwas.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Crowe: Nehmen Sie einen meiner früheren Filme, "Romper Stomper", eine wahre Geschichte über Neonazis und Skinheads in Melbourne. Deren Bewegung ist damals durch uns förmlich gekillt worden. Das Publikum fühlte sich angezogen von einem Stoff, der ja durchaus mit Adrenalin und Dramatik lockte - doch am Ende der Story war jeder der Protagonisten tot oder im Gefängnis. Die visualisierte Gewalt war notwendig, doch sie wirkte abstoßend und lud nicht zum Nachahmen ein. Dieser Debatte muss sich eine Branche immer wieder stellen, die Gewalt leider oft auch außerhalb eines moralischen Kontextes als Lockmittel nutzt. Es ist eine fortwährende Diskussion, die zwangsläufig die Frage nach Grenzen der künstlerischen Freiheit aufwirft. Ich habe auch nicht alle Antworten. Doch bei der Wahl meiner Projekte versuche ich nie zu vergessen, wie kraftvoll das Medium ist, dessen wir uns bedienen.

SPIEGEL ONLINE: In Folge der Finanzkrise wird vielerorts die Befürchtung laut, dass Hollywood ernstere Produktionen künftig meiden und verstärkt auf Eskapismus setzen wird. Ihre Meinung?

Crowe: Ich denke, das Gegenteil wird der Fall sein. Sicher, wir erleben einerseits den Boom der Eventfilme, bei dem auch noch die letzte obskure Comicfigur auf Leinwandgröße aufgeblasen wird. Aber insbesondere in Folge des Regierungswechsels in Amerika entsteht gerade ein ermutigendes Klima, in dem die Menschen mehr über ihre Überzeugungen, Leidenschaften und Sorgen sprechen. Man spürt, wie satt es die Leute haben, mit trivialen Häppchen gefüttert zu werden, ob in den Medien oder in der Populärkultur. Ich glaube, Hollywood wird dem verstärkt Rechnung tragen. Wenn nicht aus innerer Überzeugung, dann doch aus ökonomischem Interesse, um dieses hungrige Publikum nicht endgültig zu verlieren.

Das Interview führte Roland Huschke

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insgesamt 18 Beiträge
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1. ...
Roque Spiegel 22.06.2009
Zitat von sysop*Als Hollywood-Star weiß er, wie es ist, Opfer der Medien zu werden* - in dem Thriller "State of Play" spielt er jetzt selbst einen Reporter, der in ethische Konflikte gerät. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Russell Crowe, warum Journalisten wieder mehr für ihre Glaubwürdigkeit tun müssen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,631718,00.html
Russell Crow, der australische Ernst August Prinz von Hannover als Opfer der Medien? Mir kommen die Tränen ;-)
2. ...
Crysis 22.06.2009
Die Glaubwürdigkeit des Mainstream-Journalismus ist doch spätestens seit 9/11 nicht mehr vorhanden. Der Spiegel trägt natürlich seinen Teil bei! Zitate von David Rockefeller: * „Wir sind der Washington Post, der New York Times, dem Time Magazine und anderen großen Publikationen dankbar, deren Chefredakteure an unseren Treffen in der Vergangenheit teilnahmen und die Zusage der Vertraulichkeit fast 40 Jahre lang respektierten. ...” * „Es wäre für uns nie möglich gewesen, einen Plan für die Welt zu entwickeln, wenn wir während dieser Jahre im Licht der Öffentlichkeit gestanden hätten. Aber die Welt ist auf einem komplexen und vorbereiteten Weg hin zur Weltregierung. Die supranationale Souveränität einer intellektuellen Elite und der Welt-Bankiers ist sicherlich der nationalen Souveränität der letzten Jahrhunderte vorzuziehen.“
3. Schlagfertig
K. S. 22.06.2009
Zitat von Roque SpiegelRussell Crow, der australische Ernst August Prinz von Hannover als Opfer der Medien? Mir kommen die Tränen ;-)
Russel Crow ist nun mal eine schlagfertige Persönlichkeit. ;-)
4. -
Willie 22.06.2009
Zitat von sysopAls Hollywood-Star weiß er, wie es ist, Opfer der Medien zu werden - in dem Thriller "State of Play" spielt er jetzt selbst einen Reporter,.....
Zynismus, ein Ideal der Postmoderne.
5. Prima
Svenner80 22.06.2009
Zitat von Roque SpiegelRussell Crow, der australische Ernst August Prinz von Hannover als Opfer der Medien? Mir kommen die Tränen ;-)
Da scheint mal einer aus Hollywood Ahnung vom Thema zu haben, bringt interessante Punkte auf's Papier, prangert auch gerade die Sensationsgier der heutigen Zeit an und dann kommt so ein Hanswurst wie Sie und hat nichts besseres zu tun, als so ein dummes Statement von sich zu geben. Ziemlich armselig. Denken Sie mal ein bisschen nach und versuchen Sie einige Ihrer grauen Zellen für das Nicht-Triviale zu aktivieren.
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