"Schmalspurganoven" Kein Hauch von Ingmar

"Sweet and Lowdown" ist kaum verdaut, da tischt uns Woody Allen schon den nächsten Happen auf: "Schmalspurganoven" ("Small Time Crooks"). Doch das Filmchen ist ungewohnt leichte Kost.

Von Dominik Baur


Ganove Ray (Woody Allen) macht sich an einem Tresor zu schaffen
Concorde Filmverleih

Ganove Ray (Woody Allen) macht sich an einem Tresor zu schaffen

Ob er immer noch Ingrid Bergman sein wolle, wurde Woody Allen einmal gefragt. "Nicht Ingrid. Ingmar, der Regisseur", berichtigte der kleine Mann mit der großen schwarzen Hornbrille. Und nicht wenige seiner Fans honorierten es, wenn Allen dem schwedischen Idol in seinen Filmen nacheiferte. Für sie ist der neue Film von Woody Allen eine Enttäuschung.

"Small Time Crooks" versprüht keinen Hauch von Ingmar Bergman. Das jüngste Werk des Stadtneurotikers ist weder intellektuell noch neurotisch. Nach Filmen, die als griechische Tragödie ("Mighty Aphrodite"), als Musical ("Everybody Says I Love You") oder zuletzt als Hommage an Django Reinhardt ("Sweet And Lowdown") daherkamen, trifft der Film den gemeinen Woody-Allen-Fan etwas unvorbereitet: Der Dreiakter "Small Time Crooks" ist ganz und gar leichte Kost.

Frenchy (Tracey Ullman) verfällt dem schmierigen Kunsthändler David (Hugh Grant)
Concorde Filmverleih

Frenchy (Tracey Ullman) verfällt dem schmierigen Kunsthändler David (Hugh Grant)

Als sie ihn vor 20 Jahren im Knast "Das Gehirn" nannten, verstand Schmalspurganove Ray Winkler (Woody Allen) die Ironie nicht und nahm's als Kompliment. Jetzt hat Ray wieder einmal den großen Coup ausgeheckt: Eine Bank will er mit seinen Komplizen ausrauben - nachts. Um den Tunnel zum Tresorraum zu graben, mietet das Gaunerquartett eine leer stehende Pizzabude im Haus nebenan. Rays Frau Frenchy (Tracey Ullman), eine frustrierte Maniküre, sorgt für die Tarnung: In dem Laden verkauft sie selbstgebackene Kekse.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Banküberfall misslingt, das Geschäft mit den Keksen boomt. Ohne zu begreifen, wie ihnen geschieht, haben die Winklers innerhalb eines Jahres ein Cookie-Imperium aufgebaut und sind Millionäre. Hier allerdings beginnt der zweite Akt und in ihm die Probleme des ehemals glücklichen Paares: Die ordinäre Frenchy sieht sich plötzlich zu Höherem berufen und möchte als Kunstmäzenin in die High Society eingehen. Dumm nur, dass sie nicht einmal den Unterschied zwischen Whitney- und Holocaust-Museum kennt. Um Klasse zu finden, nimmt sie schließlich Nachhilfe bei dem schmierigen britischen Bohemien David (Hugh Grant), verliert den Kopf und die Firma und landet zum Schluss wieder bei Ray. Der ist zwar kein großes Licht, aber wie Freund Denny (Michael Rapaport) beschwört, "definitely one of the most likable dishwashers I've ever met" ("zweifellos einer der liebenswürdigsten Tellerwäscher, denen ich je begegnet bin").

"Small Time Crooks" erinnert an das erste gemeinsame Werk des Künstlertrios Woody Allen (Allen als Schauspieler, Allen als Drehbuchautor und Allen als Regisseur): "Take The Money and Run" - ebenfalls eine Komödie um einen erfolglosen Kleinverbrecher. Auch hier gab's jede Menge Slapstick, gut sitzende Pointen und wenig Hintergründiges. Zugegeben: Bei "Take The Money And Run" haben wir etwas mehr gelacht. Vielleicht geht das rein komische, marxbrotherische Element dem alternden Woody Allen nicht mehr ganz so leicht von der Hand. Aber wie man Allen kennt, lässt sein nächster Film bestimmt nicht lange auf sich warten, und der hat ja dann vielleicht wieder einen Schuss mehr Bergman - oder gleich die richtige Portion Groucho Marx.

"Schmalspurganoven" ("Small Time Crooks"). USA 2000. Buch und Regie: Woody Allen; Darsteller: Woody Allen, Tracey Ullman; Hugh Grant, Elaine May; Länge: 95 Minuten; Verleih: Concorde; Start: 30. November 2000.



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