Von Daniel Sander
Jens Kessler hatte 18 Jahre Zeit, darüber nachzudenken, was da falsch gelaufen ist in seinem Leben. Er hätte darüber nachdenken können, wie er vom linken Idealisten zum bewaffneten Terroristen werden konnte. Oder warum er Menschen tötete, für eine Revolution, die nie passieren würde. Aber das war beides nichts, was er jemals für falsch hielt. In den knapp zwei Jahrzehnten im Knast interessierte ihn stattdessen nur eine Frage: Wer hat ihn damals verraten?
Wie praktisch, dass er direkt nach seiner Entlassung Gelegenheit zur Aufklärung bekommt. Denn in Nina Grosses Verfilmung von Bernhard Schlinks Roman "Das Wochenende" versammeln sich in einem Brandenburger Landhaus sofort die Verdächtigen, um Kessler (Sebastian Koch) ein kleines Willkommenswochenende zu bereiten.
Die früheren Mitstreiter, die einst mit ihm vom Umsturz träumten, aber nicht wie er zu den Waffen gegriffen haben: Seine Schwester Tina (Barbara Auer), die nie einer richtig ernst nahm; der Schriftsteller Henner (Sylvester Groth), der später einen Bestseller über seine Erfahrungen in Terrorkreisen geschrieben hat; seine Ex-Freundin Inga (Katja Riemann), die damals eher von Kesslers Outlaw-Habitus angezogen war als von seinen Ansichten. Inga hat ihren arroganten Erfolgskonditor-Ehemann Ulrich (Tobias Moretti) und ihre gemeinsame Tochter Doro (Elisa Schlott) mitgebracht. Dem Sohn (Robert Gwisdek), den sie mit Jens Kessler hat, wollte sie lieber nichts von dem Wochenende erzählen.
Liebe statt Lehrstück
Ein Unbelehrbarer, der immer noch alle belehren will, gegen die Geläuterten, die Schuld immer lieber bei anderen suchen, als bei sich selbst - wie schon in Bernhard Schlinks Roman wirkt das alles eher wie eine Versuchsanordnung und nicht wie ein realistisches Szenario: ein zwanghaft ungezwungenes Beisammensein unter alten Kameraden, die brav und abwechselnd alle bekannten Argumente aus vier Jahrzehnten Aufarbeitung des RAF-Terrors auf den Tisch bringen. Das bietet wenig Raum für neue Erkenntnisse und viel für altbekannte Plattitüden.
Allerdings tat Regisseurin und Drehbuchautorin Grosse gut daran, das überbordende Figurenarsenal aus Schlinks Buch (in dem sich noch ein ganzes Dutzend Leute zum Endlosdiskutieren traf) drastisch zu reduzieren, und dabei mit Kesslers Ex-Freundin einen Charakter wiederzubeleben, der bei Schlink längst gestorben war. Der Fokus rückt so vom leblosen politischen Lehrstück zu einem Beziehungsdrama, das Politik und Emotionalität zu verbinden versucht. Jens Kessler ist keine besonders spannende Figur, aber Inga ist es: die einzig wirklich rätselhafte Person im ganzen Kreis, die erst im Lauf des Films zu sich selbst zu finden scheint, während alle anderen im Stillstand verharren.
Katja Riemann spielt diese Frau wie eine unruhige Katze, die alle Unannehmlichkeiten zu umschleichen versucht und trotzdem immer bereit zum Angriff ist. Es ist, als ob etwas in ihr brodelt, und man weiß nie, ob sie das Ventil zu öffnen oder für immer zu verschließen versucht. Ja, sie trägt dabei eine braune Perücke, wie es in einem NDR-Magazin neulich folgenreich enthüllt wurde. Vergessen wurde in der ganzen Zicken-Debatte danach ein bisschen, was für eine gute Schauspielerin sie ist.
Eine, die einen Film retten kann, wenn man sie lässt.
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