Schauspielerin Kristin Scott Thomas "Sexszenen sind durchweg Choreografie"

Reife Frau schnappt sich jungen Kerl: Für den Film "Die Affäre" hat die Schauspielerin Kristin Scott Thomas die Rolle der distanzierten Aristokratin abgelegt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Britin über sexuelles Erwachen, Familien als Festungen und ihre witzigen Kinder.


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Kristin Scott Thomas: "Die englischste aller Pariserinnen"
SPIEGEL ONLINE: In Frankreich existiert ein ganzes Genre von Filmen über ältere Männer mit jungen Mätressen. Nun spielen Sie eine Ehefrau, die eine Affäre mit einem jüngeren Liebhaber beginnt. Drehen Sie den Spieß um?

Kristin Scott Thomas: Frauen im mittleren Alter haben eben auch ein Leben und verlieben sich. Es ist doch kein Zufall, dass so viele Ehen gerade zu diesem Zeitpunkt zu Ende gehen. Doch von der Leinwand verschwinden die Frauen in den Dreißigern plötzlich und tauchen erst als Großmütter wieder auf.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film "Die Affäre" räumt also mit diesem Frauenbild auf?

Scott Thomas: Ja, hier wird eine Geschichte von Lust und Verlangen erzählt, vom Erwachen einer Frau mittleren Alters, die sich zu einem Bauarbeiter hingezogen fühlt. Es ist die alte schlichte Story - sie will ihn. Und sie sieht in ihm einen Mann, der behutsam ist, nicht sarkastisch, der sie nicht runterputzt oder grob mit ihr umspringt. Und der nicht versucht, sie zu kontrollieren.

SPIEGEL ONLINE: Also das genaue Gegenteil ihres Ehemanns, dem arrivierten Ehrgeizling.

Scott Thomas: Die Protagonistin Susanne stammt aus einfachen Verhältnissen und findet sich wie mit dem Fallschirm abgeworfen in dieser Luxuswelt des leitenden Chirurgen. Die rücksichtslose Art, wie der nun mit dem Arbeiter umgeht, weckt in ihr so etwas wie ein Gefühl von Seelenverwandtschaft. Sie mag ihn. Aus dem Aufflammen wird Liebe und Leidenschaft - am Ende dreht sie durch.

SPIEGEL ONLINE: Die Wandlung liegt also mehr in ihrer Biografie als in der Reaktion auf die beiden männlichen Gegenspieler?

Scott Thomas: Die Geschichte handelt mehr von ihr, mehr noch, es ist ihre Geschichte. Sie wird in ihren Gefühlen völlig irrational: Sie will ihren Liebhaber, das wird zur fixen Idee. Er weiß nicht, wie ihm geschieht, er wird manipuliert.

SPIEGEL ONLINE: Das macht ihre Rolle zum dominanten Part. Können die Männer auf den feministischen Befreiungsschlag reagieren?

Scott Thomas: Hier spielen die Männer die Rolle der Mädels, ich spiele den Part der Männer. So einfach ist das.

SPIEGEL ONLINE: Das Drama spielt im Raum der Familie, ähnlich wie in dem Film "So viele Jahre liebe ich dich". Dort fällt der Satz: "Familie ist wichtig, Familie hilft…" Dennoch misslingt der Brückenschlag; die Frauen, die sie verkörpern, wirken innerhalb der Familien wie eingemauert.

Scott Thomas: Stimmt. Es gibt dieses beinahe autistische Verhalten. Oder jedenfalls bei "Die Affäre" ein Abgleiten, je mehr sich Susanne auf ihre Beute konzentriert. Sie schaltet ab, durchschneidet die Bindungen.

SPIEGEL ONLINE: Das zu spielen, Gefühle ohne Sprache, ist das eine besondere Herausforderung?

Scott Thomas: Ich finde es einfach, ohne Worte zu spielen. Mir fällt das leichter. Und Menschen kommunizieren ja mit Schweigen, teilen sich und ihre Gefühle mit, ganz ohne zu reden. Eine meiner Lieblingsszenen zwischen einem Mann und einer Frau stammt aus "Die Brücken am Fluss": Meryl Streep und Clint Eastwood sind gerade dabei, sich zu küssen - da klingelt das Telefon. Er geht zum Kühlschrank und holt ein Bier, sie nimmt das Gespräch an und redet mit dem Nachbarn. Und die ganze Zeit behält sie ihre Hand auf seiner Schulter, eine Geste, die mehr sagt als das ganze Geplapper am Telefon.

SPIEGEL ONLINE: Sie erscheinen oft in der Rolle der ernsthaften, reservierten Person. Schätzen die Regisseure diesen Habitus im Vergleich zu den süßen französischen Schauspielerinnen?

Scott Thomas: In England werde ich als streng, geistreich oder überlegen gecastet, in Frankreich spiele ich in allen Rollen: derzeit vor allem als Mörderin.

SPIEGEL ONLINE: Drücken die Briten Ihnen mit dem Aristokraten-Look einen Stempel auf?

Scott Thomas: Sie wissen, dass man damit Geld machen kann. Glücklicherweise habe ich aus diesem Muster ausbrechen können, dank der Rollen in Frankreich und dank Theater-Arbeit. Und selbst in England habe ich mit "Mord im Pfarrhaus" mal einen wirklich lustigen Film gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr "ernster Look", mit dem sie sich selbst einmal beschrieben, ist also mehr Fluch als Vorteil?

Scott Thomas: Ich sehe aus, wie ich bin.

SPIEGEL ONLINE: Das kann aber sehr verschieden sein...

Scott Thomas: ...was zur englischen Seite meiner Schauspielerei gehört: Da will ich die Frisur ändern, eine komische Perücke aufsetzen oder eine große Nase. Französinnen im Kino wollen das nicht. Die wollen schön aussehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zum ersten Mal seit einigen Jahren wieder freizügige Sexszenen gespielt. War das schwierig?

Scott Thomas: Es erfordert Mut. Aber letztlich zählt doch die Professionalität, ob Sexszenen oder Schlägereien. Es ist durchweg Choreografie. Regie und Kamera schreiben vor, was und wie zu spielen ist. So wie man mir zeigt, wie in einem Handgemenge ein Schlag aussehen soll, als täte er weh.

SPIEGEL ONLINE: Was zählt, ist die schauspielerische Technik?

Scott Thomas: Gewiss. Ich wurde gelobt für die Sexszenen - da sage ich Dankeschön.

SPIEGEL ONLINE: So, als würden Sie eine Pianistin spielen.

Scott Thomas: Auf die Gefahr, Phantasien zu enttäuschen: So ist es. Mit dem einzigen Unterschied, dass man ohne Kleidung spielt. Das kann schon ziemlich erniedrigend sein, wenn alle anderen am Set angezogen sind. Bei "Die Affäre" war es anders, denn unter den drei Anwesenden war nur ein Mann.

SPIEGEL ONLINE: Das sorgte für Vertrauen?

Scott Thomas: Ich fühlte mich nicht verlassen. Schließlich hatte ich seit Jahren keine Bettszene gedreht. Und ich habe gefragt, wollen wir das so machen, ist das nötig - am Ende gelang es großartig.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sich Drehbücher aussuchen, haben Sie dann eine Vorliebe für Autoren-Regisseure?

Scott Thomas: Ich habe - zumal in Großbritannien - an Filmen mitgewirkt, in denen es einen Autor sowie einen Regisseur gab. In Frankreich ist das aber eher die Ausnahme. Das kann durchaus hilfreich sein, weil es zusätzlich Ideen bringt, auch wenn ich in der jüngsten Zeit fast immer mit Regisseuren gedreht habe, die als Autoren fungierten.

SPIEGEL ONLINE: Lebensläufe hinterlassen Spuren. Sie haben in Ihrer Kindheit Vater und Stiefvater durch Flugzeugabstürze verloren. Hatte das Einfluss auf Ihre Fähigkeit, etwas darzustellen?

Scott Thomas: Natürlich formen uns die Erfahrungen aus Kindertagen, und wer ich bin, beeinflusst, was ich spiele. Aber heute bin ich erwachsen, es ist vorbei, Vergangenheit. Es ist wirklich reiner Zufall, dass ich in Filmen mitgespielt habe, in denen es - etwa bei "Der Englische Patient" - um Flugzeuge und Abstürze geht. Und weil die Regisseure, die Produzenten von meiner Vergangenheit wissen, schlagen sie dann gern den Bogen zur Rolle: Sie wird das machen können! In Wahrheit wird einfach eine Menge in mich projiziert.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie in Ihrem Leben so ernst und rigide wie manche Ihrer Figuren?

Scott Thomas: Ernst? Nein. Aber manchmal dramatisch. Ich brauche Menschen mit Humor um mich herum, ich brauche Lachen. Glücklicherweise bin ich mit zwei wirklich witzigen Kindern gesegnet.

SPIEGEL ONLINE: Frankreichs Medien bezeichnen Sie, die gebürtige Engländerin, gern als "die englischste aller Pariserinnen". Wo liegt Ihre Identität?

Scott Thomas: Meine Tochter studiert in London, ich stamme aus Großbritannien, aber zu Hause bin ich in Paris.

SPIEGEL ONLINE: Und wie stehen Sie zu der aktuell in Frankreich geführten Debatte um die Frage, wie "nationale Identität" zu definieren ist?

Scott Thomas: Das ist eine Diskussion, die ich nicht verstehe. Und ich glaube, die wenigsten tun es. Welche Bedeutung kann es haben für ein Land, das sich so bunt zusammensetzt? Keine!

Das Interview führte Stefan Simons



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SuPo, 30.01.2010
1. Was soll man da diskutieren
Eine meiner Lieblingsexszenen ist die, wo Katherine(Scott Thomas im englischen Patienten in der Wüste am Lagerfeuer den Männern die Geschichte vom König Kandaules erzählt. Ich habe selten eine bekleidete Frau so nackt und so begehrenswert gesehen wie in diesem Film.
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