Jo-Nesbø-Verfilmung Wenn dem Schneemann die Nase fehlt

Die Verfilmung von Jo Nesbøs Bestseller "Schneemann" kommt in die Kinos. Ein Top-Ensemble stand vor und hinter der Kamera. Warum nur ist der Film seinem Regisseur so entglitten?

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Martin Scorsese hatte wohl den richtigen Riecher. 2012, im Nachgang der erfolgreichen US-Adaption des schwedischen Krimi-Bestsellers "Verblendung" von David Fincher, brachte sich der New Yorker Kino-Maestro als Regisseur einer weiteren nordischen Thriller-Verfilmung ins Gespräch. Der Stoff stammte diesmal aus Norwegen und erzählte die Geschichte eines Serienmörders, der seine Opfer kunstvoll zerstückelt und als Markenzeichen stets einen kleinen Schneemann mit dürren, ausgebreiteten Ärmchen und großen schwarzen Augen, aber ohne Nase hinterließ.

Der Schriftsteller Jo Nesbø hatte damit 2007 einen Welterfolg bei Krimifans gelandet - nun sollte "Schneemann" Hollywoods Hunger auf Skandinavien-Suspense füttern. Scorsese jedoch gab sich in den folgenden Monaten vielbeschäftigt, schob immer wieder andere Projekte vor, bis er 2013 schließlich ganz absagte.

Vier Jahre später kommt "Schneemann" nun endlich ins Kino. Martin Scorsese blieb als ausführender Produzent an Bord, die Regie hatte inzwischen jedoch der schwedische Filmemacher Tomas Alfredson übernommen. Der heute 52-Jährige war mit seinem originellen und atmosphärischen Vampirgruselfilm "So finster die Nacht" aufgefallen; seine meisterlich inszenierte John-Le-Carré-Adaption "Dame, König, As, Spion" (2011) machte ihn in Hollywood zum Hoffnungsträger mit Euro-Flair.

Mit dem auf vielerlei Ebenen missratenen "Schneemann" jedoch scheint sich Alfredson verhoben zu haben. Trotz eines Schauspieler-Ensembles, das bis in die kleinste Nebenrolle geradezu absurd hochkarätig besetzt ist, trotz Vollprofis wie Oscar-Preisträger Dion Beebe ("Die Geisha") hinter der Kamera und Scorseses Meister-Cutterin Thelma Schoonmaker am Schnitt und einem dreiköpfigen Drehbuchautorenteam, zu dem neben Peter Straughan ("Dame, König, As, Spion") auch Søren Sveistrup ("The Killing") gehörte. Trotz all dieser erlesenen Einzelteile und Talente wollte aus "Der Schneemann" kein kohärenter, runder oder auch nur spannender Film werden.

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"Schneemann": So wird Harry Hole kein Kinoheld

Nachdem vergangene Woche zum Kinostart in Großbritannien die ersten miesen Kritiken erschienen waren, trat Regisseur Alfredson die Flucht nach vorne an und erklärte dem norwegischen Fernsehen, warum sein Film nicht funktioniert. Er habe zu viele Lücken in der Story lassen müssen, weil er keine Zeit gehabt habe, alle Teile der Geschichte drehen zu können, die ihm vorgeschwebt hatte, bis zu 15 Prozent des Drehbuchs seien nicht verfilmt worden: "Es ist wie bei einem Puzzle, wenn ein paar entscheidende Teile fehlen, die das Gesamtbild ergeben."

"Schneemann"

USA/UK/Schweden 2017
Originaltitel:
The Snowman
Regie: Tomas Alfredson
Drehbuch: Peter Straughan, Søren Sveistrup, Hossein Amini, Jo Nesbø (Roman)
Darsteller: Michael Fassbender, Rebecca Ferguson, Charlotte Gainsbourg, J.K. Simmons, Val Kilmer, Chloe Sevigny, Sofia Helin, James Darcy, Toby Jones
Produktion: Universal Pictures, Another Park Films, Perfect World Pictures, Working Title
Verleih: Universal
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 119 Minuten
Start: 19. Oktober 2017


Ein Puzzle ist natürlich immer ein passendes Bild, wenn es um einen Krimi geht. In mehrere sauber abgetrennte Teile zerlegt auch der Schneemann-Mörder seine Opfer, vorzugsweise junge Mütter. Warum das so sein könnte, wird in einer zumindest visuell beeindruckenden Eröffnungs-Sequenz angedeutet: In der malerisch verschneiten, aber bedrohlich kargen Landschaft nahe Bergen wird ein kleiner Junge Zeuge brutaler häuslicher Gewalt. In traumatisierenden Szenen erfährt er, dass der herrische Onkel (und Polizeichef), der seine Mutter prügelt und vergewaltigt, in Wahrheit sein Vater ist. Als der sich aus dem Staub macht, verfolgen Mutter und Sohn ihn mit einem alten, roten Volvo-Kombi, der jedoch bald darauf mitsamt der Frau in einem eisigen See versinkt.

Jahrzehnte später will der Osloer Top-Ermittler mit dem wirklich blöden Namen Harry Hole die grausamen Serienmorde auflösen, wird dabei jedoch von seinem eigenen verkorksten Familienleben und seinem Alkoholismus behindert, der ihn morgens schon mal verwahrlost in einem Unterstand im Stadtpark aufwachen lässt. Charakter-Darsteller Michael Fassbender ("Shame") spielt diesen prototypisch verkrachten Detektiv wie auf Autopilot: solide, aber weit unter seinen Möglichkeiten. Die meiste Ermittlungsarbeit übernimmt ohnehin seine junge Kollegin Katrine (Rebecca Ferguson) mit einem offensichtlich fiktiven Spürgerät namens EviSync - einem mobilen Multifunktionscomputer in der sperrigen Optik eines Laptop-Olditmers, der Gespräche, Daten und Videobilder mobil aufnimmt und mit der Polizeidatenbank abgleicht.

Die verlässlich feinnervige Ferguson ("Mission: Impossible - Rogue Nation") und das kuriose Gadget sind die heimlichen Stars eines Films, der Charlotte Gainsbourg, Val Kilmer, Sofia Helin ("Die Brücke"), Chloe Sevigny, J.K. Simmons und Toby Jones in erratischen Kurzauftritten verramscht.

Kino-Trailer: "Schneemann"

Auch die Handlung bleibt in der stockenden und sprunghaften Dramaturgie und desorientierenden Flashbacks auf der Stecke, je mehr sich das ungleiche Polizistenpärchen dem Killer nähert. Irgendwo in dieser mäßig spannenden, zeitweise unplausiblen und spürbar lückenhaften Erzählung verbirgt sich aber tatsächlich eine gute Geschichte. Sie handelt von dysfunktionalen Familien, von Vätern, die sich für Kinder verantwortlich fühlen, die nicht ihre eigenen sind - oder eben auch nicht. Und von Frauen, die das Heil ihrer ungeliebten Kinder in fragilen Patchwork-Arrangements suchen.

Vielleicht war es diese Story, die Alfredson eigentlich erzählen wollte. Nur leider kam ihm wohl die strenge Ökonomie Hollywoods in die Quere. Denn dass er noch weitaus komplexere Krimi-Gebilde in einen interessanten und atmosphärisch dichten Kino-Plot verwandeln kann, hatte Alfredson mit "Dame, König, As, Spion" ja bewiesen.

So bleibt das Spannendste an "Schneemann" die Frage, wie diese eigentlich sichere Nummer so eklatant entgleisen konnte.

insgesamt 7 Beiträge
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aleamas 19.10.2017
1. Leider...
...ist das Scheitern des Films für mich keine Überraschung. Bereits Alfredsons DAME KÖNIG ASS SPION war bei aller oberflächlichen Werktreue ein einziger Beleg dafür, wie eklatant Alfredson seine Figuren eben gerade NICHT versteht, ihre Motivation und Innenwelt zuverlässig und konsequent fehl deutet. Auch das gepriesene Drehbuch war nur an den Stellen wirklich überzeugend, wo es eng an leCarrés Roman blieb. Wann immer das Script diesen zu „interpretieren“ versuchte, entstanden geradezu peinlich platte Szenen und Dialoge. Insgesamt war bereits dieser Film ein zwar solides Stück des Unterhaltungsgenres, aber eben auch ein fürchterlich überbewertetes Vehikel, welches seinen Ruhm im Wesentlichen dem Quellenmaterial verdankt. Das Mißlingen dieser Nesbo-Adaption war somit leider zu erwarten.
larryunderwood 19.10.2017
2. Schade
Chance vertan.... Die Bücher finde ich grandios....
Charlie Whiting 19.10.2017
3. Der Trailer
hat mir gut gefallen. Aber i kenne das Buch auch nicht. Was jetzt wirklich im Film falsch laufen soll wird aber irgendwie nicht klar. Und warum in aller Welt lässt der Regisseur 15% weg? War das Geld alle? Zeitdruck? Klingt eher nach Nachlässigkeit.
karl-wanninger 19.10.2017
4. Manchmal ist es eben zuviel...
Vielleicht liegt es einfach daran, dass die Genreknochen Skandinavien-Krimi und Serienmörder-Thriller mittlerweile so abgenagt sind, dass sich daran nichts Verwertbares mehr findet.
volbirkel 20.10.2017
5.
Habe den Film noch nicht gesehen und hoffe gerade das er mir vll doch gefällt... anderenfalls ware es ja wirklich so schade! Ich liebe das Buch und allgemein die Harry Hole Reihe... Wobei Filme ja meist nie an Bücher herankommen. Ich bin gespannt....
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