Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Schauspielerin Marion Michael: Das "Mädchen aus dem Urwald" ist tot

Von Torsten Schulz

Sie war jung, schön - und nackt: Marion Michael, Star des Fünfziger-Jahre-Kinoknüllers "Liane, das Mädchen aus dem Urwald". Doch ihr Ruhm währte nur kurz, die Schauspielerin verschwand aus der Öffentlichkeit. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, starb sie nun im Alter von 66 Jahren.

Im Jahr 1956, auf großer Leinwand in bundesdeutschen Kinos: Ein weißes Mädchen im Dschungel, sechzehn Jahre alt, sehr schön und barbusig. Der erste jugendliche Nacktstar der deutschen Nachkriegszeit. Marion Michael, ausgewählt unter zwölftausend Bewerberinnen für den Film "Liane, das Mädchen aus dem Urwald". Ein riesiger Kassenerfolg.

Die Story: Liane wird nach einem Flugzeugabsturz von Eingeborenen großgezogen. Eine Expedition findet sie im Urwald, reist mit ihr zurück nach Hamburg zum Großvater, einem reichen Reeder. Der Großvater wird ermordet, und Liane wird, um ihr das Erbe nicht zukommen zu lassen, der Tat verdächtigt. Die Intrige klärt sich auf, und Liane kehrt mit dem Mann, der sie liebt - gespielt von Hardy Krüger - zurück in den Dschungel. Krüger wird den Film später als den schlechtesten bezeichnen, den er jemals gedreht hat.

Durch "Liane" ist Marion Michael im Nu berühmt. Doch nicht als Schauspielerin, sondern als "Leinwandnackedei", wie es in den Zeitungen heißt. Gero Wecker, ihr Entdecker, sechsunddreißig, ehemaliger Panzeroffizier, einer der erfolgreichsten Kinoproduzenten der fünfziger Jahre, macht mit ihr einen Siebenjahresvertrag, dessen Hauptklausel darin besteht, dass sie nur in seinen Filmen spielen darf. Hollywood-Angebote muss sie ablehnen, dafür spielt sie in Deutschland an der Seite von Hans Albers, Christian Wolff, Eddie Constantin.

Als sie achtzehn ist, schenkt ihr Wecker einen teuren Sportwagen. Auf der ersten längeren Tour hat Marion einen Unfall. Sie kommt ins Klinikum Erlangen. Der Produzent besucht sie, bleibt in der Stadt, kümmert sich um sie. Als sie genesen ist, schläft er mit ihr. Er ist zwanzig Jahre älter als Marion und ihr erster Mann.

Sie versucht, von ihm loszukommen, und so flüchtet sie mit dem Sportstudenten Gunther Bennung nach Island. Die beiden wollen in einer Fischfabrik arbeiten und ansonsten von der Liebe leben. Als sie mit einem Schiff in Reykjavik eintreffen, ist Gero Wecker schon da. Er bittet Marion, zurückzukommen. Sie kehrt zurück, heiratet aber den Sportstudenten, von dem sie sich nach drei Jahren scheiden lässt. 1974, ihre Filmkarriere ist längst vorbei, liest Marion in der "B.Z." zufällig vom Tod ihres ehemaligen Produzenten. Sie sieht die Zeitung in einem U-Bahn-Kiosk, kauft sie aber nicht einmal.

Flucht in den Osten

1970 wird Marions Sohn Benjamin geboren. Der Vater, GI und Regisseur beim Soldatensender AFN, ist nur kurze Zeit in Deutschland. Marion zieht mit Benjamin nach Berlin-Kreuzberg, mietet mit dem Geld, das sie von ihrer Filmkarriere übrig hat, eine Tischlerwerkstatt, lebt in einer Kommune und macht Straßentheater. Bald ist die Werkstatt eine Art Sozialstation: Misshandelte Kinder, Prostituierte, Obdachlose, alle werden von Marion unterstützt, irgendwann ist sie pleite. Einer ihrer Liebhaber nimmt ohne Marions Wissen Kontakt zum "Stern" auf, verkauft ihre Story samt Fotos: "Vom Urwald in den Hinterhof".

Sie wird das Dschungelmädchen einfach nicht los.

In einem Anfall von Verzweiflung schneidet sie sich 1975 die Pulsadern auf. Als es fast zu spät ist, gewinnt ihr Gewissen überhand: Wie soll Benjamin ohne sie aufwachsen? Marion lebt weiter, mit verkrüppelter Hand, schwer behindert.

1978 lernt sie die Liebe ihres Lebens kennen, den Schauspieler Marcel Werner. Ein schöner Mann, Trinker, gewalttätig.

Ein Jahr später flieht sie vor ihm. Sie flieht in das Land, von dem sie meint, dort würden die Menschen in größerer Harmonie leben: die DDR. Käme Marcel zu ihr in den Osten, sie würde es erneut mit ihm versuchen. Aber er kommt nicht. Er stirbt 1986 mit vierunddreißig Jahren am Alkohol.

"Mit 17 Millionärin, mit 31 Sozialhilfe, jetzt in Ostberlin", schreibt die "Bild"-Zeitung. Marion wird DDR-Bürgerin und heiratet Freimut Patzner, Abteilungsleiter im Ministerium für Glas und Keramik. Benjamin muss sich in einer neuen Welt zurechtfinden: Im Westen anthroposophische Schule, im Osten Fahnenappell und Pioniergeburtstag. "Ist deine Mutter irre?", wird er gefragt und hat keine Antwort. Freimut kauft ein altes Fachwerkhaus, Marion schreibt an die Hauswand die Titelzeile ihres Lieblingssongs, "Everybody�s got something to hide except me and my monkey", und bekommt Ärger mit den ängstlichen und misstrauischen Dorfbewohnern.

Verschollen im Dschungel des Schicksals

Marions nächster Fluchtpunkt ist die Krankheit. Sie wird manisch-depressiv. In einer manischen Phase fährt Freimut Patzner sie ins Krankenhaus, und zur Freude der Patienten rezitiert sie auf Englisch den Hamlet-Monolog. Nach einem Gespräch mit ihr nimmt die Ärztin Freimut zur Seite: "Herr Patzner, Ihre Frau bildet sich ein, sie wäre Marion Michael."

Marion Michaels Leben spielt sich immer häufiger in der Klinik ab. Benjamin flüchtet mit siebzehn über Jugoslawien in den Westen. Erst nach dem Mauerfall sehen sie sich wieder. Im Juni 1990, anlässlich der Währungsunion, wird die DDR im Freundeskreis symbolisch beerdigt. Marion Michael wickelt sich bei dieser Art Karneval in ein paar Tücher ein: Sie ist die alt gewordene Liane. Es ist, als würde sie diese Rolle endlich annehmen.

1996 hat Marion noch einmal einen kleinen Auftritt: In dem Musical "Liane", nach Motiven ihres Lebens, unter der Regie von Horst Königstein, spielt sie die Sekretärin eines mächtigen Produzenten. Vom Geld, das sie für die Mitarbeit an dem Projekt erhält, kaufen sich Marion und Freimut ein altes Haus im Oderbruch. Im nächstgelegenen Krankenhaus ist sie am vergangenen Samstag verstorben, wenige Tage vor ihrem siebenundsechzigsten Geburtstag.


Torsten Schulz ist Autor, Regisseur und Professor an der Filmhochschule Babelsberg. 1996 realisierte er für den NDR den Dokumentarfilm "Das Mädchen Liane�.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Marion Michael: Nacktstar der Nachkriegszeit

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: