Bestsellerverfilmung "Schloss aus Glas" Drama der unbegabten Eltern

Jeannette Walls' autobiografischer Roman "Schloss aus Glas" über ihre chaotische Kindheit war ein Bestseller. Erreicht die Verfilmung mit Oscar-Preisträgerin Brie Larson das Buch? Unsere Kritiker sind sich uneins.

Studiocanal

Ein Pro und Kontra von und


Kontra

Lukas Stern

Am Anfang - man kennt's ja - informiert eine mit Nachdruck herbeimusikalisierte Textzeile über die Wahrhaftigkeit: "Nach einer wahren Begebenheit". Am Ende - da rollte der Abspann schon - gibt es noch ein paar dokumentarische Videoaufnahmen zu sehen, die die echten Akteure der Erzählung zeigen. Dazwischen liegt und spielt "Schloss aus Glas", die Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Bestsellerromans der amerikanischen Schriftstellerin Jeannette Walls.

Solche Authentifizierungsklammern sind im Kino Gang und Gäbe. Am Anfang wird die Erfahrung vorstrukturiert, am Ende wird sie nochmal reflektiert - was wir sehen werden und was wir gesehen haben, ist echt, war echt. Sanfte Übergänge an den beiden Schnittstellen des Kinos mit der Wirklichkeit. Man kann sich in der Affektmaschinerie verlieren und dabei trittsicher auf dem Boden der Realität spazieren - diese paradoxe Erfahrung ist das Versprechen solcher Klammern. Und selten gestaltete sich diese Erfahrung so paradox wie in "Schloss aus Glas".

Das echte Leben, um das es geht, ist das Leben der Autorin Walls selbst. In ihrem Roman erzählt sie von ihrer rastlosen Kindheit mit zwei Eltern, die ein ebenso liebevolles wie fahrlässiges Verhältnis zu ihrem Nachwuchs pflegen und permanent auf der Suche nach Arbeit oder auf der Flucht vor Gerichtsvollziehern den Wohnort wechseln müssen. Walls erzählt aber auch von ihrem Leben als Erwachsene, von einem scheinbar stabilen Stand als Kolumnistin in New York City.

Auf diesen biografischen Umbruch legt Destin Daniel Crettons Verfilmung sein komplettes Gewicht: Ein kleines rothaariges Mädchen (Chandler Hand: treuherzig) liegt in der Weihnachtsnacht mit ihrem Papi (Woody Harrelson: tierisch) im Schnee und bekommt von ihm einen der vielen tollen, funkelnden Sterne geschenkt - sie kann sich einfach einen aussuchen.

Dann, ein paar Einstellungen weiter, sehen wir sie gealtert (Brie Larson: phlegmatisch) mit schweren Ohrringen geziert, fast grotesk zurechtkostümiert in einem schicken New Yorker Restaurant ein falsches Lächeln aufziehen und den lahmen Small Talk ihres kundenwerbenden Finanzheini-Boyfriends (Max Greenfield: unkontrolliert schwitzend) unterstützen.

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"Schloss aus Glas": Kinder gegen Eltern

Zuhause im Nobelappartement ist das Bett gemacht, die Ohrringe werden behutsam auf den Nachttisch gelegt, beim Frühstück gibt man acht, dass man sich nicht ankleckert. Früher wäre Jeannette froh gewesen, hätte sie überhaupt ein Bett gehabt, hätte ihr Vater das wenige Geld, das es gab, für ein Frühstück ausgegeben statt für den Saufrausch in der Dorfkneipe, hätte es zu dem Rest Butter aus dem Kühlschrank, den man sich mit Zucker zur Mahlzeit zusammenmischt, wenigstens ein Stück Brot gegeben.

Jeannette und ihre drei Geschwister hielten zusammen, wenn der Papa die Mama (Naomi Watts: ungekämmt) schlug oder deren Gemälde, für die sie nie berühmt wurde, durchs vorübergehende Wohnzimmer schleuderte. Sie hielten auch zusammen, als sie einer nach dem anderen planten, aus dem Wahnsinn der Familie zu fliehen - in die Großstädte; dorthin, wo einen nichts mehr betreffen kann, wo man in der Masse verschwindet.

Selbstverständlich ist aber mit dem Umzug und der Flucht in die Großstadt nichts vergessen; selbstverständlich werden die seelischen Risse nur tiefer, werden die Knoten nur fester, die Komplexe nur komplexer. Zu den interessantesten Spannungen dieses Films gehören die inzestuösen. Beispielsweise steht die Frage im Raum: Wurde Vater Rex in seiner Kindheit von der eigenen Mutter missbraucht? Stehen nicht auch Rex und der Finanzheini-Boyfriend in einem ödipalen Konkurrenzverhältnis? Einmal, es ist der ausgestellte Höhepunkt in Brie Larsons Performance, feuert sie brüllend ihren Heini beim Armdrücken gegen Papi an. Es ist klar, dass es ihre Kraft ist, die Kraft ihres Organs, die den Vater bezwingt, nicht die Muskelpower des Verschwitzten.

Öde Rückblendenstruktur und substanzloses Subtilitätsgebaren

An den inzestuösen Spannungen wird die trostlose Genügsamkeit von "Schloss aus Glas" am deutlichsten sichtbar. Fragen wie diese werden nämlich mit demselben dekorativen Engagement lediglich in den Raum gestellt, wie die lebendige Country-Gitarre oder der edel-platzierte Klavierakkord ins Bild gemantscht werden, wann immer es um Kinderglück oder -unglück geht. Die Feinarbeit regeln Kostüm und Frisur. Naomi Watts etwa schafft es im Grunde nur dann ins Zentrum des Geschehens, wenn ihre zottelige Mähne mal wieder den zerzausten Zustand der Familie zeigen soll.

Crettons mutloses Interesse an den ernsthaft spannenden Spannungen der Erzählung, seine öde Rückblendenstruktur und sein substanzloses Subtilitätsgebaren haben Jeannette Walls Roman am Ende weniger verfilmt als verallerweltlicht. In dieser Regie schimmert die Fantasie vom Kino als gigantischer Bilderwalze durch, mit der sich über Biografien rollen lässt, um diese industriestandardisiert für das zweidimensionale Leinwandbild zurechtzuplätten. Das ist nicht nur im höchsten Maße ambitionslos, das ist auch völlig kontraproduktiv.

Denn wie steht es am Ende mit dem Versprechen der geteilten und paradoxen Zuschauererfahrung; mit dem seltsamen Näheverhältnis von Kinomaschine und Wirklichkeit; mit dem Wahren und Echten im Falschen und Fiktiven? Tatsächlich - genau deshalb gestaltet sich diese Erfahrung in "Schloss aus Glas" so paradox wie selten - kann man es am Ende dieses Films eigentlich nicht glauben: So langweilig und durchschnittlich war doch kein echtes Leben. Und dieses aller Wahrscheinlichkeit nach erst recht nicht.

Pro

Wolfgang Höbel

Der Film "Schloss aus Glas" ist aus dem Stoff, aus dem Schauspieler-Oscars gemacht werden. Deshalb geht es schon in Ordnung, wenn hier irgendwann der Darsteller Woody Harrelson mit zitternder Lippe und zagendem Blick auf einem Krankenlager zu bestaunen ist, während an der Bettkante die Schauspielerin Brie Larson ihr bis dahin zornstarres Gesicht auf eine Weise zerfließen liest, dass man als Zuschauer fürchtet, die Kinoleinwand könne sich gleich komplett in Rotz und Wasser auflösen.

Trotz dieser hollywoodkitschigen Liebesbezeugung zwischen einem alten Vater und seiner erwachsenen Tochter erzählt "Schloss aus Glas" nur vordergründig eine erbauliche Geschichte. Es geht in Destin Daniel Crettons Film nicht um eine chaotische, aber doch irgendwie herzenswarme Eltern-Kind-Beziehung, sondern um eine eisig kalte Horrorstory.

Sie spielt zwar in den USA, speist sich jedoch aus demselben spätkindlichen Zorn, den der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in frühen Romanen wie "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" zum Ausdruck brachte. Hier wie dort ist die Botschaft: Der Egoismus, der die Künstlermenschen und Selbstverwirklicher der Hippiegeneration dazu brachte, die elementarsten Bedürfnisse ihrer Kinder zu ignorieren, war ein Verbrechen.

Das Bekennerbuch der amerikanischen Journalistin Jeannette Walls "Schloss aus Glas", die Vorlage dieses Films, firmiert als Roman und schildert das weitgehend autobiografische Drama von vier Kindern, die mit extrem unbegabten Eltern geschlagen sind.

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"Schloss aus Glas": Kinder gegen Eltern

Der Regisseur Cretton lässt nun Brie Larson die Romanheldin Jeannette spielen, die sich im Rückblick erstmal an ein Kindheitsidyll aus Naturnähe, Magie und Abenteuer erinnert. Das kleine Mädchen Jeanette (als Kind gespielt von Chandler Hand) ist fasziniert von den schwärmerischen Schwafeleien ihres Vaters. Woody Harrelson verkörpert diesen Vater als auf den ersten Blick liebenswerten Hallodri, der offenbar außergewöhnliche mathematische Fähigkeiten hat, sie aber nicht zu nutzen weiß. Erst nach und nach erweist er sich als Familientyrann. Naomi Watts tritt an seiner Seite als mal keifende, mal zärtliche Rabenmutter auf. Ihr Talent als Malerin überschätzt sie kolossal, zugleich fehlt ihr jede Lebenstüchtigkeit.

Es beginnt eine ziellose Reise im Schrottauto durch die USA der Sechzigerjahre, bis man sich in einer gruselig klapprigen Bruchbude im naturbelassenen Nirgendwo einrichtet. Das Mädchen Jeannette und seine drei Geschwister begreifen: Ihre Eltern sind auf der Flucht - vor Gläubigern, Polizisten, schrecklichen Verwandten und der eigenen inneren Leere. Dass die Kinder hungern, verwahrlosen und angesichts der eitlen Flatterhaftigkeit ihrer Mutter und der Saufexzesse ihres Vaters eine zähneklappernde, tapfere Notgemeinschaft bilden müssen, fällt in der Außenwelt offenbar fast keinem auf.

Ein wuchtiges, grelles Familienschlachtgemälde

Sehr berührend fängt Cretton die allmähliche Verbitterung der Kinder ein. Staunend und weitgehend ohnmächtig müssen sie dabei zusehen, wie sich ihre Eltern als Soziopathen, Brüllaffen und egomanische Tagträumer erweisen. Harrelson und Watts küssen und schlagen sich und nutzen den Irrsinn ihre Figuren zu manchmal überdrehter, meist aber packender Großschauspielerei.

Im Zentrum des Films aber bleibt die Not der alleingelassenen, heillos überforderten Brut. Einmal sieht man Harrelsons wie üblich betrunkenem Vater dabei zu, wie er seine Tochter Jeannette im Schwimmbad grob ins Becken schubst, weil sie angeblich so am besten schwimmen lernt. Während das Mädchen um sein Leben strampelt, grinst ihr Erzeuger selig vor sich hin.

"Schloss aus Glas" ist ein wuchtiges, grelles Familienschlachtgemälde. Crettons Kunststück ist es, dass sein Film keine Anklage formuliert, sondern bei aller geschilderten Grausamkeit auch die komischen Momente des Outsider- und Gammlerlebens einfängt. Wenn sich Jeannette als Teenagermädchen (jetzt gespielt von Ella Anderson) zum Aufruhr gegen ihren Vater entschließt, der um seine Familie ein Gefängnis errichtet hat, dann ist die Tobsucht des Alten durchaus auch zum Lachen.

Und doch wird im Moment dieser Rebellion das Band zwischen Vater und Tochter mit einer Gründlichkeit zerstört, über die kein noch so tränenseliger Versöhnungsversuch hinwegtäuschen kann.

"Schloss aus Glas"

USA 2017
Drehbuch: Andrew Lanham, Destin Daniel Cretton
Regie:
Destin Daniel Cretton
Darsteller: Brie Larson, Woody Harrelson, Naomi Watts, Max Greenfield, Ella Anderson
Verleih: StudioCanal
Länge: 128 Minuten
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Start: 21. September 2017

Im Video: Der Trailer zu "Schloss aus Glas"

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
outsider-realist 22.09.2017
1. Original
Den Film kann ich mir nur im Original anschauen....die deutsche Stimme von Woody Harrelson ist einfach nur zum weglaufen. Der Trailer war schon eine Zumutung.
Japhyryder 22.09.2017
2. Schloss aus Glas
Ich habe das Buch gelesen. Erschütternd. Möglicherweise erfolgt die Verfilmung des Buches zu spät. Ich habe die Schilderung dieser Familiengeschichte nie mit mit Hippietum assoziiert. Eher in ihr eine Parabel auf die 80er Jahre gesehen.
gutchi 23.09.2017
3. Trauerspiel
Das Buch ist monstroes. Material fuer einen gigantischen Film, aber da haette der Regisseur mindestens so mutig sein muessen wie die Autorin. Ich finde die dekorativ stilisierte Armut in amerikanischen Filmen ( Do the Right Thing, Winters Bone, Best of the Southern Wild um nur einige Beispiele zu nennen) so unertraeglich verlogen. Da wird immer so eine Distanz geschaffen das es dem Zuschauer nicht zu dolle wehtut und nach der Kritik zu urteilen werde ich mir den Film ganz bestimmt nicht antun. Janette Walls hat uebrigens auch noch ein weites Buch geschrieben, die faszinierende Geschichte der Grossmutter muetterlicherseits 'Halfbroke Horses.' Da wird ziemlich deutlich warum die Mutter so ist wie sie ist und warum ihre eigene Geschichte sehr wohl was mit Hippietum zutun hat. Die ganze Tragik der Familie ist naemlich auch eine logische Konzequenz von falsch verstandenem selbstbefreiungsdrang und auflehnung gegen die Eltern. Was der Vater durchgemacht hat steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Jeanettes Mutter hat diesen Versager nur geheiratet um Ihre Eltern zu aergern und nie verantwortung fuer die Konsequenzen Ihrer Handlungen uebernommen. Da Naomi Watts mit ihrern zwei Gesichtsausdruecken diese Rolle spielt ist vielleicht nicht die schlechteste Besetzung auch wenn sie viel zu Filmi huebsch fuer die Rolle isr.
Cugel 23.09.2017
4. Zu hoch
Zitat von gutchiDas Buch ist monstroes. Material fuer einen gigantischen Film, aber da haette der Regisseur mindestens so mutig sein muessen wie die Autorin. Ich finde die dekorativ stilisierte Armut in amerikanischen Filmen ( Do the Right Thing, Winters Bone, Best of the Southern Wild um nur einige Beispiele zu nennen) so unertraeglich verlogen. Da wird immer so eine Distanz geschaffen das es dem Zuschauer nicht zu dolle wehtut und nach der Kritik zu urteilen werde ich mir den Film ganz bestimmt nicht antun. Janette Walls hat uebrigens auch noch ein weites Buch geschrieben, die faszinierende Geschichte der Grossmutter muetterlicherseits 'Halfbroke Horses.' Da wird ziemlich deutlich warum die Mutter so ist wie sie ist und warum ihre eigene Geschichte sehr wohl was mit Hippietum zutun hat. Die ganze Tragik der Familie ist naemlich auch eine logische Konzequenz von falsch verstandenem selbstbefreiungsdrang und auflehnung gegen die Eltern. Was der Vater durchgemacht hat steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Jeanettes Mutter hat diesen Versager nur geheiratet um Ihre Eltern zu aergern und nie verantwortung fuer die Konsequenzen Ihrer Handlungen uebernommen. Da Naomi Watts mit ihrern zwei Gesichtsausdruecken diese Rolle spielt ist vielleicht nicht die schlechteste Besetzung auch wenn sie viel zu Filmi huebsch fuer die Rolle isr.
Was genau meinen Sie mit "dekorativ stilisierter Armut", weshalb ist das verlogen? Winters Bone z.B. fand ich ziemlich authentisch, von einer Distanz, um mich zu schonen, habe ich nichts bemerkt.
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