Schauspielstar Clive Owen "Ich habe keine Lust, Helden zu spielen"

Clive Owen setzt in "Children of Men" die Reihe seiner ungewöhnlichen Rollen fort. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der britische Darsteller über sein Desinteresse an James Bond, die Seelenmühle Hollywood und die richtigen Filme für Kinder.


SPIEGEL ONLINE: Wieso sehen wir Sie jetzt als Hauptdarsteller in dem düsteren Zukunftsthriller "Children of Men" - und nicht als neuen James Bond?

Owen: Um es ein für allemal festzuhalten: Das waren alles Gerüchte. Ich bekam die Rolle nie offiziell angeboten, ich absolvierte keine Vorsprechtermine als James Bond. Ich bin heilfroh, dass diese Spekulationen endlich aus der Welt sind.

Hollywood-Star Owen: "Hollywood hat mich immer gut behandelt"
DDP

Hollywood-Star Owen: "Hollywood hat mich immer gut behandelt"

SPIEGEL ONLINE: Hätte Sie die Rolle des Geheimagenten nicht gereizt?

Owen: Offen gestanden, habe ich keine Lust, einen Helden zu spielen, der die Welt retten will. Ein so hoffnungsloser, trauriger Charakter wie Theo in "Children of Men" ist mir tausend Mal lieber. Die ganze Zeit machten wir uns beim Dreh über ihn lustig. In den großen Actionszenen trug ich sogar Flip-Flops. Regisseur Alfonso Cuarón ulkte immer: "So sieht der wahre James Bond aus."

SPIEGEL ONLINE: Manche Szenen beschwören Erinnerungen an die Terroranschläge in London herauf. Nahmen Sie das auch so wahr?

Owen: Und ob. Vor allem weil ich am Tag der Anschläge selbst in der Stadt war. Der Dreh der Bombensequenz war für alle Beteiligten sehr aufreibend. Zumal wir die Aufnahmen auch im Zentrum von London gemacht haben. Leider wird das unheimliche Gefühl von Angst und Bedrohung langsam Teil unseres Lebens, und ich fürchte, dass es uns auch in Zukunft begleiten wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten ja nach Hollywood flüchten. Vielleicht ist es da besser.

Owen: Ich habe nicht die Absicht, London zu verlassen. Meine Kinder gehen da zur Schule. Ich lebe hier schon seit langem und liebe die Stadt. Vor zehn Jahren spielte ich mal mit dem Gedanken, nach Los Angeles zu gehen, aber letztendlich war mir das Ganze zu deprimierend.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das für Ihre Karriere nicht förderlich gewesen?

Owen: Damals hatte ich schon Jahre lang erfolgreich im englischen Fernsehen gearbeitet. Ich musste keiner Hollywood-Karriere hinterher jagen. Dann kam plötzlich der kleine englische Film "Croupier". In England fand er kein Publikum, aber in den USA bekam er phantastische Kritiken, daher sahen ihn alle möglichen wichtigen Leute aus der Branche, was mir viele Türen öffnete. Aber deshalb wollte ich mein Leben hier nicht über Bord werfen. Es gibt so viel Konkurrenz dort drüben, wenn du dich diesen gnadenlosen Wettbewerb stürzt, machst du nur deine Seele kaputt. Und wie sich herausgestellt hat, musste ich auch nicht hinüberziehen. Fast alle meiner Filme habe ich außerhalb von Los Angeles gedreht. Meine Familie würde sich bedanken, wenn ich sie dorthin zerrte und dann nie zu Hause wäre.

SPIEGEL ONLINE: Ihre ersten US-Produktionen wie "Jenseits aller Grenzen" erwiesen sich als Flops. Wie fühlt man sich nach solchen Enttäuschungen?

Owen: Natürlich stimmte mich das nicht gerade glücklich. Trotzdem würde ich Filme wie diesen sofort noch einmal drehen. Ich habe meinen Job so gut wie möglich gemacht, aber es gibt eben auch Hunderte von Leuten, die dafür bezahlt werden, dass sie Filme vermarkten. Und dann kommt das Publikum oder eben nicht. Ich jedenfalls fühle mich dafür nicht verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Letztlich haben Sie es doch zum Hollywood-Star geschafft. Wie viele Illusionen haben Sie auf dem Weg eingebüßt?

Owen: Ob Sie es glauben oder nicht: Hollywood hat mich immer gut behandelt. Ich sehe das Ganze als einen Pool von unglaublich talentierten Leuten, und ich habe das Glück, dass ich mit ihnen zusammenarbeiten kann. Natürlich gab es Filme, aus denen ich mich fortwünschte. Manchmal merkst du erst eben während der Dreharbeiten, wenn etwas nicht funktioniert. Aber solche Erfahrungen machen dich für die Zukunft schlauer.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Filme, die Sie bereuen?

Owen: Ich bedaure bloß, dass keine meiner Töchter meine Filme sehen kann. Die eine ist neun, die andere sieben. Und ständig fragen sie mich: "Warum dürfen wir uns das nicht anschauen?"

SPIEGEL ONLINE: Und warum nicht?

Owen: Na ja, finden Sie Filme wie "Hautnah" oder "Sin City" für Kinder geeignet? "Children of Men" ist auch nicht gerade leichte Kost. Ich gehe zwar in jeden Kinderfilm mit ihnen, aber langsam wird's Zeit, dass ich einen eigenen für sie drehe. Vielleicht mache ich bei "Sin City 2" nur unter der Bedingung mit, dass mich Robert Rodriguez in "Spy Kids 4" steckt.

SPIEGEL ONLINE: In "Children of Men" kann die Menschheit keine Kinder mehr bekommen. Wie würden Sie sich ohne Nachwuchs fühlen?

Owen: Darüber möchte ich gar nicht nachdenken. Schon bei der Geburt war ich mitten im Getümmel; ich schnitt sogar die Nabelschnur durch. Erst durch meine Kinder habe ich verstanden, dass das Leben wirklich einen Sinn hat.

Das Interview führte Rüdiger Sturm



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