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Beziehungsdrama "Nach dem Urteil"

Gleich knallt's

Mit seinem mehrfach ausgezeichneten Regiedebüt "Nach dem Urteil" schafft Schauspieler Xavier Legrand ein explosives Scheidungsdrama, bei dem Misstrauen und Gewalt mit den Händen zu greifen sind.

Von Esther Buss

Donnerstag, 23.08.2018   14:45 Uhr

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Bevor man sich selbst ein Bild der in Scheidung lebenden Eheleute Miriam (Léa Drucker) und Antoine (Denis Ménochet) Besson machen kann, bevor man ihre Gesichter, ihre Körpersprache studieren kann, lässt der Film die juristischen Instanzen sprechen. In einem Zimmer des Familiengerichts verhandeln eine Richterin und zwei Anwältinnen den Antrag des Vaters auf das Besuchsrecht für den gemeinsamen Sohn Julien (Thomas Gioria). Im Anhörungsprotokoll des 11-Jährigen heißt es: "Ich kann nicht im Garten spielen, weil wir Angst haben, dass der Alte kommt." Und: "Ich will ihn nie wieder sehen."

Miriams Anwältin spricht von einer latenten Bedrohung, sie nennt Anzeichen für eine Misshandlung der inzwischen fast volljährigen Tochter (Mathilde Auneveux). Antoines Anwältin spricht von Beeinflussung und den "Bemühungen eines gequälten Vaters", sie zitiert Aussagen von Arbeits- und Jagdvereinskollegen (ausgeglichen, ruhig, bedächtig ... großzügig, hilfsbereit, naturverbunden).

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Erst jetzt gewährt die Kamera einen eingehenden Blick auf das - auch durch die Kadrage - entzweite Paar: auf Miriams alarmierte, um Souveränität bemühte Haltung; auf Antoines wuchtige, unter dem Jackett spannende Physis, die gleichwohl etwas Verletztliches ausstrahlt. Miriam sagt: Wir wollen nur in Frieden leben. Antoine sagt: Ich will nur wissen, wie es meinen Kindern geht.

Xavier Legrand, Schauspieler unter anderem in Philippe Garrels "Unruhestifter", erzählt in seinem Spielfilm-Regiedebüt "Nach dem Urteil" seinen oscarnominierten Kurzfilm "Avant que de tout perdre" von 2013 weiter. Darin folgte er einer Frau und Mutter zweier Kinder, die ihren gewalttätigen Ehemann verlassen will. In den Rollen der Ehepartner waren damals schon Drucker und Ménochet zu sehen.

Eine Katastrophe kündigt sich an

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In der Langfassung, für die Legrand 2017 in Venedig gleich doppelt ausgezeichnet wurde, beginnt die Geschichte wie ein Sozial- und Scheidungsdrama, aus dem sich eine nüchterne, im französischen Arbeitermilieu angesiedelte Version von "Kramer gegen Kramer" entwickeln könnte.


"Nach dem Urteil"
Originaltitel:
"Jusqu'à la garde"
Frankreich 2017
Drehbuch und Regie: Xavier Legrand
Darsteller: Léa Drucker, Denis Ménochet, Thomas Gioria, Mathilde Auneveux, Mathieu Saïkaly, Saadia Bentaïeb, Florence Janas
Produktion: K.G. Productions
Verleih: Weltkino
Länge: 94 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 23. August


Doch schon bald nimmt "Nach dem Urteil" die Züge eines Beziehungsthrillers an. Denn nachdem das Gericht entschieden hat, dass Julien jedes zweite Wochenende bei seinem Vater verbringen muss, wird der Junge zum Instrument eines so verzweifelten wie bedrohlichen Versuchs, sich der Ex-Frau anzunähern, ihren so entschiedenen Kontaktabbruch aufzuheben.

"Nach dem Urteil" ist das klaustrophobische Psychogramm einer sich ankündigenden Katastrophe. Dabei versucht Legrand erst gar nicht, ein Verwirrspiel um die Glaubwürdigkeit seiner Figuren in Gang zu setzen, etwa indem er den Vater entlastet oder die Mutter ins Zwielicht rückt. Es reicht aus, nur einmal mit Julien und Antoine im Auto zu "sitzen", um den Druck zu spüren, der von seiner Präsenz ausgeht. In der zum Schneiden dicken Luft entwickeln banale Geräusche wie das Ticken des Blinkers oder der Signalton des Anschnallgurts eine beklemmende Intensität.

Lügen, um zu schützen

Neben der lauernden Stille findet der Film, dessen nuancierte Inszenierung gegen Ende vielleicht zu stark fürs grob Genrehafte aufgegeben wird, seinen Suspense in den hochangespannten Gesichtern und Körpern seines starken Schauspielerensembles - und in den unüberwindbaren Distanzen, die sich zwischen den Figuren auftun.

Die Alltagsrealität wird in der elliptischen Erzählung ausgespart. So wird das nervöse Gehupe von dem vor dem Haus wartenden Auto des "Alten" zum Alarmton einer sich immer enger schnürenden Spirale. Jedes Gespräch zwischen Vater und Sohn entwickelt sich zum Verhör, mit dem Ziel, Informationen über die Ex-Frau zu ermitteln. Julien wiederum verstrickt sich in Lügen, um seine Mutter zu schützen. Einmal verschafft sich Antoine durch Einschüchterung Zutritt zu Miriams neuer Wohnung. Sein Auftritt beginnt wie eine Hausdurchsuchung. Doch dann bricht er in Schluchzen aus und sinkt wie ein reumütiges Kind in ihre Arme.

Es ist eine Umarmung zerrissener Gefühlsregungen - und zwiespältiges Zeichen. Antoines Dampfkessel von Körper ist plötzlich ganz weich, knuddelig und bedürftig. Die vor Angst erstarrte Miriam aber wartet nur darauf, aus dem Griff entlassen zu werden. Sie kennt die gefährliche Ambivalenz dieses Körpers in- und auswendig.

Im Video: Der Trailer zu "Nach dem Urteil"

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