Schauspielstar Fritzi Haberlandt Die Merk-Würdige

Glamour ist nicht so ihr Ding, Püppchen-Rollen sind es auch nicht. Trotzdem - oder gerade deshalb? - wurde Fritzi Haberlandt binnen kurzem zum umjubelten Theaterstar. Jetzt entdeckt endlich auch das Kino ihr Ausnahmetalent.

Von Christine Wahl


Armin Petras, der Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters, hat ein ziemlich ungewöhnliches Foto von Fritzi Haberlandt in seinem Büro aufgehängt. Es stammt aus der "Vanity Fair", zeigt die Schauspielerin in einem weinroten Abendkleid und sieht auch ansonsten so aus, als habe der Fotograf das Genre des Glamourshots neu erfinden wollen. Allerdings gegen den Widerstand seines Modells! Fritzi Haberlandt schaut nämlich mit einer Skepsis aus der Edelrobe in die Kamera, als wolle sie rufen: Leute, das ist ein Missverständnis!

"Schön sein können andere besser", winkt die Schauspielerin denn auch belustigt ab, als sie von der Probe ins Intendantenbüro kommt. "Dieses Frauenbild: sieht super aus, tolles Kleid – das bin ich einfach nicht. Da ist das Versagen schon programmiert."

Stimmt natürlich nicht. Das Foto ist großartig. Die Dinge liegen vielmehr so, dass man von Fritzi Haberlandt einfach keinen Mainstream bekommt: Schwer vorstellbar, dass diese Schauspielerin sich jemals in einem Rollenklischee erschöpft. Genau das ist es ja, was sie zur Ausnahme-Akteurin macht.

Dass es manchmal eine Weile dauert, bis die anderen das merken, ist ihr seit dem Studium an der renommierten Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" wohlbekannt. Wenn es eine große Dramenfigur gäbe, die sie ganz gewiss nie spielen werde – so hatte Fritzi Haberlandt dort von ihren Dozenten immer wieder gehört – sei das Frank Wedekinds kindfrauliche Verführerin "Lulu".

Triumph als "Lulu"

Und welche Rolle war es dann, bei der ihr nicht nur sämtliche Kollegen auf der Bühne, sondern das gesamte Publikum inklusive der gestrengen Theaterkritik im Parkett einhellig zu Füßen lagen? Frank Wedekinds "Lulu"! Wie Fritzi Haberlandt - im unspektakulären Minikleidchen vor einer weißen Leinwand stehend – in Michael Thalheimers Inszenierung Männern zusah, die reihenweise und reflexartig vor ihr die Hosen fallen ließen, und wie sie währenddessen ganz beiläufig all jene ausgeleierten Weiblichkeitsstereotypen aushebelte, mit denen Schauspielerinnen und Regisseure diese Rolle so gern missverstehen – das war umwerfend.

Kein Wunder, dass das Publikum des Hamburger Thalia Theaters einige Abschiedstränen vergoss, als Fritzi Haberlandt letztes Jahr ans Maxim Gorki Theater wechselte. Zu Armin Petras, ihrem zweiten stilprägenden Regisseur neben Thalheimer. Und nach Berlin, wo sie – im Ostteil der Stadt – vor 32 Jahren geboren wurde und inzwischen mit ihrem Freund, dem Filmregisseur Hendrik Handloegten, zusammen lebt.

Tatsächlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Kinobranche das Gesicht des Theaterstars entdeckte. Schließlich handelt es sich um eines, in dem selbst bei relativer äußerer Ereignisarmut ziemlich viel – und ziemlich Aufregendes - passiert. In Martin Gypkens' Episodenfilm "Nichts als Gespenster", der mehrere Erzählungen aus Judith Hermanns gleichnamigem Bestseller zu einer Art Short-Cuts-Dramaturgie bündelt, spielt Fritzi Haberlandt jetzt zum Beispiel Marion: Eine überarbeitete, einsame 30-jährige Kreative, die – nachdem sie ihren runden Geburtstag gerade allein und heulend am Küchentisch verbracht hat – mit tapfer geschultertem Rucksack und Stadtplan im Anschlag nach Venedig aufbricht, um ihre dauerurlaubenden Eltern zu besuchen.

Auftanken bei Rheumakranken

Abgesehen davon, dass die Mama mit ihrer Mixtur aus Überfürsorge und Egomanie gehörig nervt und mehrfach ein adretter Italiener auftaucht, der in Marions Gegenwart tief in seine Anzughose greift, um zu masturbieren, ereignet sich eigentlich nichts. Fritzi Haberlandt aber macht aus diesem Nichts ein Ereignis – egal, ob sie die Bewegungen des jungen Mann mit perfekt dosierter Irritation, Belustigung und nur einem Quäntchen Abscheu verfolgt oder ob sich am Schluss, auf der Heimfahrt, ihre kontrollierten Gesichtszüge in einem einzigen Heulkrampf entladen.

Aus ihrem Leben gegriffen sei diese Rolle nicht direkt, sagt Fritzi Haberlandt grinsend. Parallelen lassen sich am ehesten über den Tatbestand des Workaholismus herstellen: Allein hundert Theatervorstellungen hat die Schauspielerin letztes Jahr gespielt, dazu zwei Filmdrehs und die tägliche Probenarbeit. Zum Auftanken fährt sie dann allerdings nicht nach Venedig, sondern ins tschechische Karlsbad. Zur Kur! "Also nicht so Wellness", stellt Fritzi Haberlandt, der man jenseits der Bühne die Berlinerin ruhig anhören darf, klar, "sondern lauter alte Leute mit Rheumabeschwerden und icke." Minuziös geregelte Tagesabläufe und Sprudelbäder in kurios gefliesten Bädern und Badewannen der vorvorletzten Generation: "Ich fand's großartig!"

Im Raster der Merkwürdigen

Fritzi Haberlandt scheint tatsächlich nicht zu wissen, wie man das Wort Allüren überhaupt buchstabiert: Völlig offen und unkompliziert gesteht sie, auf Proben "ziemlich schnell und oft zu heulen" oder weiht einen in "den absoluten Tiefpunkt" ihrer Karriere ein: "Letzte Woche hatte ich gleich zwei Absagen für Filmrollen. Die eine mit der Begründung: Die ist uns zu ernst; die andere mit der Begründung: Die ist uns zu lustig." Neu sind solche Casting-Absurditäten nicht.

Klar müsste man nur eine Vorstellung von Armin Petras" "Heaven" im Gorki-Theater besuchen, um zu sehen, wie grandios Haberlandt als suizidgefährdete, nicht eben glücklich verliebte Simone in der schrumpfenden Oststadt Bitterfeld-Wolfen von der Tragödie in die Komödie und wieder zurück fallen kann. Doch wer nicht den gängigen Schönheitsklischees entspricht, ist beim Film leider eher aufs "Raster der Merkwürdigen" abonniert, als mal eine ganz normale Rolle im 20.15-Uhr-Programm zu spielen.

Aber: Es ist Neuland in Sicht! In Andreas Kleinerts schrägem Thriller "Freischwimmer", den Fritzi Haberlandt gerade abgedreht hat, ist August Diehl der Merkwürdige: Ein junger Lehrer mit abgründiger Lebens- und Sterbensphilosophie, in den sich Fritzi Haberlandt zwar nicht zu ihrem Vorteil, aber in Gestalt einer durchaus verhaltensunauffälligen, hübschen jungen Musiklehrerin verliebt.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.