Schauspielerin Yu Nan "Freiheiten lenken ab"

Für großes Kino braucht Yu Nan nicht besonders viel - eigentlich nur ihr Gesicht. Was sich darin abspielt, genügte, dass das Kinodrama "Tuyas Hochzeit" den höchsten Berlinale-Preis gewann. Und das war erst der Anfang ihrer Karriere.

Von Johannes Gernert


Man kennt sie jetzt auch in China. Seit dem Kinodrama "Tuyas Hochzeit", in dem sie die Hauptrolle spielt und das bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Das ist eigentlich seltsam, weil Yu Nan in China aufgewachsen ist, eine Schauspielschule in Peking besucht hat und ihr erster Film ein chinesischer war.



Seit der Berlinale interessieren sich nun nicht nur chinesische Kino-Zuschauer, sondern auch Regisseure aus den USA für sie. Gerade stand sie in Babelsberg für den Film "Speed Racer" der Wachowski-Brüder ("Matrix") mit Emile Hirsch und Christina Ricci vor der Kamera. Sie hatte eine kleine Nebenrolle.

An diesem Augustnachmittag sitzt Yu Nan in Jeans und schwarzem Pullover auf der Terrasse eines Berliner Hotels. Ihre Lippen und Fingernägel sind zartrosa, wie die Blütenblätter der Orchidee auf dem Tisch. Es ist gar nicht kalt, aber um den Hals trägt sie einen Schal. Sie musste viel sprechen beim Dreh am Vortag, ihre Stimme ist heiser, sie räuspert sich oft. Yu Nan gibt Interviews. Ihre Assistentin läuft im Ampelmännchen T-Shirt um die Stühle herum und fotografiert die Szene mit einer Digitalkamera.

Nach der Berlinale haben manche geschrieben, dass "Tuyas Hochzeit" ein sehr guter, aber kein besonderer Film sei. Aber alle waren sich einig, dass er eine großartige, eine wunderschöne Hauptdarstellerin präsentiert.

Dabei ist von Yu Nan im Film eigentlich nie mehr als ihr Gesicht zu sehen, aber dieses Gesicht erzählt die Geschichte. Ihr Körper steckt in gepolsterten, langen Nomaden-Gewändern. Um den Kopf hat sie meist ein Tuch gewickelt, zum Schutz vor der Kälte. Manchmal hatte es während der Dreharbeiten bis zu 20 Grad Minus.

"Tuyas Hochzeit" handelt von einer Schäferin in der Inneren Mongolei, die ihren gehbehinderten Mann Bater pflegt, die Familie ernährt, sich um die Herde kümmert, um die Kinder und manchmal auch noch um den Nachbarn. Sie möchte neu anfangen – mit Bater. Deshalb lässt sie sich scheiden und sucht einen Mann, der ihren alten akzeptiert. Eine starke Frau, draußen in der rauen Natur einer kargen Gebirgslandschaft.

"Der Regisseur hat mich sicherlich ausgewählt, weil ich Tuya ähnlich bin", sagt Yu Nan. Weil sie auch stark sei, in ihrem Innern. Nach außen wirkt sie eher zerbrechlich, still und schüchtern. Ihr Händedruck ist weich und flüchtig. Als ihre Mitschüler erfuhren, dass sie Schaupielerin werden wollte, haben sich alle gewundert. Yu Nan war doch immer so zurückhaltend.

In die Wüste geschickt

Sie mag schüchtern wirken, aber sie ist entschlossen. Während der Dreharbeiten von "Tuyas Hochzeit" verwandelte sie sich in eine Nomadin. Sie lernte Kamelreiten, obwohl sie ungeheure Angst vor großen Tieren hat, und sie lebte monatelang mit den Mongolen. Yu Nan war die einzige professionelle Schauspielerin, alle anderen spielen sich sozusagen selbst. "Ich musste mich ihrer Lebensweise anpassen, mir ihren Dialekt angewöhnen, ihre Umgangsformen. In gewisser Weise waren sie professioneller als ich. Sie waren nämlich schon Mongolen. Ich musste erst zu einem werden."

Irgendwann hielt sie sich gar nicht mehr bei der Filmcrew auf, sondern nur noch bei ihren Drehpartnern. Und sie hält immer noch Kontakt; ihr Film-Sohn ruft sie häufig an und fragt: "Mama, was machst du gerade?"

Während der Zeit in den Bergen hat sie das Leben dort bewundert, die Nähe zur Natur und das Essentielle der Liebe. "Auf eine gewisse Art hast du in Peking, New York, Berlin viel mehr Freiheiten und Möglichkeiten. Aber dadurch lenkt dich auch vieles ab. Wenn du in der Mongolei jemanden magst, dann magst du ihn. Punkt. Dann zeigst du ihm das, du schaust ihn an, ganz direkt. Und du fragst dich nicht, ob du dich damit jetzt vielleicht lächerlich machst."

Als bekannt wird, dass sich Tuya scheiden ließ, stellt sich ein Mann nach dem anderen in ihrer Hütte vor. Eine Anspielung auf die chinesische Ein-Kind-Politik, die dazu geführt hat, dass viele Mädchen abgetrieben wurden und es einen Männerüberschuss gab. Yu Nan möchte das allerdings nicht so sehr politisch verstanden wissen. "Es geht eher um die Liebe", sagt sie. Eine Frau liebt ihren Mann so sehr, dass sie bereit ist, einen anderen zu heiraten, um die Versorgung der Familie zu sichern. Diese Entschlossenheit spricht in fast jedem Moment des Films aus ihrem Gesicht.

Yu Nan wird bald wieder mit Wang Quan'an, dem Regisseur von "Tuyas Hochzeit", drehen. Der Film soll von einer Textilarbeiterin handeln, wieder eine einfache Frau mit einer nicht ganz einfachen Geschichte. Sie mag diese Rollen. Und was hat sie sonst noch für Pläne? "Ach, danach fragen mich die Leute immer. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart. Ich habe Träume, die behalte ich aber für mich. Vielleicht wird in ein paar Jahren auch etwas viel Größeres daraus, als du erwartet hattest."

Andererseits betont sie, wie sehr sie ihre chinesische Kollegin Gong Li bewundert, einen Superstar, der in großen amerikanischen Produktionen gespielt hat. Vielleicht ist die kleine Rolle in "Speed Racer" ein Anfang.



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